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Mitglieder

Erfurter Mediations-Praxis: "Mediatoren strecken nie die Waffen"

Die Gründungsmitglieder der Erfurter Mediations-Praxis (EMP)Erfurt, 31. Juli 2015. Das junge Paar genoss das Familienglück mit ihrer zweijährigen Tochter, bis plötzlich die eheähnliche Gemeinschaft für die lebenshungrige Frau und Mutter nicht mehr erstrebenswert erschien. Die junge Frau ist verzweifelt, denn ihr Freund hat ihr bis vor kurzem bei einer lebensbedrohlichen Krankheit zu Seite gestanden – und eigentlich müsste sie ihm gegenüber dankbar sein. Aber sie hat sich neu verliebt. Nach der Genesungsphase verlässt sie die gemeinsame Wohnung. Sie möchte bei dem gemeinsamen Sorgerecht für die Tochter das Umgangsrecht nach ihren Wünschen bestimmen. Ihr früherer Lebensgefährte hat aber ganz andere Vorstellungen, da er ja aus der Krankheitszeit weiß, dass er alles auch alleine schaffen kann. Das Paar kann sich nicht einigen, möchte sich und der Tochter aber auch einen Gerichtsprozess ersparen. Der Ausweg: Sie wenden sich an die Erfurter Mediations-Praxis (EMP). Dort sitzen erfahrene Mediatoren, die auch in scheinbar aussichtslosen und verfahren scheinenden Konfliktfällen eine Lösung finden.


So auch im Fall des jungen Paares. So verständigte man sich nach vielen Sitzungen einvernehmlich auf das sogenannte Wechselmodell. Dabei hält jeder Elternteil für das Kind ein Kinderzimmer für den wöchentlich abwechselnden Besuch bereit. Bis zur Mediationsvereinbarung, die immer am Ende eines solchen Mediationsprozesses steht, haben die Eltern das Modell ausgetestet und wissen, dass es dem Kind beim jeweils anderen gut geht.
Das Spektrum der Mediationsangebote in der Erfurter Mediations-Praxis, eine Mitgliedsorganisation des Paritätischen, ist breit gefächert. Es reicht von Mobbing in der Schule über Mietstreitigkeiten oder Krach zwischen den Nachbarn bis hin zu Auseinandersetzungen in der Arbeitswelt, aber auch Mediation in Kirche und Gemeinden wird angeboten. Eins aber zeichnet die Erfurter Praxis aus: Der Mediationsverein bietet als einziger in Deutschland für verfahrenskostenhilfeberechtigte Personen – so die offizielle Bezeichnung – kostenlose Mediation an. Die einkommensschwachen Familien zahlen dann pro Sitzung nur ein symbolisches Entgelt von fünf Euro für 90 Minuten.
Petra Boss ist Rechtsanwältin in Erfurt und die Vorsitzende des Vereins. Sie erzählt von den Anfängen. An der Fachhochschule Erfurt haben alle Mitglieder eine Ausbildung zum Mediator bei Professor Hans-Dieter Will absolviert. Nach der Ausbildung hat man sich weiter getroffen und den Beschluss gefasst, sich zusammenzutun. In dem Verein sind aber nicht nur Juristen als Mediatoren tätig, auch Psychologen, Sozialarbeiter und viele andere Berufszweige sind dabei „Wichtig bei einer Mediation ist es, dass die Betroffenen die Lösungsvorschläge selbst erarbeiten“, beschreibt Boss den Prozess der Mediation. Gerade im Familienrecht gehe es häufig darum, dass die Streitigkeiten nicht auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden.
Gibt es auch aussichtslose Fälle? Renate Boss wehrt ab: „Mediatoren strecken nie die Waffen.“ Wenn die Gräben zu Anfang allerdings zu tief sind, dann wird auch schon mal in getrennten Räumen mit den Parteien gesprochen. Am Ende des gesamten Prozesses, der sich über mehrere Sitzungen hinziehen kann, steht eine Mediationsvereinbarung oder ein Teilvertrag, dessen Einhaltung die Parteien selbst überwachen.
Tief war das Zerwürfnis auch bei einem Fall, den die Mediatoren ebenfalls lösen konnten. Die Oma von Peter (Name geändert) fragte nach einem Mediationstermin. Ihre alleinerziehende Tochter sei nicht bereit zur Verständigung. Wunsch der Oma war es, ihren Enkelsohn zu sehen. Das verweigerte die Tochter. Die Mediatoren gingen in die Spur und fragten die Tochter nach ihren Gründen. Dabei kam heraus, dass sie ihrem Sohn nicht grundsätzlich die Oma entziehen wolle, da sie selbst früher gerne bei ihrer Oma war. Allerdings sitzt der Streit zwischen Mutter und Tochter tief und rührt aus der Zeit der Scheidung der Tochter. Einzelgespräche sind in diesem Fall notwendig. Am Ende steht aber ein Besuchskonzept für das Enkelkind und der grundlegende Konflikt zwischen Mutter und Tochter kann aus dem Oma-Enkel-Verhältnis herausgehalten werden.
Ein anderer Fall: Ein getrennt lebendes Paar konnte sich nicht darüber einigen, ob der gemeinsame Sohn eine Schule in Erfurt oder im Weimarer Land besuchen kann. Bis zum Zeitpunkt der Schulpflicht waren sich die Eltern über den Umgang mit ihrem Sohn einig. Sie hatten seit über drei Jahren jeweils ein Kinderzimmer vorgehalten, gemeinsam einen Kindergartenplatz finanziert und ein soziales Umfeld für ihren Sohn aufgebaut. Jetzt waren beide zwar bereit, dem jeweils anderen einen großzügigen Ferien- und Wochenendumfang mit ihrem Sohn zuzugestehen, aber keiner wollte wochentags auf das Kind verzichten. Bei der Befragung durch die Mediatoren standen die Wünsche und Bedürfnisse der Beteiligten, insbesondere des Kindes, im Mittelpunkt. Wunsch des Kindes, so kam schnell heraus, war, dass sich die Eltern irgendwie „ohne Geschrei“ einigen sollen. Diese Einigung wurde dann auch gemeinsam erreicht – und der Junge ist glücklich.
Mediation ist ein Weg, um scheinbar aussichtslose Situationen zu lösen – bevor man den Weg zum Gericht beschreitet. „Mediation schafft Neues und hilft, zerstörerische Konflikte zu lösen und gemeinsame Perspektiven zu eröffnen“, sagt Petra Boss.

Weitere Infos und Kontakt zum Verein: www.emp-ev.de

Tags: Mitgliedsorganisationen, Mediation, Erfurter Mediations-Praxis

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