"Wir brauchen Hilfe beim Helfen"

Mit diesem Appell richtet wendet sich Ernst-Martin Stüllein, Geschäftsführer des Multikulturellen Zentrums L’Amitié in Gotha an die Öffentlichkeit. In einem Interview mit Landeswelle Thüringen schildert Stüllein die Arbeit des Vereins und lobt das Engagement der Thüringerinnen und Thüringer für die Flüchtlinge. Viele, vor allem junge Menschen, hätten sich auch bei seinem Verein gemeldet und wollten mit anpacken.

Das Interview mit Ernst-Martin Stüllein zum Nachhören:   

Willkommenskultur

Fakten statt Stammtischparolen: Paritätischer zur Flüchtlingspolitik

In Thüringen leben derzeit knapp 47 000 Menschen ohne deutschen Pass. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 2,16 Prozent.  Von einer Überfremdung oder drohenden Islamisierung Thüringens kann vor dem Hintergrund dieser Zahlen keine Rede sein. Der Paritätische Thüringen ist auch in der aktuellen Diskussion seinem Leitbild von Vielfältigkeit, Offenheit und Toleranz verpflichtet. „Wir setzen den Stammtischparolen harte Zahlen und Fakten entgegen und bieten über unsere Mitgliedsorganisationen in vielfältiger Form den Flüchtlingen und Migranten in Thüringen Hilfestellung“, erklärt der Landesgeschäftsführer des Paritätischen, Reinhard Müller.

 

Vorurteil Nummer eins:  Drohende Überfremdung Thüringens
Fakt ist: Es gibt knapp 47.000 Menschen ohne deutschen Pass in Thüringen. Das sind 2,16 Prozent. Menschen mit Migrationshintergrund leben knapp 77.000 im Freistaat. Das entspricht einem Anteil von 3,3 Prozent.

Vorurteil Nummer zwei:  Es droht eine Islamisierung Deutschlands durch Flüchtlinge und Migranten
Fakt ist: In Thüringen leben etwa 7.800 Muslime, das entspricht einem Anteil an der Bevölkerung von 0,36 Prozent. Muslime stellen etwa 16 Prozent der ausländischen Bevökerung des Freistaates

Vorurteil Nummer drei: Thüringen leidet unter einer Flüchtlingswelle
Fakt ist: In der Tat kommen mehr Flüchtlinge nach Thüringen. Sie suchen hier Schutz vor Krieg und Terror in ihrer Heimat. Den größten Anteil an den Flüchtlingen stellen derzeit Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. Allerdings ist die Zahl der Flüchtlinge noch immer gering. Derzeit leben etwa 6000 in Thüringen, davon etwa 1.000 schulpflichtige Kinder und Jugendliche.

Vorurteil Nummer vier:  Flüchtlinge und Asylbewerber wollen nicht arbeiten
Fakt ist: In den ersten drei Monaten ihres Aufenthalts in Deutschland dürfen Asylbewerber nicht arbeiten. Vom vierten bis zum 15. Monat ihres Aufenthalts dürfen sie nur Stellen annehmen, für die sich kein deutscher Bewerber gefunden hat. Fazit: Viele Asylbewerber würden gerne arbeiten, dürfen es aber nicht.

Vorurteil Nummer fünf: Migranten nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg
Fakt ist: Der Thüringer Arbeitsmarkt ist auf Fachkräfte, auch aus dem Ausland, angewiesen. Bis zum Jahr 2025 werden in Thüringen etwa 280 000 Fachkräfte benötigt. Ein Teil der Fachleute muss in Zukunft aus dem Ausland gewonnen werden. Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD):  „Thüringen braucht eine Einwanderungsstrategie, die den Bedarf, die Vermittlung und Integration von ausländischen Fachkräften definiert.“

Vorurteil Nummer sechs: Die ablehnende Haltung gegenüber ausländischen Arbeitskräften nützt den deutschen Arbeitskräften und auch dem Wirtschaftsstandort Thüringen.
Fakt ist: Feindseligkeiten gegenüber Menschen aus anderen Ländern schaden dem Wirtschaftsstandort Thüringen und halten ausländische Investoren, die neue Arbeitsplätze schaffen, ab.

Vorurteil Nummer sieben: Flüchtlinge und Asylbewerber belasten die Sozialkassen übermäßig
Fakt ist: Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat das Gegenteil bewiesen. Den kurzfristigen Ausgaben stehen mittel- und langfristig deutliche Gewinne gegenüber. Die Stiftung hat errechnet, dass die Zuwanderer sogar die deutschen Sozialsysteme sichern.  

Laut einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sorgten die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass 2012 für einen Überschuss von insgesamt 22 Milliarden Euro. Jeder Ausländer zahlt laut der Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung pro Jahr durchschnittlich 3.300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhält. Das Plus pro Kopf ist demnach in den vergangenen zehn Jahren um über die Hälfte gestiegen.
Zahlreiche Mitgliedsorganisationen des Paritätischen sind bereits bei der Hilfe für Flüchtlinge und Asylbewerber engagiert. Sie helfen und beraten bei den notwendigen Behördengängen, sie bieten Sprachkurse, speziell auch für Kinder an oder organisieren Willkommensinitiativen. Mit der Initiative „Schau HIN“ hat der Paritätische darüber hinaus ein neues Netzwerk von BeratungsmanagerInnen in den paritätischen Organisationen geknüpft, die gegen Ideologien der Ungleichwertigkeit  und demokratiefeindliche  Parolen entschieden entgegentreten. Dabei arbeitet der Paritätische eng mit den mobilen Beratungsstellen Mobit und Ezra sowie der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland zusammen. Ein Kooperationsvertrag  mit der Zentralwohlfahrtsstelle wurde am 1. Dezember 2014 geschlossen.
Von der Landesregierung erwartet der Sozialverband eine Gesamtstrategie für die Aufnahme, Unterbringung, Begleitung und Beratung von Flüchtlingen in Thüringen. Dabei sollten alle Akteure – Kommunen, Verbände, Vereine, Initiativen und Migrantenselbstorganisationen)  einbezogen werden, so Reinhard Müller. Die dezentrale Unterbringung muss forciert werden. Außerdem braucht eine aktive Flüchtlingspolitik soziale Begleitung und Beratung: „Je früher die Unterstützung von Flüchtlingen ansetzt, um so besser gelingt die Integration“, so Müller.  Außerdem müssten zivilgesellschaftliches Engagement und ehrenamtliche Strukturen der Bürgerinitiativen vor Ort gestärkt werden. Darüber hinaus sei ein klares Bildungskonzept des Landes erforderlich, wie den Kindern von Migranten in Kita und Schule besser geholfen werden könne. Dazu gehöre auch ein flächendeckender Ansatz von inkterkultureller Elternarbeit. Der Paritätische wünscht sich auch von der Politik auf allen Ebenen mehr Transparenz und positive Meldungen in migrationspolitischen Fragen bzw. in Fragen des gelebten Alltags. Stefan Oßwald, Referent des Verbandes für Migrationsfragen: „Hier müsste das Prinzip heißen, good news are good news.“

Tags: Migration, Willkommenskultur, Islamisierung, Flüchtlingspolitik

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