"Wir brauchen Hilfe beim Helfen"

Mit diesem Appell richtet wendet sich Ernst-Martin Stüllein, Geschäftsführer des Multikulturellen Zentrums L’Amitié in Gotha an die Öffentlichkeit. In einem Interview mit Landeswelle Thüringen schildert Stüllein die Arbeit des Vereins und lobt das Engagement der Thüringerinnen und Thüringer für die Flüchtlinge. Viele, vor allem junge Menschen, hätten sich auch bei seinem Verein gemeldet und wollten mit anpacken.

Das Interview mit Ernst-Martin Stüllein zum Nachhören:   

Willkommenskultur

Kindersprachbrücke und Paritätischer entwickeln neues Modell:Kindern aus Flüchtlingsfamilien rasch mit Sprachunterricht helfen

Jena. Der dringend notwendige Ausbau des Sprachunterrichts für Kinder aus Flüchtlings- und Migrantenfamilien kann auch ohne die Schaffung zahlreicher neuer Lehrerstellen abgedeckt werden. Die Kindersprachbrücke Jena und der Paritätische haben mit Unterstützung von Wissenschaftlern ein Modell erarbeitet, das vor allem auf den Ausbau der Schulsozialarbeit und die Einstellung von Deutsch-als-Zweitsprache Fachkräfte an den Thüringer Schulen abzielt. Der Vorteil dieses Modells, so Wolfgang Volkmer, Leiter der Jenaer Kindersprachbrücke: Es ist effizienter und finanziell günstiger als die Einstellung von mindestens 50 neuen Lehrern.

Nach den aktuellen Berechnungen würde man landesweit rund 25 neue Vollzeitstellen schaffen müssen, die dann regional aufgeteilt werden müssten. Die Kommunen könnten in Zusammenarbeit mit den freien Trägern vor Ort flexibler und regional passgenauer auf die Anforderungen reagieren. Die Kosten dieses Modells werden auf etwa 1,5 Millionen Euro landesweit geschätzt.

 

Kernpunkt des Modells ist die Ausweitung der Schulsozialarbeit für Kinder aus Flüchtlings- und Migrantenfamilien. Angesiedelt wären die Schulsozialarbeiter, wie bisher in den meisten Fällen auch schon, bei den freien Trägern vor Ort. „Die freien Träger kennen sich in den örtlichen sozialen Netzwerken vor Ort aus und könnten hier entsprechend aktiv werden", so Wolfgang Volkmer. Notwendig für die Etablierung eines solchen Modells wäre ein Rahmenkonzept für Thüringen und eine Nachqualifizierung der vor Ort bereits tätigen Kräfte.

Positiv findet Volkmer, dass es in Thüringen eine Diskussion über die besten Wege zur Verbesserung des Sprachunterrichts für Kinder aus Flüchtlings- und Migrantenfamilien gibt und dass entsprechende Verbesserungen für die Schulen angestrebt werden. Der Bedarf kann seiner Einschätzung nach aber nicht ausschließlich über zusätzliche Lehrer abgedeckt werden, da es nicht genügend Lehrer in Thüringen mit der entsprechenden Qualifikation für Deutsch als Zweitsprache gebe. Auch bei den Volkshochschulen müssten die Kapazitäten in diesem Bereich geprüft werden. An der Universität Jena würden dagegen entsprechende Fachkräfte ausgebildet, die dann in der Schulsozialarbeit eingesetzt werden könnten. Bei einer Fokussierung nur auf neue Lehrerstellen fehlt Volkmer außerdem die Rückbindung an das Gemeinwesen. Genau das könnte eine Anbindung an freie Träger ermöglichen. Über deren soziale Netzwerke könnte auch die Schule insgesamt interkultureller aufgestellt werden, gezielte Elternarbeit geleistet werden und traumatisierte Kinder aus Flüchtlingsfamilien könnten bessere und gezieltere Hilfe erhalten.

Volkmer verweist auf ein äußerst erfolgreiches Beispiel an der Lobdeburgschule in Jena. Dort lehrt eine Fachkraft aus den Reihen der Kindersprachbrücke mit Unterstützung durch das Sozialamt Deutsch als Zweitsprache.
Ein Vorteil bei der Finanzierung der Schulsozialarbeit ist nach seiner Einschätzung auch, dass auf diesem Weg Mittel aus dem Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes genutzt werden könnten. Bis zu zwei Stunden Nachhilfe in Deutsch seien bei entsprechenden Anträgen der Eltern zu finanzieren. Und die Gelder stünden auch Familien zu, die sich im Asylverfahren befinden. In Jena wurden auf diesem Wege nach Angaben von Volkmer mittlerweile diese Gelder für den Deutschunterricht von 68 Kindern alleine 2014 genutzt.

Tags: Flüchtlinge, Migration, Willkommenskultur, Flüchtlingspolitik

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