Cardea-Fachtag: Langzeitarbeitslose mit großen gesundheitlichen Problemen - Intensives Coaching kann helfen

Die Studierenden der Hochschule Nordhausen vor ihrer FotoausstellungErfurt, 3. Juni 2016. Simone Branz blickt zufrieden auf die vielen Bilder, die hier, im hinteren Teil des Saales im Landtag, aufgebaut sind. Sie zeigen Menschen, die mal traurig, mal auch optimistisch in die Kamera blicken. Auf einem der Bilder ist eine Mutter mit ihrer Tochter zu sehen. Das Mädchen schiebt die Mutter an. „Das gibt genau die Situation wider, in der dieses Bild entstanden ist“, erzählt Simone Branz. Die von Depressionen gequälte Mutter erhält neuen Mut, sich den Herausforderungen des Alltags zu stellen, durch ihre Tochter.


Den Menschen, die hier zu sehen sind, ist eins gemeinsam: Sie leiden alle unter Depressionen. Und sie nehmen Teil am Tizian-Projekt in Nordhausen, mit dem vor allem Langzeitarbeitslosen geholfen werden soll. Die Fotos sind aus einer Kooperation zwischen der Hochschule Nordhausen und dem Verein „Horizont“ entstanden. „Als wir die Idee zu dem Projekt hatten, wollten wir eigentlich die Betroffenen anonymisiert zeigen“, erzählt die Studentin Simone Branz. Aber während des Projektes waren es die Betroffenen selbst, die darauf drängten, ihr Gesicht zu zeigen, die zu ihrer Krankheit stehen wollten, die mit dem offenen Umgang damit auch anderen Betroffenen Mut machen wollen. Die Bilder sind während der intensiven Gespräche entstanden, die die Studierenden mit den Betroffenen führten, sie sind nicht gestellt. Diese Natürlichkeit und Offenheit sieht man den Bildern auch an. Erstaunlich: Viele der Fotos sind nicht von düsteren Farben bestimmt, sondern leuchten hell. „Wir wollen auf das Problem Depression aufmerksam machen, das ja viele Facetten hat“, sagt Torsten Wendt vom Verein Horizont, Kooperationspartner der Hochschule (unser Foto zeigt die Studierenden vor der Fotoausstellung)

Depression ist eine Krankheit, von der viele Langzeitarbeitslose betroffen sind. Deshalb passt diese Fotoausstellung auch zu der Fachtagung des Projektes Cardea 2.0, die an diesem Tag im Landtag stattfindet. Die psychosoziale Gesundheit in der Integrationsarbeit von Erwerbslosen steht dabei im Mittelpunkt. Integrationscoaches und Integrationsbegleiter, VertreterInnen von Jobcentern und Krankenkassen sind an diesem Tag gekommen, um über ein Thema zu diskutieren, das auch für die Politik immer wichtiger wird.

Staatssekretärin Ines Feierabend (rechts) mit Ina Leukefeld, Landtagsabgeordneter der LinksparteiDas unterstreicht Ines Feierabend, die Staatssekretärin im Thüringer Arbeitsministerium (im Bild rechts zusammen mit der Landtagsabgeordneten Ina Leukefeld von der Linkspartei). „Das Thema Gesundheit hat bisher viel zu selten im Fokus gestanden“, sagt sie. Dabei bewegen sich immer mehr Langzeitarbeitslose in einem Teufelskreis aus gesundheitlichen Problemen und Vermittlungshemmnissen. „Je länger jemand arbeitslos ist, umso geringer wird die Vermittlungsfähigkeit“, so Feierabend. Eben weil körperliche und psychische Beschwerden Arbeitslose umso mehr plagen, je länger sie ohne Job sind. Bei den Langzeitarbeitslosen leidet mehr als jeder Dritte unter psychosozialen Erkrankungen, Tendenz steigend, so Feierabend. Allein bei der AOK ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen, die wegen psychischer Erkrankungen in ärztlicher Behandlung sind, von 32,6 auf 40,2 Prozent gestiegen. Im Rahmen des Projektes Tizian, so Feierabend, wünschten sich 25 Prozent der Teilnehmenden Hilfe bei der Lösung von gesundheitlichen Problemen, 20 Prozent suchten Hilfe wegen psychischer Problemlagen. Erschwerend kommt hinzu, dass die positive Entwicklung auf dem Thüringer Arbeitsmarkt an den Langzeitarbeitslosen vorbeigeht. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen unter den Arbeitslosen ist von 2010 bis 2015 von 331, auf 35,2 Prozent angestiegen. Feierabend rief dazu auf, die Chancen zu nutzen, die sich aus einer Gesundheitsförderung von Langzeitarbeitslosen ergeben. Eine engere Verknüpfung der Akteure ist aus ihrer Sicht dafür entscheidend.

Mehr als 100 Interessierte kamen zum Cardea-FachtagReinhard Müller, der Landgeschäftsführer des Paritätischen, lobte die Arbeitsmarktpolitik in Thüringen, die schon seit Jahren ganz konkret auf die Menschen ausgerichtet sei und nicht darauf, durch möglichst hohe Fallzahlen ein positives Bild zu zeichnen. Zielgerichtet gehe man in den Projekten auf die Integrationsfähigkeit jedes Einzelnen ein. Projekte in diesem Bereich müssten immer nah am richtigen Arbeitsmarkt positioniert werden, so Müller.

Stefanie Unger, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg, untermauerte mit wissenschaftlich aufbereitetem Zahlenmaterial die These von der schlechteren Gesundheit von Langzeitarbeitslosen. Ihr Fazit: Personen mit schlechterer Gesundheit haben ein größeres Risiko, in Arbeitslosigkeit zu geraten bzw. zu verbleiben. Arbeitsplatzverlust wirkt sich negativ auf die körperliche und mentale Gesundheit aus, während Wiederbeschäftigung sich positiv auf das Wohlbefinden – sowohl körperlich wie auch mental – auswirkt. Dabei beeinflusst die Qualität der verlorenen oder wiederaufgenommenen Tätigkeit die Stärke des Gesundheitseffekts. Frauen berichten eher von psychischen Einschränkungen als Männer. Und: Die Arbeitslosigkeit hat bei Älteren einen deutlich negativeren Effekt auf die Gesundheit als bei Jüngeren.

Dass Coaching bei Arbeitslosen positive Effekte auf die seelische Gesundheit hat, untermauerte Professor Matthias Schmidt von der Hochschule Göritz-Zittau. Er hatte ein konkretes Coaching-Projekt in der Modellregion Ostsachsen begleitet. Dort waren etwa 1300 junge Arbeitslose mit einem ungünstigen Betreuungsschlüssel in den Jobcentern registriert. Sie hatten sowohl persönliche wie auch fachliche Defizite und ihnen fehlte Berufserfahrung. 30 Prozent von ihnen gaben an, unter Depression zu leiden. Für die jungen Leute fehlten trotz Fachkräftemangels passende Arbeitsplätze. Am Ende des Coaching-Projektes, an dem 484 junge Arbeitslose teilgenommen hatten, konnten 272 Teilnehmende in Arbeit und Ausbildung integriert werden. Das entspricht einer Erfolgsquote von 56,2 Prozent. Die Tageszeitung „Die Welt“ berichtete seinerzeit über das Projekt unter der Schlagzeile „Jobwunder in Görlitz“. Zu dem Projekt gehörte auch ein intensives fünfwöchiges vorbereitendes Training für die Coaches, ein regelmäßiges Fall-Monitoring im Team, mit der Projektleitung und externen Experten. Die Jugendlichen wurden in allen Projektphasen und während der Übergangszeit intensiv begleitet. Außerdem machten die Coaches Stellenakquise bei regionalen Unternehmen sowie ein fallbezogenes Kontaktmanagement mit Vermittlern und Trägern.

Am Nachmittag fanden sich die BesucherInnen des Fachtages zu Workshoprunden ein, die durch das Team CARDEA 2.0 sowie die DozentInnen vom Vormittag, Frau Unger und Herrn Prof. Schmidt, ko-moderiert wurden. Im Workshop der TIZIAN und TIZIAN Plus Projekte gab Herr Wendt von Horizont e.V. einen Einblick in den gelungenen Start des Projektes GECKO und lud im Nachgang zusammen mit der Dozentin Frau Unger zu einem Austausch der gehörten Inhalte ein. In weiteren Kleingruppen stand vor allem der Austausch zu unterschiedlichen Belangen des Arbeitsalltages im Vordergrund, sodass hier neben Gesprächen zwischen den Trägern auch Vernetzungen auf regionaler Ebene stattfanden und unterschiedlichste Belange im Umfeld der beratenden Arbeit von KollegInnen aus Jobcentern, den Integrationsbegleitern und Coaches diskutiert wurden.

Das von Professor Matthias Schmidt beschriebene Beispiel zeigt, wie die jungen Menschen und die Betreuer in Ostsachsen die sich ihnen gebotenen Chancen genutzt. Sie haben sich an das gehalten, was bei dem Kooperationsprojekt zwischen Hochschule Nordhausen und Horizont e.V. in Nordhausen einer der Teilnehmenden auf ein Banner geschrieben hatte, das entlang der Saalwand im Landtag ausgerollt war. Dort heißt es: „Schau nach vorn und nicht zurück, denn das, was war, ist nicht dein Glück.“

Tags: Langzeitarbeitslose, Cardea2.0

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