"Wir brauchen Hilfe beim Helfen"

Mit diesem Appell richtet wendet sich Ernst-Martin Stüllein, Geschäftsführer des Multikulturellen Zentrums L’Amitié in Gotha an die Öffentlichkeit. In einem Interview mit Landeswelle Thüringen schildert Stüllein die Arbeit des Vereins und lobt das Engagement der Thüringerinnen und Thüringer für die Flüchtlinge. Viele, vor allem junge Menschen, hätten sich auch bei seinem Verein gemeldet und wollten mit anpacken.

Das Interview mit Ernst-Martin Stüllein zum Nachhören:   

Willkommenskultur

Hilfe für Flüchtlinge: Da bekommt man Gänsehaut pur

Erfurt, 28. Juli 2015. Es sind Momente wie diese, die Birgit Schuster tief berühren: Da steht plötzlich ein älterer Her vor ihr in den Räumen von MitMenschen e.V. und hat zwei selbstgemachte Gläser Marmelade in der Hand. Die will er für die Flüchtlinge in Erfurt spenden. Viel hat die Familie nicht, was sie geben kann. Aber diese zwei Gläser Marmelade sind dem alten Mann wichtig. Warum? Er selbst ist nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien geflohen, kennt Not und Elend von Flüchtlingen, auch er ist fast nur mit dem, was er auf dem Leibe trug, in einer fremden Stadt angekommen, musste dort wieder ganz von vorn anfangen. Und während dieser bitteren Tage der Flucht hat er immer wieder einen Traum gehabt: Ein Glas Marmelade in der Hand zu halten und daraus zu löffeln. Und genau deshalb steht er hier. „Das sind Geschichten, da bekommt man Gänsehaut pur“, sagt Schuster. Der Verein „MitMenschen e.V.“ bringt sich stark in die Flüchtlingsarbeit in Erfurt ein.

Für Schuster ist das, was in der Landeshauptstadt geleistet wird, vorbildlich. Sobald die Menschen einen Duldungsstatus erhalten haben, werden sie dezentral untergebracht, kommen raus aus den Gemeinschaftsunterkünften, denen Schuster in Erfurt einen guten Standard bescheinigt. Es gibt keine belegten Turnhallen, keine Unterbringung in Schulen und schon gar nicht in Zeltstädten. Die Helferinnen und Helfer von MitMenschen e.V. sind jetzt mit einer neuen Herausforderung konfrontiert: Sie betreuen die ersten minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge, junge Menschen zwischen 13 und 17 Jahren, die nach wochen- und monatelanger Flucht jetzt in Erfurt angekommen sind. Für Birgit Schuster zählt bei der Betreuung dieser Gruppe nur eins: Wie kann man den Betroffenen am besten helfen. „Mit der reinen Lehre kommt man hier nicht weiter.“ Aus der Inobhutnahme, wie es verwaltungsdeutsch heißt, hat der Verein diese Fünf jetzt in die Betreuung übernommen. Sie leben in einer Wohngemeinschaft, das Zusammenspiel zwischen Sozialamt und Jugendamt klappt hervorragend.
„Nach allem, was sie auf ihrer Flucht erlebt haben, kann man diesen jungen Menschen ganz gewiss nicht mit Kuschelpädagogik kommen“, sagt Birgit Schuster. Sie sollen so viel Freiraum wie möglich erhalten. Gemeinsam gehen die BetreuerInnen mit ihnen einkaufen, sie können sich aussuchen, was sie essen wollen. Und wenn sie einmal sich zurückziehen wollen, allein sein wollen, dann wird ihnen dazu auch die Möglichkeit eingeräumt. „Jeder Jugendliche hat seine eigene Geschichte. Wir müssen ihn dort abholen, wo er ist“, schildert Schuster den pragmatischen Ansatz der Arbeit mit den jungen Flüchtlingen. Individuelle Hilfe leisten, heißt das Thema. Dazu zählt natürlich auch die Beseitigung von Sprachbarrieren, derzeit unterhalten sich BetreuerInnen und Betreute noch auf Englisch.
Ein solcher Ansatz der individuellen Hilfe ist für Schuster der erfolgversprechendste Weg bei der Arbeit mit den jungen Flüchtlingen. Sie hat Verständnis für deren Probleme, mit ihrer neuen Situation fertig zu werden, untätig herumsitzen zu müssen. Manchmal, so sagt sie, würden schon kleine Maßnahmen helfen. „Wo können die jungen Menschen einmal richtig Fußball spielen?“ Ein Bolzplatz, das wäre etwas, was sie sich wünscht. Oder eben erleichterte Möglichkeiten, sich sportlich in einem Verein zu betätigen.

Tags: Flüchtlinge, Migration, Unbegleitete Flüchtlingskinder, MitMenschen, Birgit Schuster

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