"Wir brauchen Hilfe beim Helfen"

Mit diesem Appell richtet wendet sich Ernst-Martin Stüllein, Geschäftsführer des Multikulturellen Zentrums L’Amitié in Gotha an die Öffentlichkeit. In einem Interview mit Landeswelle Thüringen schildert Stüllein die Arbeit des Vereins und lobt das Engagement der Thüringerinnen und Thüringer für die Flüchtlinge. Viele, vor allem junge Menschen, hätten sich auch bei seinem Verein gemeldet und wollten mit anpacken.

Das Interview mit Ernst-Martin Stüllein zum Nachhören:   

Willkommenskultur

„An einem sicheren Ort zu leben, ist kein Luxus, sondern ein Menschenrecht“ - Tausende demonstrierten in Erfurt für Mitmenschlichkeit - PARITÄTERINNEN und PARITÄTER zeigten Gesicht

Die Paritätische Fahne wurde auch auf dem Domplatz geschwungenErfurt, 9. Dezember 2015. Anna Chombe vom Family-Club Erfurt steht auf der großen Bühne auf dem Erfurter Domplatz. Vor ihr stehen mehr als 6000 Menschen, Thüringerinnen und Thüringer, die gekommen sind, um ein Zeichen für Mitmenschlichkeit und Toleranz in Thüringen zu setzen. Anna Chombe und Susanne Zwiebler, Landesgeschäftsführerin des Deutschen Familienverbandes stehen stellvertretend für die vielen Tausend Helferinnen und Helfer, die sich landesweit um die Geflüchteten. Sie erzählen von ihrer Arbeit in den Erstaufnahmeeinrichtungen, von ihren Wünschen und Vorstellungen, sie appellieren an die Politik, klare öffentliche Hilfestrukturen zu schaffen und den Geflüchteten leichteren Zugang zur ärztlichen Versorgung zu gewähren. Und Anna Chombe ruft unter großem Beifall den Menschen auf dem Domplatz zu: „Ich kann nur allen raten, die sich gegen Geflüchtete stellen: Hört den Geflüchteten zu. Hört euch ihre Geschichten an und ihr werdet eure Meinung ändern.“


Der Informationsstand des Paritätischen auf dem DomplatzEiner Geflüchteten hören an diesem Abend alle gebannt zu. Es ist einer der emotionalen Höhepunkte der Veranstaltung, als Salma Alarja die Bühne betritt. Sie ist erst vor kurzem aus Syrien geflüchtet, hat in Thüringen Schutz und Hilfe gefunden. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem zweijährigen Sohn tritt sie vor die Menschenmenge. „Der Geruch des Todes ist stärker als der menschliche Wille“, sagt sie, als sie von Syrien erzählt und warum sie sich mit ihrer Familie auf die beschwerliche und gefährliche Flucht begeben hat. Sie dankt Angela Merkel und der Bundesregierung für die Aufnahme in Deutschland. An einem sicheren Ort zu leben sei kein Luxus, sondern ein Menschenrecht, fügt sie hinzu. Wenn sie von Thüringen spricht, dann redet sie von „meiner neuen Heimat“ und von Deutschland als „meinem neuen Heimatland“. Und sie verspricht: „Das werde ich auch auch meinen Kindern beibringen.“ Beeindruckt hören ihr die Tausende auf dem Domplatz zu, als sie die Bühne verlässt, danken sie ihr mit tosendem Applaus.
Für Mitmenschlichkeit warb Reinhard Müller, Vorsitzender der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege und Landesgeschäftsführer des Paritätischen, in seinem RedebeitragDas zivilgesellschaftliche Engagement würdigt Reinhard Müller, der Vorsitzende der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege. Soziale Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit seien ein Urgefühl der Menschen sagt er, das sich bei Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren entwickle. Und er fragt in die Runde: „Sind wir bereit, unseren Reichtum mit denen zu teilen, die mit nichts zu uns kommen, die bei uns Schutz und Hilfe suchen.“ Er dankt den Tausenden engagierter Menschen, die den Geflüchteten helfen, „die teilen wollen und es auch tun!“. Und er unterstreicht, dass das Ringen um gute Lösungen bei der Integration der Geflüchteten getragen werden müsse vom Geist der Mitmenschlichkeit und Toleranz. Um dieses Ziel zu erreichen, seien feste Vereinbarungen mit der Politik „und eine gegenseitige Verständigung auf Augenhöhe“ notwendig. „Die soziale Integration der Geflüchteten kann gelingen, wenn wir unsere Kräfte bündeln, wenn wir miteinander und auf Augenhöhe um die besten Lösungen ringen.“ Romy Arnold hatte zuvor für die Bündnisse gegen Rechts in Thüringen gesprochen – auch hier engagiert sich Zivilgesellschaft in Thüringen gegen rassistische und menschenfeindliche Parolen.

Viele PARITÄTERINNEN und PARITÄTER waren auf dem Domplatz vertretenViele PARITÄTERINNEN und PARITÄTER sind unter den Tausenden von Menschen, die dem Aufruf des Bündnisses „Mitmenschlich in Thüringen“ gefolgt sind. Der Paritätische ist auch mit einem eigenen Informationsstand am Rand der Veranstaltung vertreten. Dort wird über die zahlreichen Angebote des Paritätischen zum Thema Flüchtlinge informiert, über die Ausbildung zu Flüchtlingspaten oder auch die Angebote zur Weiterbildung für Kita-ErzieherInnen. Auch unter denjenigen, die sich als OrdnerInnen zur Verfügung gestellt haben, finden sich zahlreiche PARITÄTERINNEN. Andere unterstützen die Veranstaltung, indem sie Infos und Bilder auf Facebook einstellen oder twittern.

Der Domberg erstrahlte zu der Kundgebung des Bündnisses "mitmenschlich in Thüringen" in vollem GlanzEindrucksvoll auch der Auftritt der Religionsgemeinschaften, die damit ein deutliches interreligiöses Zeichen setzen. Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche, der jüdischen Landesgemeinde und der Iman der Ahmadiyya Gemeinde stehen gemeinsam auf der Bühne. Reinhard Schramm, der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde, erinnert an die nationalsozialistische Pogromnacht vom 9. November 1938. Damals habe die deutsche Gesellschaft versagt, „heute schauen die Bürger nicht weg.“ Der katholische Bischof Ulrich Neymeyr, der vor Rassismus und Fremdenfeindlichkeit warnt, erhält Beifall für die Entscheidung, den Domberg bei AfD-Kundgebungen im Dunkeln zu lassen. Der evangelische Regionalbischof Diethard Kamm unterstreicht, für Christen besitze jeder Mensch die gleiche Würde. Klar und eindringlich distanziert sich Iman Said Arif vom religiösen Extremismus.

Arbeitgeber und Gewerkschaften rufen gemeinsam zu mitmenschlichem Handeln auf. Sandro Witt, der stellvertretende DGB-Vorsitzende im Bezirk Hessen-Thüringen und einer der Sprecher des Bündnisses freut sich über die vielen Tausend, die gekommen sind um zu zeigen, dass Thüringen weltoffen und tolerant ist. Der Geschäftsführer des Verbandes der Wirtschaft, Stefan Fauth, findet klare Worte in Richtung AfD: Er wirft ihr vor, mit ihren wöchentlichen Demonstrationen in Erfurt den Boden für Hass und Gewalt zu bereiten. Die AfD schade Thüringen und Wirtschaft des Landes, sagt er unter großem Beifall.

Und dann ist da noch die Politik. Auch sie zeigt sich an diesem Abend geschlossen, um deutlich zu machen, dass Mitmenschlichkeit in Thüringen groß geschrieben wird. Auf der Bühne stehen hinter den beiden Rednern, Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und Landtagspräsident Christian Carius (CDU) VertreterInnen von Linkspartei, SPD und Grünen, aber auch von der CDU. „Der heutige Abend macht Mut“, sagt Christian Carius. Und: „Für widerwärtige Hetze gegen Menschen darf kein Platz sein,“ ruft er der Menge zu. Für die Bewältigung der Integrationsaufgabe seien „kluge Konzepte statt dummer Parolen“ nötig. Ministerpräsident Bodo Ramelow sieht es als die Aufgabe aller, „aus Flüchtlingen Neubürger zu machen.“ Und: „Danke, dass Sie Gesicht zeigen gegen braunen Ungeist, gegen dumpfe Parolen“, rief er den Menschen auf dem Domplat zu. 6000 bis 8000 waren dem Aufruf des Bündnisses gefolgt.

Blueslegende Jürgen Kerth und die Nerly Big Band sorgten anschließend für einen gelungenen Abschluss. Kerth erinnerte daran, dass der 9. November 1989, der Tag des Mauerfalls, ein Tag der Freiheit gewesen sei. „Gehen wir behutsam mit dieser Freiheit um“, so sein bejubelter Appell.

Tags: Reinhard Müller, Bündnis für Mitmenschlichkeit

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