Rolf Höfert: System der Pflege braucht mehr Geld - Beitragssatz zur Pflegeversicherung wird steigen

Der Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Thüringen, Rolf HöfertNeudietendorf, 5. Januar 2016. Eine weitere Steigerung des Beitragssatzes in der Pflegeversicherung wird nach Einschätzung eines der renommiertesten deutschen Pflegeexperten, Rolf Höfert, nicht zu vermeiden sein. Höfert, Geschäftsführer des Deutschen Pflegeverbandes und Vorstandsvorsitzender des Paritätischen Thüringen, ist sicher, dass die vier Milliarden Euro, die nach dem neuen Pflegestärkungsgesetz in das System der Pflege in Deutschland fließen, nicht ausreichen werden. Schon 2009 sei der Mehrbedarf in der Pflege mit 6,5 Milliarden beziffert worden. Höfert forderte, dass zumindest die jährlich in einen Vorsorgefonds fließenden 1,2 Milliarden Euro jetzt aktuell zur Abfederung der pflegerischen Herausforderungen notwendig wären.
Positiv wertet er an dem neuen Gesetz, das am 1. Januar in Kraft getreten ist, dass ab 2017 der lang geforderte neue Pflegebedürftigkeitsbegriff bzw. das neue Begutachtungsverfahren mit nunmehr fünf Pflegegraden statt der bisherigen Pflegestufen berücksichtigt werde. „Die personenbezogene Bedarfseinschätzung wird jetzt endlich Realität“, so Höfert.


Um den Herausforderungen im Pflegebereich zu genügen, forderte Höfert gleichzeitig auch eine Offensive in der Fachkräfteausbildung. Auch in Thüringen wächst der Bedarf an Fachkräften rasant. Die Zahl der Pflegebedürftigen im Freistaat erhöht sich zwischen 2012 und 2030 und durchschnittlich 32 Prozent. Im gleichen Zeitraum wächst allerdings die Zahl der benötigten Fachkräfte um 48 Prozent. Mittlerweile sind vereinzelten Pflegeeinrichtungen im ländlichen Raum in Thüringen schon durch die Heimaufsicht ein Aufnahmestopp auferlegt worden, weil die 50-prozentige Fachkräftequote nicht mehr gewährleistet werden kann. Ambulante Pflegedienste können teilweise keine Pflegebedürftigen mehr annehmen, da ebenfalls die MitarbeiterInnen fehlen, die die Touren ableisten können, so Höfert.

Der Geschäftsführer des Deutschen Pflegeverbandes verlangt außerdem die Schulgeldfreiheit für die Pflegeausbildung. Es gebe von 16 Bundesländern derzeit nur noch vier, die das Schulgeld erheben, darunter sei auch Thüringen. Eine ausreichende Finanzierung der Pflegeschulen in Freier Trägerschaft ist eine weitere Forderung, die Höfert an die Landesregierung stellt. Er verweist auf die Novelle des Gesetzes über Schulen in Freier Trägerschaft, die 2015 verabschiedet wurde und die gegen den Widerstand der Sozialverbände die Förderquote für die Ausbildung in Sozialberufen zurückgeschraubt habe.

Wichtig ist für ihn auch eine ausgeprägte Willkommenskultur gegenüber ausländischen Pflegekräften. Denn man sei, um den Fachkräftebedarf zu decken, auf mehr ausländische MitarbeiterInnen angewiesen, so Höfert, der ausdrücklich die gemeinsamen Bemühungen von Sozialverbänden und Landesregierung unterstützt, Pflegefachkräfte aus Griechenland anzuwerben.

„Pflegepolitisch zeigen unsere langjährigen Forderungen in dieser Legislaturperiode Ansätze zum Erfolg“, so Höfert, der auch auf die Vorlage eines Berufsgesetzes Pflege verwies, in dem die von Pflege-Experten seit langem geforderte generalistische Ausbildung von in der Pflege festgeschrieben werden soll. Der Abschluss der Pflegeausbildung soll mit einer Vertiefung bzw. Einem Schwerpunkt in einem der Bereiche – Altenpflege, Krankenpflege und Kinderkrankenpflege – erfolgen. „Der Notwendigkeit für eine generalistische Ausbildung vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und der steigenden Anzahl multimorbider Pflegebedürftigkeit in allen Bereichen kann nicht mehr mit Sparten-Qualifikation begegnet werden“, so Höfert. Er verweist darauf, dass auf der einen Seite in Alten- und Pflegeeinrichtungen viele schwerstkranke Versicherte pflegerisch zu versorgen seien, auf der anderen Seite aber in Krankenhäusern die Zahl der Patienten mit eingeschränkter Alttagskompetenz (Demenz/Alzheimer) steige. Höfert mahnte aber dazu, sich für die Beratung des Gesetzentwurfes Zeit zu nehmen, da noch an einigen Stellschrauben nachjustiert werden müsste.

Tags: Pflege, Pflegereform, Rolf Höfert

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