"Wir brauchen Hilfe beim Helfen"

Mit diesem Appell richtet wendet sich Ernst-Martin Stüllein, Geschäftsführer des Multikulturellen Zentrums L’Amitié in Gotha an die Öffentlichkeit. In einem Interview mit Landeswelle Thüringen schildert Stüllein die Arbeit des Vereins und lobt das Engagement der Thüringerinnen und Thüringer für die Flüchtlinge. Viele, vor allem junge Menschen, hätten sich auch bei seinem Verein gemeldet und wollten mit anpacken.

Das Interview mit Ernst-Martin Stüllein zum Nachhören:   

Willkommenskultur

Projekt Multipotential hilft Flüchtlingen in Nordthüringen bei der Suche nach Arbeit

Das Projekt Multipotential wurde von allen bei dem Fachtag in Sondershausen positiv gewürdigtSondershausen, 3. Mai 2016. Das Schicksal von Syed Wajeeh-du-Hassan berührt und stimmt nachdenklich. Gebürtig ist er aus Pakistan, er hat eine Ausbildung als Maschinenbauingenieur in Deutschland absolviert und beherrscht zehn Sprachen. Seine Familie, die der Opposition nahesteht, wird bedroht und hat ihm deshalb geraten, nicht nach Pakistan zurückzukehren. Eigentlich, so sollte man meinen, hätte der junge Pakistani leicht einen Job in Deutschland finden können. Eigentlich – aber dem ist nicht so. Die deutsche Bürokratie stand dem entgegen, eine lange Odyssee durch Flüchtlingslager und Gemeinschaftsunterkünfte folgte, Jobs gingen verloren, weil die notwendigen Genehmigungen fehlten. Jetzt arbeitet er als Integrationsbegleiter für den Verband der Wirtschaft in Mühlhausen.


Sein Lebensweg brachte viele zum Nachdenken darüber, ob die deutsche Bürokratie den Geflüchteten nicht zu viele Steine in den Weg legen würde und wie die Anerkennung von Abschlüssen schneller über die Bühne gehen könnte. Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt ist eine komplizierte Aufgabe, die oft sehr kleinteilig beginnt. Das berichtete Jürgen Rauschenbach bei einem Fachtag des Projektes „Multipotential“ im nordthüringischen Sondershausen. „Multipotential“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, Flüchtlingen mit Bleibeperspektive bei der Suche nach Ausbildung und Arbeit zu helfen. „Alle vielfältigen Potentiale der ankommenden Flüchtlinge sollen festgestellt, weiterentwickelt und gefördert werden“, sagt Rauschenbach, der das Projekt im Kyffhäuserkreis leitet.

Das kann durchaus ein langer Weg sein. Heike Werner, Thüringens Sozialministerin, wies bei dem Fachtag darauf hin, dass kurzfristig nur 10 Prozent der Asylbewerber des vergangenen Jahres in Arbeit gebracht werden konnten. Experten gehen davon aus, dass in fünf Jahren etwa die Hälfte und in zehn Jahren 60 Prozent der Betroffenen einen Arbeitsplatz gefunden haben könnten. Allerdings hegt Werner auch Zweifel an den Studien, vor allem, wenn sie auf die hohe Motivation blickt mit der viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Sie mahnt zu Zeit und Geduld.

Rauschenbach ist sicher, dass das Projekt Multipotential auf diesem Weg helfen kann. Bei der Wohnungssuche wird den Geflüchteten ebenso geholfen wie beim Finden von Kita-Plätzen, bei der Vermittlung in Sprachkurse oder der Begleitung ins Jobcenter. Wenn diese Schritte alle gegangen sind und der Geflüchtete eine Bleibeperspektive hat, dann erfolgt die Vermittlung in Praktika und Betrieb. „Wir wollen Hindernisse, die entstehen können, aus dem Weg räumen“, so Rauschenbach. 120 Plätze gibt es in den vier Nordthüringer Kreisen, allerdings werden schon jetzt 200 Flüchtlinge betreut. Rauschenbach ist sicher, dass auch diese Zahl nicht reichen wird.

Die Situation wird jetzt noch schwieriger, weil immer mehr Asylbewerber das Asylverfahren durchlaufen und eine Aufenthaltsberechtigung für Deutschland erhalten. Damit aber fallen sie aus dem Asylbewerberleistungsgesetz heraus und damit in die Zuständigkeit der Jobcenter. Oft sind sie von nun an auf sich allein gestellt – und auch das Geld reicht nicht, wie bei dem Fachtag sehr schnell deutlich wurde. Thüringens Sozialministerin Heike Werner verwies zwar auf die Zuständigkeit des Bundes, sagte den „Kyffhäuser Nachrichten“ allerdings auch, dass man in Erfurt derzeit eine Übergangsfinanzierung vorbereite.

Klar ist aber auch, dass der Thüringer Arbeitsmarkt dringend auf Zuwanderung angewiesen ist. Ohne diese sei das Beschäftigungsniveau nicht zu halten, waren sich die Experten beim Fachtag einig.

Multipotential ist ein Projekt, das in vier Nordthüringer Landkreisen stattfindet. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der Nordthüringer Träger Gemeinnützige Förderungsgesellschaft Arbeit und Umwelt mbH (FAU) für den Kyffhäuserkreis, Bildungswerk der Thüringer Wirtschaft (MWTW) im Unstrut-Hainich-Kreis, LIFT gGmbH im Landkreis Nordhausen und VHS Bildungswerk im Eichsfeldkreis. Das Projekt wird gefördert aus Mitteln des Freistaates Thüringen aus der Richtlinie „Arbeit für Thüringen“. Wichtige Partner neben den zuständigen Behörden wie Ausländerbehörden, Jobcentern und der Agentur für Arbeit ist die regionale Wirtschaft. Hier wird sehr eng mit Handwerkerschaften, IHK und Betrieben zusammengearbeitet.
Nach der Fachtagung, in der das Projekt Multipotential von allen Rednern sehr positiv gewürdigt wurde, waren sich aber alle einig: Die Integration wird noch viel Zeit und Geduld und viele Anstrengungen benötigen. Es müssen gleichzeitig viele Hürden beseitigt werden. Projekte wie Multipotential können dabei aber gute Dienste leisten und helfen.

Tags: Heike Werner, Willkommenskultur, Integration, Jürgen Rauschenbach, Multipotential

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