Kampagne „Thüringen gegen häusliche Gewalt“ gestartet – Schutz von Kindern und Jugendlichen verbessern

Fachtag gegen häusliche GewaltErfurt, 30. Mai 2017. Karin Just vom Kinderschutzdienst Weimar weiß, welche Traumata Kinder zu bewältigen haben, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind oder diese miterleben mussten. Sie erzählen von Drohungen, aber auch von Beschwichtigungsversuchen, beispielsweise von verprügelten Müttern. „So schlimm war das doch gar nicht. Ich habe nur ein wenig geblutet“, berichtete eines der Kinder über die Reaktion der Mutter nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Ein anderes Kind erzählte ihr von Drohungen seines Vaters: „Wenn die Mama nicht bis zu meinem Geburtstag zurück ist, passiert etwas. Richte ihr das aus“, habe der Vater gesagt. Diese Traumata müssen überwunden und bewältigt werden. Eine Kindergruppe des Kinderschutzdienstes Weimar hilft den Mädchen und Jungen dabei. Weimar ist eine von lediglich zwei Gruppen dieser Art, die es in Thüringen gibt. Ein flächendeckendes Netz solcher Betreuungsgruppen wünscht sich Julia Hohmann vom Paritätischen Thüringen. Allein dieses Beispiel zeigt, dass auch im Freistaat der Schutz von Kindern und Jugendlichen noch an vielen Stellen verbessert werden kann. Das ist das Ergebnis der Auftaktveranstaltung zu einer landesweiten Kampagne, die das Thema häusliche Gewalt stärker als bislang in den Fokus des öffentlichen Interesses rücken soll.


„Wir müssen darüber reden“, sagt auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, der Schirmherr der Kampagne, in einer Videobotschaft an den Fachtag. Noch zu oft sei das Ganze ein Tabuthema, bestätigt Ramelow die Erfahrung vieler Experten. „Es gibt noch viel zu tun“, sagt  Professor Ludwig Salgo von der Goethe-Universität Frankfurt, der sich schon seit langem für einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen einsetzt. „Kinderschutz in Deutschland ist nicht kinderzentriert, sondern elternzentriert“, fordert er in seinem Vortrag zum Umdenken auf. Er beklagt häufige Ignoranz gegenüber häuslicher Gewalt, Gerichte zeigten oft mehr Verständnis für Väter als für die betroffenen Mütter oder Kinder.

Häusliche Gewalt ist, so Salgo, immer mit einem hohen Risiko für Kinder verbunden. Er sieht an vielen Schnittstellen, beispielsweise in der Zusammenarbeit von Polizei und Jugendämtern noch Nachbesserungsbedarf. Er verlangt schnellere Entscheidungsprozesse und er beklagt erhebliche Aus- und Fortbildungsdefizite gerade in der Justiz. Richter müssten verbindlich zu Fortbildungen in diesem Bereich verpflichtet werden. Das sei auch in Thüringen noch nicht der Fall. Hier forderte er die Landesregierung zum Handeln auf.

„Es gibt kein Defizit an rechtlichen Regelungen, sondern ein Vollzugsdefizit, das einhergeht mit einem Ressourcen- und Haltungsdefizit“, so Salgo. Er beklagte, dass gerade an Familiengerichten eine zu starke Konzentration auf die Sicherung des Umgangs des Kindes mit den Elternteilen gelegt werde. „Im Zweifelsfall hat aber der Schutz des Kindes Vorrang“, machte er deutlich.

Die „ExpertInnengruppe Kinderschutz bei häuslicher Gewalt“ ist schon seit vielen Jahren in Thüringen aktiv. Die dort Mitarbeitenden verlangten in der Veranstaltung eine engere Verzahnung der Unterstützungs- und Hilfssysteme in Thüringen, aber auch eine vor allem bessere personelle Ausstattung in diesem Bereich. Gerade der Faktor Zeit spiele bei der Arbeit mit betroffenen Kindern eine entscheidende Rolle. „Es ist wichtig, die Kinder schnell anzusprechen und ihnen Hilfe anzubieten.“

In Thüringen wird mittlerweile die Arbeit in diesem Bereich von Frank Tempel in der Koordinierungsstelle gegen häusliche Gewalt zusammengefasst. Er fungiert als Ansprechpartner, seine Aufgabe ist es, dass sich Behörden und Einrichtungen enger untereinander abstimmen, dass Polizei, Opfer- und Täterberatungen sowie Jugendämter und Kinderschutzeinrichtungen enger zusammenarbeiten. Auch der Thüringer Maßnahmenplan gegen häusliche Gewalt soll fortgeschrieben werden.

Thüringen ist auch dabei, das erfolgreiche sächsiche Modell einer schnellen und unabhängigen Beratung für Kinder zu prüfen und gegebenenfalls auch einzuführen.

Es ist also in diesem Bereich viel in Bewegung. Wichtig ist es jetzt, so das Fazit, eine bessere Vernetzung herzustellen, um die Lücken, die es im Hilfesystem noch gibt, zu schließen. Und die Kampagne soll auch die Öffentlichkeit stärker für die Thematik sensibilisieren. „Wir werden an dem Thema dran bleiben und die Kampagne in die Öffentlichkeit tragen“, versprach Julia Hohmann vom Paritätischen.

Tags: Bodo Ramelow, häusliche Gewalt, Julia Hohmann

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