"Wir brauchen Hilfe beim Helfen"

Mit diesem Appell richtet wendet sich Ernst-Martin Stüllein, Geschäftsführer des Multikulturellen Zentrums L’Amitié in Gotha an die Öffentlichkeit. In einem Interview mit Landeswelle Thüringen schildert Stüllein die Arbeit des Vereins und lobt das Engagement der Thüringerinnen und Thüringer für die Flüchtlinge. Viele, vor allem junge Menschen, hätten sich auch bei seinem Verein gemeldet und wollten mit anpacken.

Das Interview mit Ernst-Martin Stüllein zum Nachhören:   

Willkommenskultur

Multipotenzial hilft Geflüchteten in Nordthüringen beim Start in den Arbeitsmarkt – Fachtag zieht Zwischenbilanz

Symbolbild integrationSondershausen/Nordhausen. Der junge Geflüchtete hat gute Startchancen in Deutschland. Er lebte in seinem Herkunftsland in einer Großstadt, kann das Abitur aufweisen, spricht englisch und auch in Deutsch ist der A 2-Kurs bereits vorhaben, außerdem verfügt er über Arbeitserfahrung. Das Projekt Multipotenzial in Nordthüringen hat sich seiner angenommen und begleitet ihn auf dem Weg in eine neue berufliche Existenz in Thüringen. „Zusammenleben fördern – Erfolg gestalten“, das sind die Zielsetzungen dieses Programms, das jetzt bei einer großen Fachtagung in Nordhausen eine Zwischenbilanz seiner Arbeit zieht. Die Fachtagung findet am 10. Mai in Nordhausen statt.


Der junge Mann war aus einer Erstaufnahmeeinrichtung in Bayern nach Sondershausen gekommen. Er möchte gerne eine Ausbildung in der Industrie absolvieren, hat sein erstes Vorstellungsgespräch selbst organisiert. Bei seinem weiteren Weg wird er von den Expertinnen und Experten von Multipotenzial begleitet. Sie helfen ihm bei der Erstellung einer Bewerbungsmappe, vermitteln ihn an Fachleute, die ihn bei der Bewältigung der auf der Flucht erlittenen Traumata unterstützen, machen Termine bei Ärzten und Sparkasse, stellen die Kontakte zum örtlichen Fußballverein her, wo er ein erstes Probetraining erfolgreich absolviert hat, organisieren ein Betriebspraktikum, helfen ihm beim Abschluss des Arbeitsvertrages, und bereiten ihn auch auf den Führerschein vor.

Es ist ein umfassendes Angebot an Hilfestellungen, das Multipotenzial bietet. So wird eines der wichtigsten Ziele dieses Projektes erreicht, die stufenweise, nachhaltige berufliche und soziale Integration von erwerbsfähigen Asylberechtigten und anerkannten Flüchtlingen in Nordthüringen. Diese berufliche Integration soll den Geflüchteten eine Bleibeperspektive ermöglichen und gleichzeitig auch den Fachkräftemangel in den ländlichen Regionen lindern.

Allerdings sind die Voraussetzungen nicht immer so gut wie im ersten Beispiel. Jürgen Rauschenbach von der Fördergesellschaft Arbeit und Umwelt (FAU) in Sondershausen – einem der Träger des Projektes in Nordthüringen – kennt auch andere Fälle, in denen er die Voraussetzungen als eher schwierig beschreiben würde. So schildert er das Beispiel eines Geflüchteten, der eine ganz andere Art der Betreuung benötigte. Er hatte nie eine Schule besucht, kam aus einem Dorf und hatte von Kindheit an gearbeitet, meist am Bau. Die Experten von Multipotenzial versuchten erst einmal, die Aufenthaltsprobleme zu entschärfen, vereinbarten Termine bei einem Anwalt in Göttingen, begleiteten ihn dorthin, wickelten die Korrespondenz zwischen Mandant und Anwalt ab, unterstützten ihn bei der Vorbereitung des Interviews beim Bundesamt für Migration. Parallel dazu wurden Termine bei Ärzten vereinbart, einmal mussten sie an einem Wochenende morgens um sieben Uhr den kassenärztlichen Notdienst alarmieren, weil er starke Schmerzen im Bauch hatte. Er wurde bei der anschließenden Untersuchung begleitet. Während des laufenden Asylverfahrens wurde er in Freizeitangebote vermittelt, spielt regelmäßig Fußball, seine Deutschkenntnisse hat er verbessert, nach einer Betriebsbesichtigung wurde ein einwöchiges Schnupperpraktikum vereinbart. Die Perspektive danach war gut, eine Einstiegsqualifizierung kann beginnen. Das größte Problem in diesem Fall ist die fehlende Schulbildung und die Frage, ob sie nachgeholt werden kann. Fazit: „Die Perspektiv hängt stark vom Klienten ab.“

Es sind ganz praktische Probleme, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Multipotenzial mit den Klienten lösen. Die Experten wissen aber auch um die Ungeduld mancher Geflüchteter. Gerade Männer wollen so schnell wie möglich Geld verdienen. Und da setzen sie nach den Erfahrungen schon Fragezeichen hinter das System, die Menschen erst einmal zu qualifizieren und dann auf den Arbeitsmarkt zu schicken. Es sollten mehr Möglichkeiten geschaffen werden, dass die Migrantinnen und Migranten rasch in eine Erwerbstätigkeit einsteigen und begleitend dazu an ihrer Qualifikation feilen können, so eine der Vorstellungen, abgeleitet aus den praktischen Erfahrungen mit dem Projekt.

Das Projekt läuft erfolgreich, gerade weil es diesen besonderen Mix aus beruflicher Integration, Sport, individueller Einzelfallarbeit und einer erlebnispädagogischen Ausrichtung wie dem Kennenlernen der Region gibt. Insgesamt werden mehr als 200 Teilnehmende betreut. Bei der FAU in Sondershausen sind derzeit 79 Teilnehmer registriert, der Großteil von ihnen aus Afghanistan, dann folgen als Herkunftsländer Syrien und der Irak. Ein Schwerpunkt der künftigen Arbeit wird die Arbeit mit den Teilnehmenden in den Betrieben sein. Dabei wird eine Art „arbeitsbegleitende Hilfe“ notwendig sein. „Die Mitarbeitenden von Multipotenzial sind im Kyffhäuserkreis zu professionellen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern für die berufliche Integration von Geflüchteten geworden“, so Rauschenbach. Projektpartner sind neben der FAU in Sondershausen VHS-Bildungswerk in Thüringen GmbH, die LIFT gGmbH und das Bildungswerk der Thüringer Wirtschaft.

Die Fachtagung am 10. Mai in Nordhausen wird von Thüringens Migrationsminister Dieter Lauinger (Grüne) eröffnet, anschließend beleuchtet Karsten Froböse von der Agentur für Arbeit Nordhausen den Arbeitsmarkt in der Region. Prof. Dr. Michael Behr vom Thüringer Arbeitsministerium wird anschließend die Arbeitsmarktintegration in Thüringen unter die Lupe nehmen und dabei über bestehende Praxiserfahrungen wie auch notwendige weiterführende Qualifizierungen reden. Am Nachmittag gibt es verschiedene Workshops, den Abschluss bildet eine Podiumsdebatte zum Thema. Die Fachtagung findet im Begegnungszentrum „Nordhaus“, Stolberger Str. 131, statt. Der Teilnahmebeitrag beläuft sich auf 10 Euro pro Person.

Anmeldungen per E-Mail bis zum 28. April an oder unter der Telefonnummer 03631/694444

Tags: Flüchtlinge, Integration, Jürgen Rauschenbach, FAU Sondershausen, Multipotential

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