„Stärken der Kinder stärken und ihnen Mut machen“ - Fachtag zu ADHS, Legasthenie und Diskalkulie

2018 10 26 buchstabenBodo Ramelow, Thüringens Ministerpräsident, weiß, wie es sich anfühlt, wenn man als Kind „anders“ ist. „Die Buchstaben wirbelten beim Schreiben nur so in meinem Kopf durcheinander“, erzählt er bei einer Veranstaltung der Sozialen Initiative Camburg in Jena. Seine Lehrer attestierten ihm Faulheit, die Eltern waren überfordert. Erst mit 20 Jahren wurde bei ihm eine Rechtschreibschwäche festgestellt. Seither geht Ramelow damit sehr offen um. Der „Berliner Morgenpost“ sagte er einmal: „Es war erlösend, als ich wusste, es ist Legasthenie. Es ist bitter, wenn man Legastheniker ist, dies aber nicht weiß und man das lange Zeit als Dummheit ausgelegt bekommt.“ Bei der Veranstaltung in Jena zeigt er sich überzeugt, dass er ohne diesen offenen Umgang mit der Legasthenie nicht dahin gekommen wäre, wo er heute ist. Der Weimarer Kinderpsychiater Christian Alexander Demisch zollt dem Respekt und nennt Ramelows Umgang mit seiner Schwäche ein mutmachendes Zeichen für alle, die davon betroffen sind. Etwa jedes zehnte Kind leidet unter Legasthenie in Deutschland. Aber es ist nicht nur die Rechtschreibschwäche, die dieser Fachtag in den Fokus rücken will: Es geht auch um AD(H)S oder um Rechenschwäche. „Alle davon Betroffenen können ihr Leben erfolgreich gestalten, vielleicht gerade weil sie anders sind, weil sie früh lernen sich durchzukämpfen“, so die Vorsitzende der Sozialen Initiative Camburg, Heike Weber.

Der Fachtag soll Mut machen, und zwar sowohl Eltern wie auch Pädagoginnen und Pädagogen. Kinder, die anders sind, benötigen viel Einfühlungsvermögen, oft werden ihre Schwächen erst spät erkannt. Und nicht jeder hat, wie in einem Einspielfilm gezeigt, eine gute Fee, die den Eltern klar macht, dass sie ganz besondere Kinder haben, auf die sie stolz sein können und die viele andere Stärken aufweisen. 2018 10 26 ADHS Fachtag„In jeder Klasse sitzt mindestens ein Schüler mit ADS oder ADHS“, sagt bei der Veranstaltung der Kinderpsychiater Christian Alexander Demisch. Für eine erfolgreiche Behandlung hält er ein gutes Zusammenspiel zwischen Eltern, Kindergärten, Schule und Therapeuten für unabdingbar. Und Medikamente sollten seiner Meinung nach nur verschrieben werden, wenn alle anderen Maßnahmen wie Konzentrationstraining und Ähnliches nicht ausreichen.
Dr. Thomas Grüning, der Leiter des Instituts für Lese- und Rechtschreibtraining in Jena, wies bei der Veranstaltung darauf hin, dass es wichtig sei, Legasthenie früh genug zu erkennen. 80 Prozent der Betroffenen sind Jungen, 20 Prozent Mädchen. „Die Kinder haben in ihrem Kopf kein Bild von dem Wort, sondern sie schreiben das, was sie hören.“ Schwierig werde es vor allem bei Zwielauten, wenn die Ohren nicht weiterhelfen.
Rechenschwäche wird im Vergleich zur Legasthenie oft relativ spät erkannt, weil die Kinder gerade im Grundschulalter sich oft alternative Wege suchen – zum Beispiel das Abzählen an den Fingern. Aber auch hier gilt: Je früher die Therapie beginnt umso besser. Das machten Vertreter des Zentrums zur Therapie der Rechenschwäche aus Jena deutlich. „Wenn einmal der Faden verloren gegangen ist, dann ist er weg. Deshalb ist es unsere Aufgabe herauszufinden, wo der Weg der Mathematik verlassen wurde“, machten sie den Teilnehmenden der Tagung deutlich.
Als der Ministerpräsident nach der Diskussion zum nächsten Termin fuhr, hatte er einen Brief in seiner Mappe, in dem Heike Weber auch im Namen des Mitveranstalters, der Selbsthilfegruppe Expertenstammtisch für alle von ADHS Betroffenen und deren Angehörigen, eine Reihe von Wünschen aufgeschrieben hatte, wie das Schulsystem in Thüringen für die Kinder, die „anders“ sind, verbessert werden kann. Dazu gehören auch festgeschriebene und für die Eltern einforderbare Nachteilsausgleiche für Kinder mit Diskalkulie oder AD(H)S – für Legasthenie gibt es solche Festlegungen bereits. Ramelow versprach sich zu kümmern und die Anregungen an den Bildungsminister weiter zu leiten.

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