„Befragung: Frauenschutz ist Kinderschutz: Bestandsaufnahme und Weiterentwicklung der Zusammenarbeit und Vernetzung der Hilfesysteme Frauenschutz und Jugendhilfe"

Fotolia 10493164 XLSeit Oktober 2010 arbeitet die vom Paritätischen initiierte ExpertInnengruppe an einer besseren Verzahnung des Frauenschutzsystems mit der öffentlichen Jugendhilfe. Doch worin genau liegen konkrete Handlungs- Verbesserungsbedarfe in der Zusammenarbeit der beiden Hilfesysteme? Um das herauszufinden hat sich die ExpertInnengruppe entschieden eine Befragung ins Leben zu rufen die einen ersten Überblick zur Situation in Thüringen geben soll. Auf Grund begrenzter Ressourcen konzentrierte sich die Befragung auf Frauenhäuser, Interventionsstellen und Kinder- und Jugendschutzdienste. Im Zeitraum September 2011 bis Februar 2012 wurde die Befragung durchgeführt und durch den Paritätischen ausgewertet. Am 15.05.2012 wurde im Rahmen des Fachtages „Jeder Schlag trifft – Was brauchen wir zu einer besseren Verzahnung von Frauenschutz und Kinderschutz?" ein Überblick der Befragungsergebnisse präsentiert.

Die Ergebnisse zeigen einen hohen Anteil an mitbetroffenen Kindern zwischen 0 bis 5 und 6 bis 13 Jahren die bei den Frauenhäuser und Interventionsstellen verzeichnet werden. Auch wenn Frauenhäuser keine anerkannten Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sind, so haben der Kinderschutz und die Einschätzung des Kindeswohls in der praktischen Arbeit eine hohe Bedeutung.

Der Schwerpunkt der Interventionsstellen liegt in der pro aktiven Beratung von Gewalt betroffenen Erwachsenen. Ein direkter Zugang zu mitbetroffenen Kindern ist nicht gegeben, dies erschwert die zielführende Beratungs- Vermittlungsleistung von Kinder und Jugendlichen in das regionale Hilfesystem. Insbesondere Kinder ab dem 7. Lebensjahr und Jugendliche nutzen die Angebote der Kinder- und Jugendschutzdienste. Ausgehend von der Gesamtfallzahl in den Kinder- und Jugendschutzdiensten konnte in 13% der Fälle, häusliche Gewalt im direkten Zusammenhang der Fallarbeit verzeichnet werden. Jedoch liegt es nahe, dass der Indikator „häusliche Gewalt" von weiteren Problemlagen wie z.B. körperlicher und sexueller Gewalt oder interfamiliären Problemlagen verdeckt wird. Dies erschwert die statistische Erfassung.

Je nach Alter der Kinder und Jugendlichen unterscheiden sich die Zugänge zum Hilfesystem. Ebenfalls wurde ersichtlich, dass Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren weniger im befragten Hilfesystem ankommen. Hier stellt sich die Frage, wie können Zugänge für Teenager aussehen und was brauchen Jugendliche die über viele Jahre Partnerschaftsgewalt im häuslichen Umfeld durchlebt haben, um Traumatisierungen zu überwinden und zukünftig in einer gewaltfreien Beziehung zu leben.

Der 2. Befragungsteil konzentrierte sich auf die regionalspezifische quantitative und qualitative Bewertung der Zusammenarbeit mit der örtlichen Jugendhilfe und dem Hilfesystem. Es zeigt sich, dass ein Großteil der Einrichtungen Kontakte zum örtlichen Hilfesystem aufgebaut haben. Insbesondere zum Allgemeinen Sozialen Dienst, sowie zur Erziehungsberatung, Kita, Schule usw. Je nach befragter Einrichtungsart unterscheidet sich die Intensität und Art und Weise der Zusammenarbeit. Die Beurteilung der regionalen Zusammenarbeit fällt laut Befragung durchschnittlich positiv aus. Jedoch gibt es Standartabweichung, welche sehr gute aber auch kritische Aspekte der Zusammenarbeit signalisiert. Diese Signale wurden durch die qualitative Bewertung der Zusammenarbeit differenzierter betrachtet.

Als positive in der Zusammenarbeit mit örtlicher Jugendhilfe wurde zum Teil eine gute Kommunikationsstruktur benannt, aber auch die Sensibilität einzelner MitarbeiterInnen im Jugendamt sowie die konkrete Einzelfallarbeit unter Einbeziehung der Fachkraft aus dem Frauenschutzbereich.
Folgende Verbesserungsbedarfe zur Zusammenarbeit mit örtlicher Jugendhilfe wurden angezeigt:

  • Bessere/intensivere Einbeziehung der Frauenschutzeinrichtungen in die Fallarbeit
  • Einhaltung und Umsetzung von gemeinsamen Absprachen
  • Transparenz von Entscheidungen
  • Klärung von Zuständigkeiten und Verfahrenswegen
  • Sensibilisierung der Fachkräfte für Lebenslagen von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen und Kindern

Generell ist ein hoher Bedarf an der Weiterentwicklung der Angebotsstruktur des gesamten regionalen Hilfesystems zu erkennen. Betont wurde die Etablierung flächendeckender Angebote von Kinder- und Jugendschutzdiensten sowie spezifische Angebote für betroffene Kinder und Jugendliche, der Einsatz von SchulsozialarbeiterInnen, die Notwendigkeit regionaler Täterberatungsstellen und der Ausbau niedrigschwelliger Angebote im Sinne Früher Hilfen und Prävention wurde betont.

Neben der Weiterentwicklung von Angebotsstrukturen wurde die Sicherung und Stärkung finanzieller Ressourcen angesprochen, die notwendig ist um weiter professionelle Arbeit zu leisten. Der Paritätische unterstützt diese Forderung. Anfang 2012 stand Thüringen kurz vor dem Zusammenbruch des gesamten Opferschutz und Frauenhilfesystems. Hintergrund war die von Minister Voß verhangene Bewirtschaftungsreserve von 20% auf alle freiwilligen Leistungen. Die Sicherstellung des Opferschutzes in Thüringen sollte aus Sicht des Paritätischen Landespolitisch einer höheren Priorität beigemessen werden. Die langfristige Sicherstellung des Frauenschutz und Kinderschutz, darf nicht auf Kosten von Einsparungen und Kürzungen gefährdet werden. Land und Kommunen müssen dafür Sorge tragen, dass für Opfer von Gewaltverbrechen entsprechende Schutzmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Der jetzige Bestand an Frauenschutzeinrichtungen darf keinesfalls unterschritten werden! Die Ergebnisse der Befragung „Frauenschutz ist Kinderschutz" unterstreichen diese Forderung und zeigen deutlich die Wichtigkeit und Notwendigkeit eines intakten Hilfenetzwerkes auf. Weitere Finanzielle Einschränkungen kann ein solches Hilfesystem nicht mehr Stand halten.

Im Anhang finden Sie die wichtigsten Informationen zur Befragung.

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