"Wir brauchen Hilfe beim Helfen"

Mit diesem Appell richtet wendet sich Ernst-Martin Stüllein, Geschäftsführer des Multikulturellen Zentrums L’Amitié in Gotha an die Öffentlichkeit. In einem Interview mit Landeswelle Thüringen schildert Stüllein die Arbeit des Vereins und lobt das Engagement der Thüringerinnen und Thüringer für die Flüchtlinge. Viele, vor allem junge Menschen, hätten sich auch bei seinem Verein gemeldet und wollten mit anpacken.

Das Interview mit Ernst-Martin Stüllein zum Nachhören:   

Willkommenskultur

Flüchtlingspaten: "Jetzt weiß ich, wie ich weiterhelfen kann" - Zweiter Durchgang läuft jetzt an

Die ersten Flüchtlingspaten wurden im Sommer ausgebildet. Die dort vermittelten Kenntnisse helfen ihnen bei ihrer täglichen Arbeit.Neudietendorf, 16. Oktober 2015. Der junge Syrer, mit dem Rica Braune vor kurzem zusammensaß, erzählte von seiner Heimat, aus der er vor den Kriegswirren geflüchtet war. Er berichtete von seinen Brüdern, um die er sich große Sorgen macht. Plötzlich standen ihm die Tränen in den Augen, er fing an zu schluchzen, die Erinnerung an die Familienangehörigen, die in dem Krieg tagtäglich um ihr Leben bangen, war zu viel für ihn. Rica Braune redet beruhigend auf ihn ein, nimmt sich Zeit, ihm und seiner Geschichte zuzuhören. Und sie weiß: Wenn diese Reaktion häufiger auftaucht, wird sie ihm eine Beratungsstelle zur Bewältigung der traumatischen Folgen seiner Flucht empfehlen.


Rica Braune aus Weimar, Vorstandsmitglied im Bildungswerk des Paritätischen Thüringen, kann in Situationen wie dieser auf das Rüstzeug zurückgreifen, das sie in der Ausbildung zum Flüchtlingspaten beim Paritätischen erhalten hat. Der erste Kurs im Sommer wurde von 26 Ehren- und Hauptamtlern absolviert, die ihr Wissen jetzt in die tägliche Flüchtlingsarbeit vor Ort einbringen. „Ich bin sehr viel sicherer und informierter auf diesem Gebiet“, sagt Rica Braune.
An diesem Sonnabend startet die zweite modulare Weiterbildung für Flüchtlingspaten unter dem Motto „Kompetent in der Begleitung von Flüchtlingen“, gemeinsam getragen von der Paritätischen BuntStiftung, dem Paritätischen Bildungswerk und der Paritätischen Akademie. In den drei Modulen werden Rechtsgrundlagen vermittelt, es geht um Haltung und Kommunikation in der Flüchtlingsarbeit und den Umgang mit traumatisierten Menschen. Für Rica Braune stand nach den drei Modulen fest: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Aber sie weiß jetzt, wo sie nachlesen und nachfragen kann und wo Einrichtungen sind, die ihr bei konkreten Problemen weiterhelfen. So wie bei der werdenden Mutter, die hochschwanger ist, deren Mann selbst gesundheitlich nicht auf der Höhe ist. Ihr konnte Rica Braune Anlaufstellen vermitteln, die ihr in ihrer konkreten Situation weiterhelfen.
Genau das macht auch für Ernst-Martin Stüllein vom Multikulturellen Zentrum L’amitié in Gotha den Wert dieser Weiterbildungsmodule aus. Auch er war bei dem ersten Durchgang dabei. „Die Erfahrungen, die ich dort gemacht hat, sind für mich in meiner täglichen Arbeit sehr nützlich“, sagt Stüllein, dessen Verein sich sehr in der Flüchtlingsarbeit im Raum Gotha engagiert. „Ich weiß jetzt, wohin ich mich in speziellen Problemfällen wenden kann“, sagt er. Außerdem sei durch den Erfahrungsaustausch der Teilnehmenden untereinander der Ansatz für ein Netzwerk geschaffen worden.
Für Stüllein stellt sich beim Thema Flüchtlinge zunehmend die Frage, wie nach der Erstaufnahme für diejenigen, die in Deutschland bleiben können, eine gelingende Integration organisiert werden kann. Bei ihm im Verein suchten Geflüchtete sowohl aus Erstaufnahmeeinrichtungen wie auch aus Gemeinschaftsunterkünften oder Einzelunterkünften Rat und Hilfe. „Jeder Fall stellt sich natürlich anders dar“, sagt Stüllein. So organisiert der Verein derzeit für 60 Geflüchtete Sprackurse. Gelingende Integration ist für Stüllein die Aufgabe, auf die die auf die akute Bewältigung der Aufnahmeproblematik konzentrierten Politiker bisher zu wenig Aufmerksamkeit verwendet haben, so seine Einschätzung. „Denn nach Erteilung der Aufenthaltserlaubnis geraten die Menschen aus dem Blickfeld des Landratsamtes oder der Kommunen. Anlaufpunkte sind für sie dann die Jobcenter, ansonsten sind sie weitgehend auf sich allein gestellt.
So wie der junge Mann aus Afghanistan, dem Rica Braune weiterhelfen konnte. Er ist schon länger in Deutschland, hat eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann absolviert. Braune half ihm bei den Bewerbungsunterlagen für einen Arbeitsplatz. Er bekam eine Halbtagsstelle angeboten, die er allerdings zuerst nicht wollte. Er wollte als Mann voll arbeiten und nicht halbtags. Braune vermittelte ihm, dass es in Deutschland durchaus üblich sei, dass auch Männern eine Halbtagsstelle angeboten wird, dass daraus aber häufig auch ein Vollzeitjob wird oder man sich mit den dort gesammelten beruflichen Erfahrungen leichter für eine Vollzeitstelle bewerben kann. Außerdem machte sie ihm Mut, die freie Zeit, die er durch den Halbtagsjob gewinnt, ehrenamtlich zu nutzen und anderen Afghanen, die in Deutschland als Flüchtlinge ankommen, zu helfen. „Auch diese Ermutigung der Flüchtlinge zu eigener ehrenamtlicher Tätigkeit ist mir in der Weiterbildung zum Flüchtlingspaten vermittelt worden“, so Braune.

Tags: Migration, Willkommenskultur, Migrationsberatung, Flüchtlingspaten

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