Mit Kampagnen wichtige Themen in die Öffentlichkeit tragen

Ob Pflege oder zivilgesellschaftliches Engagement, ob der Wunsch nach einer gerechteren und solidarischeren Gesellschaft oder die bessere Positionierung unserer paritätischen Werte in der Öffentlichkeit – mit Kampagnen geht der Paritätische Thüringen, häufig auch in Kooperation mit anderen, immer wieder an die Öffentlichkeit. Medienpartner wie LandesWelle Thüringen oder die TLZ helfen dabei, unsere Anliegen in Thüringen bekannt zu machen.

Mit der Kampagne „Pflege braucht Helden“ wurde gemeinsam mit den Partnern des Thüringer Pflegepaktes eine erfolgreiche Imagekampagne für die Altenpflege auf den Weg gebracht.

Der Thüringer Kinder- und Jugendpreis – eine gemeinsame Aktion der Paritätischen BuntStiftung und der Sparkassen-Finanzgruppe Hessen-Thüringen – zeichnet jedes Jahr herausragende Projekte der Kinder- und Jugendarbeit im Freistaat in den unterschiedlichsten Themengebieten aus. 

Die gemeinsame Aktion von LandesWelle, TLZ und Paritätischem „Gute Nachbarn – gute Taten“ stellt herausragendes zivilgesellschaftliches Engagement vor und zeigt, dass die Thüringerinnen und Thüringer zusammenstehen.

Zehn Jahre lang wurden mit der alljährlichen Spendenaktion „Thüringen sagt Ja zu Kindern“ Projekte der Kinder- und Jugendarbeit in ganz Thüringen unterstützt. Dabei kam weit mehr als eine Million Euro an Spendengeldern zusammen.

Die Aktion „UmFAIRteilen“ wirbt für eine gerechtere und solidarischere Steuerpolitik in Deutschland.

Unterstützt vom Paritätischen wird die landesweite Kampagne „Thüringen braucht Dich“, mit der um Fachkräfte im Freistaat geworben wird.

Mit dem Paritätischen Wertedialog sollen die Paritätischen Werte einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden.

Diabeteshilfe aus Jena und der Verein "Tierisch - Menschlich" sind die "Guten Nachbarn 2019"

Die Gewinner der Aktion "Gute Nachbarn - gute Taten" stehen fest: Die Diabeteshilfe aus Jena und der Verein „Tierisch-Menschlich“ sind die „Guten Nachbarn 2019.“ Das Diabeteszentrum für Kinder und Jugendliche in Jena – eine Mitgliedsorganisation des Paritätischen Thüringen – gewann die Abstimmung in der TLZ, der Verein „Tierisch-Menschlich“ hatte die Nase beim Voting der Hörerinnen und Hörer der Landeswelle vorn. Das Diabeteszentrum in Jena unterstützt Kinder und Jugendliche sowie deren Familien beim Umgang mit der Krankheit, steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Der Verein „Tierisch-Menschlich“ aus Wormstedt im Kreis Weimarer Land hilft mit seinen Therapietieren Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung. Beide Vereine werden im nächsten Jahr von den Partnern der Aktion – dem Paritätischen Thüringen, der TLZ und der Landeswelle – medial in ihrer Arbeit unterstützt. An dem Online-Voting nahmen insgesamt zehn soziale Projekte aus ganz Thüringen teil.

Mit der Kampagne hatten der Paritätische Thüringen, Landeswelle Thüringen und die Thüringische Landeszeitung das Thema zivilgesellschaftliches Engagement und ehrenamtliche Arbeit in die Öffentlichkeit getragen. Am Schluss standen aus allen eingereichten Vorschlägen zehn Projekte zur Auswahl, die beispielhaft für alle anderen  für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft sorgen, die stellvertretend für das umfangreiche zivilgesellschaftliches Engagement in Thüringen stehen. Durch diese guten Beispiele sollen auch andere zum ehrenamtlichen Engagement ermutigt werden.

Nachfolgend stellen wir Ihnen die beiden Siegerprojekte und die übrigen acht Projekte vor, die zur Auswahl gestanden haben.

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Diabeteszentrum für Kinder und Jugendliche in Jena steht Familien mit Rat und Tat zur Seite

Der 13-jährige Oscar und Conny BartzokJena. Für die Eltern war die Diagnose „Diabetes“ ein Schock. Manuela, die Mutter der heute 13-jährigen Johanna erinnert sich noch gut an die Situation vor fünfeinhalb Jahren. „Das kam für uns völlig unvermittelt und zieht einem zunächst einmal den Boden unter den Füßen weg.“ Allerdings blieb nicht viel Zeit zum Nachdenken und Sinnieren, sondern es ging sofort hinein in das „Alltagsmanagement“ wie die Mutter sagt. Und das heißt: regelmäßig Blutzucker messen, regelmäßig Spritzen. „Aber sehr früh stellte sich auch eine gewisse Erleichterung ein, dass es ,nur‘ Diabetes und keine schlimmere Krankheit war.“  Unser Bild zeigt den ebenfalls an Diabetes erkrankten 13-jährigen Oscar gemeinsam mit der Leiterin des Zentrums, Conny Bartzok.

Mittlerweile gehört die Krankheit „Diabetes mellitus, Typ 1“ für die Familie von Johanna und für sie selbst zum täglichen Leben. „Man gewöhnt sich dran“, sagt Johanna. Genauso wie ihr Umfeld. Und trotzdem ist die Krankheit allgegenwärtig. „Man muss sehr heftig nachdenken, was man zu sich nimmt“, erklärt sie. „Man muss abwägen, welche körperlichen Aktivitäten zu welchem Zeitpunkt möglich sind.“ Manchmal muss Johanna auch auf den Sportunterricht verzichten. „Diabetes ist halt nicht lenk- oder steuerbar“, ergänzt die Mutter. „Jeder Tag ist anders.“ Mal geht es Johanna gesundheitlich sehr gut, mal aber auch schlechter.

Conny Bartzok ist stolz auf Kinder wie Johanna, Kinder, die trotz dieser Erkrankung ihr Leben meistern. Die engagierte Geraerin leitet das Diabeteszentrum für Kinder und Jugendliche in der Saalestadt. Betroffene Kinder und Jugendliche werden von Conny Bartzok und ihrem Team begleitet, den Familien wird Unterstützung angeboten. 600 betroffene Familien gibt es nach Schätzung von Conny Bartzok in Thüringen, im Verein sind 70 Familien Mitglieder, Kontakt gehalten wird aber schätzungsweise zu 200 Familien im gesamten Freistaat. Alle sechs bis acht Wochen gibt es Elternrunden, bei denen aktuelle Informationen weitergegeben werden und die von einer Psychologin begleitet werden „Wir geben Hilfe zur Selbsthilfe“, so Conny Bartzok. Betreuenden Personen wie Verwandten, Freunden, Trainern, Lehrern und Erziehern werden zusätzliche Schulungen angeboten und für die Kinder und Jugendlichen werden Freizeitangebote organisiert.

Oscar, der bei dem Gespräch in der Geschäftsstelle des Vereins neben Johanna sitzt, ist ein 13-jähriger, aufgeweckter und sehr kommunikativer Junge. Mit seiner Krankheit, Diabetes mellitus Typ 1, geht er ganz selbstverständlich um, auch er hat sie akzeptiert, auch für ihn gehört sie zu seinem Leben. . „Das Messen, die Spritzen, das gehört für mich zum täglichen Leben dazu, so wie Zähneputzen oder Aufstehen“, sagt er. Für die Blutzuckermessungen, die alle ein bis zwei Stunden erfolgen muss, hat er,, ebenso wie Johanna, mittlerweile einen Sensor, der den Blutzucker im Gewebe alle zwei Minuten misst. Ausgelesen werden die Werte mittels eines Scanners, der das Fingerstechen abgelöst hat.
Weil die Krankheit aber unberechenbar ist, sind Hilfsorganisationen wie der Jenaer Verein für die Betroffenen so enorm wichtig. Die Unterstützung, die der Verein den Familien anbietet, bezieht sich vor allem auf den alltäglichen und sozialen Bereich, ein Angebot, das in dieser Form in Thüringen einmalig ist. „Wir stehen den Familien in ihrem häuslichen und sozialen Umfeld zur Seite und leisten Aufklärungsarbeit in Schulen und Kindergärten. Um allen – Kindern, Eltern und Freunden – ihren neuen Alltag zu erleichtern,“ so Conny Bartzok.

Ganz eng ist die Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik Jena und deren Diabetesambulanz. Etwa 120 Kinder und Jugendliche mit Diabetes mellitus Typ 1 aus Jena und Ostthüringen werden durch die Teams der Diabetesambulanz der Kinderklinik Jena und einer diabetologischen Schwerpunktpraxis für Kinder und Jugendliche in Jena medizinisch betreut. Allerdings macht Conny Bartzok eindeutig klar, dass sie und ihre Mitarbeiter keine medizinischen Ratschläge geben: „Medizinische Fragen zur Diabetes-Therapie-Behandlung müssen die Familien immer mit ihrem behandelnden Arzt klären!“, sagt sie. Aber die enge Kooperation mit den Ärzten in Jena macht es möglich, schnell und unbürokratisch die

Familien im alltäglichen Bereich und in deren sozialem Umfeld zu unterstützten.
Das weiß auch die Mutter von Johanna zu schätzen: „Conny war damals die ersten Nicht-Mediziner, die uns Hilfe angeboten hat.“ Der Verein fängt die Familien in einem Netz auf. Denn gerade nach der ersten Diagnose und dem Klinikaufenthalt stürzen so viele neue Informationen auf Eltern und Kinder ein, müssen sie sich an so viel neue Abläufe gewöhnen, dass sie für jeden Tipp dankbar sind. Conny Bartzok bringt es so auf den Punkt: „Sie nehmen den Wald vor lauter Bäumen nicht wahr.“ Und auch nach dem Klinikaufenthalt werden die Familien begleitet. „Wir geben eben Hilfe zur Selbsthilfe“, so Bartzok über die Arbeit des Vereins.

Diese Hilfestellung ist notwendig. Denn die Betroffenen und deren Familien müssen ihren Alltag komplett umstellen. Das weiß auch Oscar. Bei ihm machte sich die .Krankheit durch ständiges Schlappsein bemerkbar. „Ich habe mich gefragt, was ist mit mir los?“ Bei einem Jungen aus der Nachbarschaft, der bereits an Diabetes erkrankt war, machte er einen Blutzuckertest. Und dann war klar: Auch Oscar war betroffen. Denkt er heute viel über seine Krankheit nach? „Dazu hat man keine Zeit, man muss es halt machen“, sagt er. Persönlich geht er sehr offen mit seinem Diabetes um. „Mittlerweile spritze ich mich auch im Klassenraum in den Oberarm“, erzählt er. Seine Mitschüler akzeptieren die Krankheit, sie sind auch darüber informiert, was bei einem Schwächeanfall sofort zu tun ist.

Johanna und Oscar – zwei junge Menschen, die es gelernt haben, mit ihrer lebenslangen Krankheit offen umzugehen, sie zu akzeptieren. Sie selbst und ihre Familien haben im Jenaer Diabeteszentrum Hilfe und Unterstützung gefunden haben. Und schon im Vorfeld freuen sich Johanna und Oscar auf einen Segeltörn, der sie zusammen mit anderen betroffenen Kindern und Jugendlichen des Diabeteszentrums für Kinder und Jugendliche in den Osterferien nach Holland führt, organisiert und ermöglicht vom Verein „Sailing kids Jena e.V.“ in Jena. „Wir freuen uns sehr darauf“, sagten sie. Oskar war übrigens der erste, der sich zu dem Segeltörn angemeldet hatte.

Kontakt:
Beratungsstelle Schillerstraße 21, Jena
Telefon 03641/355886
E-Mail:
Der Verein ist für seine Arbeit auf Spenden angewiesen. Spendenkonto:
DE53 8305 3030 0018 0046 01 , BIC: HELADEF1JEN

Text und Bild: Hartmut Kaczmarek

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Verein "Tierisch - menschlich" hilft Kindern mit und ohne Behinderung

 Der Verein "Tierisch-menschlich" aus WormstedtWormstedt. Sie und ihre Therapietiere geben sich mit ganzem Herzen Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung hin – im Verein „Tierisch-Menschlich“ aus Wormstedt (Weimarer Land). Auf einem Hof mit Stall und Koppel empfangen die Mitglieder regelmäßig Gäste und führen sie mit den Therapietieren – das sind die beiden Ponys Monty und Pedro sowie der Shia-Inu-Rüde Tamiko – zusammen.

Die vierbeinigen Freunde der 34 Vereinsmitglieder sind als Brückenbauer und Eisbrecher im Einsatz. So richtet sich das Angebot der Ehrenamtlichen etwa an Menschen mit Kontaktschwierigkeiten. Doch auch die Belastung durch Wahrnehmungs-, Sprach-, Konzentrations- und Bewegungsstörungen können im direkten Umgang mit den ruhigen, ausgeglichenen und treuen Tieren abgemildert werden. „Wir haben uns das Ziel gesetzt, Menschen mit Behinderungen sowie von Behinderung bedrohte Menschen in das gesellschaftliche Leben zu inkludieren, deren Lebensqualität zu verbessern. Die Gesundheits- und Bewegungsförderung im Zusammenspiel von Mensch, Tier und Natur ist unser Hauptanliegen“, erklärt Vereinsmitglied Kerstin Reichardt .

Alles fing mal klein an – wurde die Idee aus der eigenen Betroffenheit in der Vereinsfamilie geboren. Eines der Gründungsmitglieder ist selbst gehörlos. Obwohl ihm sein Umfeld zur Seite stand und eigens Gebärdensprache erlernte, fühlte er sich oft einsam und ausgeschlossen.

Sein Zuhause fand er, als er Zeit im Stall mit den Tieren verbrachte. „Sie sind völlig wertungsfrei und geben sehr viel Vertrauen sowie Geborgenheit“, erklärt Kerstin Reichardt . Außerdem urteilen sie nicht und nehmen den Menschen so an, wie er ist. Durch diese Erkenntnis beschlossen die Familienmitglieder, auch andere Menschen in ihrer Not zu unterstützen und ihnen zu helfen. Auch aus fachlicher Sicht wussten die Vereinsmitglieder, was auf sie zukommen würde, so sind einige Mitglieder Fachkraft für tiergestützte Intervention, Erzieher, Altenpfleger oder Ergotherapeut. Am 11. April 2015 gründete sich der Verein und machte aus einer persönlichen Betroffenheit eine Herzensangelegenheit.

Kurz vor ihrem vierten Geburtstag will die Vereinsfamilie ihr Engagement weiter ausbauen. So ist eine Neuauflage eines Events geplant, das seit der Vereinsgründung jedes Jahr Besucher über die Kreis- und Landesgrenzen nach Wormstedt führt. Wenn alles mit der Finanzierung klappt, könnte es wieder ein großes buntes Programm für Menschen mit und ohne Behinderung geben – mit Wettspielen wie Schubkarrenrennen oder Sackhüpfen, Ponyreiten und Kutschfahrten. Auch ist ein Besuch der DRK-Hunderettungsstaffel aus Naumburg sowie eine Dressurquadrille im Gespräch. Es müssten jedoch noch Sponsorenzusagen abgewartet werden. Zuletzt erfreute sich das große Sommerfest mit 300 Besuchern wachsender Nachfrage. Doch auch sonst ist der Verein gefragt. Damit ergab sich auch die Notwendigkeit, unabhängig von Wind, Wetter und Licht zu arbeiten, was gerade im Winter ein Problem ist. „Um das zu erreichen, ist die Errichtung einer Therapie-Reithalle geplant“, erklärt Schatzmeisterin Beatrice Homberger .

Die Gemeinde stehe hinter dem Projekt und habe bereits Unterstützung hinsichtlich des Bebauungsplanes zugesichert. Auch seien die Anwohner und vor allem Nutzer des Vereins­angebotes von der Idee begeistert. Um ein so großes Projekt Wirklichkeit werden zu lassen, bräuchte es aber nicht nur jede helfende Hand und Herzblut – die Eigenmittel des Vereins müssten auch durch finanzielle Zuwendungen gestärkt werden.


Text und Bild: Martin Kappel/TLZ

 

 

 

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Gemeinsam macht Sport mehr Spaß: Der Verein ILOH in Mühlhausen setzt auf den Abbau von Barrieren durch Begegnungen

Der Verein ILOH MühlhausenMühlhausen. Marco Pompe ist niemand, der sich so leicht unterkriegen lässt. Im Gegenteil: Der seit seiner Kindheit auf den Rollstuhl angewiesene Mühlhäuser geht immer wieder an seine Grenzen. „Ich kann nicht anders“, erzählt er. So hat er als Kind mit Krücken Fußball gespielt, hat sich an der Tischtennisplatte im Rollstuhl erprobt, ist Mono-Ski gefahren und hat vor zwei Jahren einen Tandem-Fallschirmsprung absolviert. Marco Pompe sprüht vor Ideen, begeistert mit immer neuen Initiativen und verfolgt dabei immer ein großes Ziel: Die Inklusion voranzubringen, Menschen mit und ohne Handicap zusammenzuführen bei gemeinsamen Initiativen und Menschen ohne Behinderung ein Stück weit zu vermitteln, wie es sich mit einer Behinderung lebt. Eines der Projekte: Ein spezieller Wanderrollstuhl, der auch auf den Rollstuhl angewiesene Menschen Natur-Wanderungen gestattet.

Das ist auch die Grundidee, die hinter dem von ihm mitgegründeten Verein ILOH in Mühlhausen steckt. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, Barrieren gegenüber Behinderung durch Begegnung abzubauen“, erzählt Pompe. Der Verein hat sich vor einigen Jahren aus dem Unterrichtsfach „Sozialdiakonie“ am Evangelischen Schulzentrum in Mühlhausen/Thüringen entwickelt und ist seit 2015 eine eigene Abteilung im Rehasportverein Mühlhausen e.V. Die Abkürzung ILOH steht für: „Ich lebe ohne Hindernisse = alle gemeinsam“. Der Name ist in diesem Verein Programm.

Wenn Marco Pompe von dem Verein ILOH erzählt, dann gerät er schnell ins Schwärmen und man merkt, dass ihm die Arbeit dort eine Herzensangelegenheit ist: „Ich bin in einer tollen Gruppe von engagierten Personen tätig“, sagt er. „Wir fördern und initiieren Aktionen für Alle – vor allem in Verbindung mit Rollstuhlsport in der Sporthalle, im Alltag oder durch Rad- und Wanderausflüge in der Natur. Alle haben das Ziel ,Hürden‘ für Personen mit Handicap und deren Angehörige auf allen Ebenen abzubauen.“ Die Region Unstrut-Hainich soll zu einer integrativen Sportregion werden. Pompe weiß: „Gemeinsam macht Sport noch mehr Spaß und bringt Erfolg.“

Dieses Ziel verfolgt der Verein mit vielfältigen Aktivitäten. Nur einige Beispiele:
 Im Rahmen des Sportunterrichts werden Schülerinnen und Schüler mit den Angeboten von ILOH vertraut gemacht, sie können auch selbst ausprobieren, wie man sich als Rollstuhlfahrer fühlt – und am Ende gibt es dann sogar einen Rollstuhlführerschein.
 Für junge Menschen hat sich eine neue Tanzgruppe aus Rollstuhlfahrern und Rollerblades-Fahrern gebildet.
 Senioren spielen Boccia miteinander.
 Es gibt gemeinsame Wanderungen und Ausflüge.
 Und selbstverständlich hat man auch die Barrierefreiheit in der Stadt Mühlhausen unter die Lupe genommen und dabei den Verantwortlichen wertvolle Tipps gegeben.
 Einen speziellen Wanderrollstuhl des Vereins können Schulen und Bildungseinrichtungen für integrative Klassenfahrten nutzen. Dieser Wanderrollstuhl gleicht einer Sänfte und kann mit zwei Begleitpersonen für alle Teilnehmer einen Weg ins Dickicht und auf schmalen Pfaden auch über Stock und Stein im Wald ermöglichen
 Seit Januar 2018 ist der Unstrut-Hainich-Kreis unter Federführung von ILOH eine von zehn Modellregionen für Inklusion im Sport in Deutschland. „Mehr Inklusion für Alle“ heißt das Projekt, das sich den Auf- und Ausbau einer inklusiven Sportlandschaft im Kreis als Ziel gesetzt hat.
Stolz ist Marco Pompe auch, dass er im Jahr 2016 mit seinem Bruder Sven und dem Extremsportler Guido Kunze den Thüringer Tourismuspreis für das Projekt „Barrierefrei den Naturpark erleben“ erringen konnte.

Ideen hat der Mühlhäuser genug. Das neueste Projekt, das er jetzt erfolgreich angestoßen hat: Ein Inklusionsanhänger, der von vielen Unternehmen der Region gesponsert wurde. Der Anhänger ist gefüllt ist mit zahlreichen Sportgeräten und einem Rollstuhl. „Damit wollen wir vor allem an den Schulen der Region unterwegs sein“, erzählt Pompe. Den Schülerinnen und Schülern soll so das Thema Inklusion nahegebracht werden. Sie sollen erleben können, wie sich Menschen mit Handicap fühlen. Der Anhänger soll in der nächsten Zeit noch mit weiteren Geräten ausgestattet werden. Dazu gehören u.a. eine mobile Rampe, zwei Aktiv-Rollstühle und eine Ausrüstung für die Beeinträchtigung der Sinnesorgane, berichtet Pompe. „Wir wollen die Vielfalt von Behinderungen darstellen“, sagt Pompe. So denkt er etwa an eine Brille, an der verschiedene Sehstärken eingestellt und nachempfunden werden können. Oder auch an eine Infrarotschießanlage, wie es sie für sehbeeinträchtigte Biathlon-Sportler gibt.

Marco Pompe setzt auf eine inklusive Gesellschaft, an der er mit dem Verein ILOH kräftig mitbauen will. Der engagierte Mühlhauser sagt: „Als Inklusionsbotschafter möchte ich dazu beitragen, dass Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam die Gesellschaft formen und prägen, so dass ein barrierefreies Miteinander noch besser möglich ist.“

Text: Hartmut Kaczmarek, Bild:ILOH Mühlhausen

 

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Verein "Mit Hunden helfen": Tiere geben Unterstützung nach einem Schlaganfall oder bei Demenz

gute nachbarn hunde1Schkölen. Margot Kuhr (unser Bild zeigt sie mit zwei Therapiehunden) warnt: „Nicht erschrecken, die kläffen gleich ordentlich los, sind aber völlig ungefährlich.“ Als sie dann mit den beiden Tieren fürs Foto vor die Tür tritt, herrscht Ruhe, kein Bellen oder Knurren. Dabei findet Kuhr eigentlich, dass ihre Hunde sich in der Freizeit ruhig austoben können. „Die sind hier schließlich nicht auf Arbeit“, sagt sie und lacht.

Bei Margot Kuhr laufen die Fäden des Vereins „Mit Hunden helfen“ zusammen, der inzwischen mehr als 40 Mitglieder in Thüringen hat. Vereinszweck ist die Beförderung der Kyno­therapie. Kuhr selbst bietet zum Beispiel Physiotherapie mit Hund an. „Ein Patient kann dazu animiert werden, zum Beispiel nach einem Schlaganfall bestimmte Bewegungen wieder zu erlernen.“ Das fällt oft schwer. Wenn aber ein Hund dabei ist, gelingt es manchen Menschen leichter, etwa den Fuß zu heben, unter den sich der Hund geduldig legt. Mitunter werden Hunde auch eingesetzt, um zum Beispiel psychisch geschädigten Patienten näherzukommen, die mit anderen Mitteln nicht erreicht werden.

Das Problem: Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen eine derartige Therapie nicht. „Prinzipiell kann jeder Haushund ein Begleithund sein oder werden. Das gilt auch für andere Haustiere. Für deren Kosten dürfen die Kassen allerdings nicht aufkommen, da sie nicht in den Regelbereich der Hilfsmittel nach § 33 Sozialgesetzbuch 5 fallen“, heißt es dazu zum Beispiel von der Barmer. Zwar können die Kosten für eine solche Therapie tatsächlich oft privat getragen werden – in Notfällen möchte der Verein aber die Kosten tragen, wenn eine Person es sich nicht leisten kann, obwohl die Therapie helfen könnte. „Die Therapie soll nicht nur für gut Betuchte sein“, so Kuhr .

Mit einer Hundetherapie lässt sich nicht unbedingt eine Krankheit austherapieren. „Aber viele Symptome lassen sich lindern“, sagt sie. Zum Beispiel bei Demenz-Patienten. „Auch die kriegen sehr wohl noch viel mit.“ Selbst Narben am Ohr des Hundes würden von dementen Personen erkannt und ertastet. Dafür muss der Hund natürlich ruhig sein, darf im Zweifel nicht zu laut bellen oder beißen. Huskies seien da eher ungeeignet, so Kuhr . Besser seien Golden Retriever oder Labradore.

Text und Bild: Florian Girwert/TLZ

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Mit Leidenschaft und Engagement Kindergarten in Rohrberg gerettet

gute nachbarn rohrbergRohrberg. Ein Kindergarten ist eigentlich eine normale Sache. In Rohrberg aber war er das im Jahr 2012 ganz und gar nicht. Das Gebäude von 1987 war marode, die Kinderzahl auf fünf gesunken. Der Kindergarten mitten im Ort stand damals vor dem endgültigen Aus.

Markus Kulle war damals Mitglied im Elternbeirat. Für ihn und einige andere junge Rohrberger stand fest: Wir müssen etwas tun. Auch Bürgermeister Stephan Hesse mochte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, die wichtige Einrichtung im Dorf zu verlieren. Man setzte sich zusammen, sprach mit dem Träger, dem Sozial-, Kinder- und Jugendhaus Regenbogen, was man tun könnte. „Erst mal ein Fest“, dachte sich Markus Kulle . „Und einen Förderverein.“ Das erste Kinderfest in der Musikscheune war ein riesiger Erfolg. Auch der Förderverein war fix gegründet – mit Markus Kulle als Vorsitzendem.

Der Gemeinderat gab nach – und dem Kindergarten eine zweite Chance. Diese Entscheidung sollte sich im Nachhinein als goldrichtig erweisen. Denn heute sind es 28 Kinder in drei Gruppenräumen, die im Rohrberger Kindergarten betreut werden. Für den Förderverein fand sich schnell der passende Name: „Kleine Füße“. Denn um die dreht sich alles Handeln.

Andreas Otto (links), der stellvertretende Vorsitzende, und Markus Kulle, der Chef des Fördervereins „Kleine Füße“. Foto: Eckhard Jüngel Andreas Otto (links), der stellvertretende Vorsitzende, und Markus Kulle, der Chef des Fördervereins „Kleine Füße“. Foto: Eckhard Jüngel

Zwölf Mitglieder hat der Verein – damals wie heute. „Das reicht auch“, meint Markus Kulle . „Mit weniger Leuten findet man schneller zu Entscheidungen.“ Aber dass man mit einem Kinderfest im Jahr nicht weit kommt, darüber machte man sich in Rohrberg keinerlei Illusionen. Spendenaktionen wurden angeleiert, Fördermittel­anträge leider ohne Erfolg geschrieben, und es wurde um Lottomittel gebeten. Das Klinken-putzen sollte sich recht gut auszahlen. Aber den Hauptgewinn zogen die Rohrberger, als sie im Jahr 2013 eine völlig verrückte Idee ausbrüteten: den Flight Club ins Dorf holen.

Der Flight Club ist eine Nachwuchsserie im Freestyle-Motocross. Waghalsige Sprünge, Akrobatik und eine spektakuläre Show locken seitdem jährlich Hunderte Besucher auf den Sportplatz im beschaulichen Rohrberg . Sogar in Australien ist das Dörfchen deswegen inzwischen bekannt. Auf dem Sportplatz wird nicht mehr Fußball gespielt, denn dort steht inzwischen ein fester Sprunghügel für die Freestyler. Der Erlös des Ereignisses geht jedes Jahr an den Förderverein „Kleine Füße“.

Im Laufe der Jahre haben die regen Vereinsmitglieder um Markus Kulle und seinen Stellvertreter Andreas Otto so um die 40.000 Euro gesammelt. „Damit brauchen wir glücklicherweise nur Material zu kaufen“, sagt Kulle . Im Verein gebe es handwerklich begabte Menschen. Markus Kulle kommt nach kurzem Überlegen auf etwa 4000 ehrenamtliche Arbeitsstunden, die der Verein bislang geleistet hat. Die Organisation und Vorbereitung der Kinderfeste und des jährlichen Flight Clubs seien da noch nicht mit drin.

„Wir haben in den ersten Jahren regelmäßig unsere Urlaube geopfert, im Kindergarten übernachtet“, erinnert er sich. Nach und nach ist es mit großer Unterstützung durch die Gemeinde gelungen, den alten DDR-Bau zu renovieren, einen Raum nach dem anderen einzurichten. 2015 waren zum Beispiel die neuen Fenster fällig. Durch die alten pfiff es ordentlich. Es wurde verputzt, gemalert, an den Fußböden gearbeitet. Markus Kulle und Andreas Otto können gar nicht alles aufzählen, was zu tun war – und noch zu tun ist. Jetzt wartet man gerade wieder auf die Lieferung neuer Möbel.

Am Dach stehen jetzt wieder Arbeiten an, auch die Trittschalldämmung muss neu werden. Der Anbau benötigt Dämmung und Putz. „Und wir brauchen neue Spielgeräte für die unter Dreijährigen“, sagt Kulle .

Bürgermeister Stephan Hesse nickt. „Wir haben bei uns nicht nur Kinder aus Rohrberg , sondern auch aus Freienhagen , Uder und auch aus Ischenrode und Bremke im benachbarten Niedersachsen“, zählt Hesse auf. Denn bei den Nachbarn gebe es noch nicht die Möglichkeit, die Kinder unter drei Jahren zu betreuen. „Die kommen zu uns.“ 120.000 Euro berappt die Gemeinde Rohrberg jährlich für den Unterhalt des Kindergartens. „Das ist es uns auch wert“, sagt Hesse . Die Gemeinde sei schuldenfrei. Zwar verschlinge der Kindergarten etwa die Hälfte des Gemeindehaushaltes, aber Hesse sieht das als Investition in die Zukunft. „Wenn junge Familien bei uns bauen wollen, dann ist es wichtig, auch einen Kindergarten im Ort zu haben“, ist er überzeugt. Selbst einige Eltern, die ihre Kleinen bislang in Nachbarorten in die Einrichtungen brachten, verlassen sich wieder auf die Betreuung durch die Erzieherinnen in Rohrberg . „Sie haben erkannt, dass sie so unserem Dorf helfen“, freut sich Hesse .

Andreas Otto und Markus Kulle haben selbst eigene Kinder in den beiden Gruppen. Eltern im Dorf hätten schon vorsichtig gefragt, was denn aus dem Förderverein und dem Kindergarten würde, wenn die Otto - und Kulle-Kinder in die Schule kommen. „Na, was soll sein?“, fragt Kulle zurück. „Es geht mit dem Förderverein und dem Kindergarten weiter wie bisher.“

Text: Silvana Tismer/TLZ, Bild: Eckhard Jüngel

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"Helping Angels" aus Gotha erfüllen letzte Wünsche

gute nachbarn helping angelsGotha. Eine Frau aus Erfurt litt an Darmkrebs im Endstadium. Trotz Chemotherapie hatte sich ein zweiter Tumor gebildet. Ihr Wunsch war, noch einmal per Heißluft-Ballon die Heimat aus der Höhe zu sehen. Doch da die Ballonfahrt gesundheitlich kaum zu bewältigen schien, schlugen die „Helping Angels“ einen Rundflug mit einem Kleinflugzeug vor. Er führte über den Kyffhäuser , den Erfurter Dom, die Wartbug und die Fahnerschen Höhen, die Route, die sie immer machen wollte.

Daran erinnert sich Christian Korff , der Vereinsvorsitzende der „Helping Angels“ (englisch für „helfende Engel“), als er im Azurit-Pflegeheim in Gotha das neue Büro des als gemeinnützig anerkannten Vereins eröffnet. Die Frau sei eine Woche später verstorben, aber während der Tour vielleicht noch einmal sehr glücklich gewesen.

Als Gäste im neuen Büro begrüßt Korff die Landtagsabgeordneten Matthias Hey , Werner Pidde und Thomas Hartung aus Weimar (alle SPD). Hey ist schon seit einem Jahr Pate des Vereins, am Montag übergibt er seinen Mitgliedsantrag, der dankbar angenommen wird.

Der Mitgliedsbeitrag beträgt 80 Euro im Jahr, für Mitglieder, die bei der Organisation der Erfüllung der letzten Wünsche aktiv mit zupacken, sind es 60 Euro. Die Mitgliedsbeiträge und vor allem Spenden sind die einzigen Geldquellen für die Tätigkeit des Vereins. Auch Unternehmen seien eingeladen, sich über ein Sponsoring oder eine Spende zu beteiligten, wird in einem Informations-Faltblatt aufgerufen. Das oberste Ziel sei, die Reise mit dem Verein solle für alle Fahrgäste kostenfrei sein und bleiben, heißt es dort weiter. Hey, Pidde und Hartung hatten zuvor die städtischen Heime in der Gothaer Pestalozzistraße besucht. Hartung ist trotz seiner Tätigkeit als Landtagsabgeordneter (Er rückte für Uwe Höhn , der Staatssekretär wurde, 2017 nach.) weiter als Notarzt tätig. Er kenne in und um Weimar gut 20 Heime und wäre froh, wenn sie alle so gut geführt wären wie die kommunalen Gothaer in der Pestalozzi­straße, fasst er seinen Eindruck zusammen. Der Vereinsvorsitzende Christian Korff selbst ist als Rettungssanitäter tätig, hat sich außerdem zum Notfall-Seelsorger und Sterbebegleiter ausbilden lassen.

Im Azurit-Pflegeheim ist das Büro des „Helping Angels Gotha e.V.“ gut aufgehoben. Hausleitung Yvonne Pett ist Korffs Stellvertreterin im Verein.

Text: Peter Riecke /TLZ

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Mittlerweile eine feste Institution: Kultur gibt es in Heiligenstadt immer freitags -

gute nachbarn heiligenstadtJana Bauer, Marcus Hoppe, Christine Hoppe und Katrin Dörnbach (von links) gehören zum harten Kern des Kulturfreitag-Teams und organisieren die Veranstaltungen, die ein fehlendes Kino in Heiligenstadt zumindest teilweise kompensieren.

Heiligenstadt. Im Reichshof sprechen heute Amtsrichter Recht. Sie verurteilen Kriminelle zu Haftstrafen. Grundbuchangelegenheiten können hier abgewickelt und andere Gerichtsgänge erledigt werden. Weiland musste hier Schlagersänger Michael Wendler in Abwesenheit ertragen, dass man ihn einen Betrüger nennen darf. Ein Eichsfelder hatte ihn öffentlich so bezeichnet, Wendler zog gegen ihn 2013 vor eben jenes Amtsgericht in Heiligenstadt .

Die bewegte Geschichte des Reichshofes verbinden die Heiligenstädter aber nicht zuerst damit, dass hier „Justitia“ bemüht wird. Für die 17.000 Einwohner der Eichsfelder Kreisstadt steht hinter dem aufwendig sanierten Gebäude ein eher trauriges Kapitel. Der Stadt fehlt ein Kino.

Im Dezember 2003 wird dort, wo heute Richter ihre Arbeit verrichten, der letzte Film gezeigt. Heinz Rühmann flimmert in seiner Paraderolle als Hans Pfeiffer („mit drei f“) über die Leinwand des Filmtheaters, das fortan seine Türen für immer schließt. Geplant ist das anders: Nach einer Sanierung soll der Kinobetrieb wieder beginnen. Das scheitert aber, und spätestens seit dem Landtagsbeschluss 2005 über den Einzug des aus den Standorten Heiligenstadt und Worbis vereinigten Amtsgerichts in den Reichshof ist klar, dass die Zukunft eines Kinos in Heiligenstadt mehr als fraglich ist.

Heute – 16 Jahre nach der letzten Vorstellung – gibt es immer noch kein Kino in der Stadt. Dafür haben sich Ehrenamtliche aber auf die Fahnen geschrieben, an jedem Freitag im Gebäudes des „Alten Rathaus“, das nur unweit des einstigen Filmtheaters steht, eine Kulturveranstaltung anzubieten. Das können Filmvorführungen sein, aber auch Konzerte, Vorträge oder Buchlesungen.

Den Kinoersatz gibt es offiziell seit 2013. Seinen Ursprung hat er allerdings schon 2005, als die evangelische Kirchengemeinde damit beginnt, immer am letzten Freitag im Monat einen Film zu zeigen – und damit zumindest im Ansatz das fehlende Kino zu kompensieren.

Die Stadt unter CDU-Führung hat es nicht hinbekommen, wieder ein Kino nach Heiligenstadt zu holen. Auch nach dem Regierungswechsel von den Christdemokraten zur Bürgerinitiative „Menschen für Heiligenstadt“ gelang das dem vor sieben Jahren gewählten Bürgermeister Thomas Spielmann (BI) nicht. Der initiierte aber den sogenannten Kulturfreitag – der seit April 2013 von einem engagierten ehrenamtlichen Team realisiert wird.

Im „Alten Rathaus“, in dessen gläsernem Aufgang sich die Türme der Heiligenstädter Marienkirche spiegeln, finden die Veranstaltungen seit nunmehr sechs Jahren statt. Foto: Jürgen Backhaus Im „Alten Rathaus“, in dessen gläsernem Aufgang sich die Türme der Heiligenstädter Marienkirche spiegeln, finden die Veranstaltungen seit nunmehr sechs Jahren statt. Foto: Jürgen Backhaus

Pfarrer Ralf Schulz , der seinerzeit in Heiligenstadt Verantwortung in der Kirche trug, lobte diese Initiative als eine Erweiterung des Gemeindeangebotes. Spielmann selbst erinnert daran, dass zu dieser Zeit viele Veranstaltungen auch in der Bibliothek stattgefunden haben. „Der Wunsch, ein fehlendes Kino im Rahmen unserer Möglichkeiten zu kompensieren, und die zahlreichen Veranstaltungen in der Bibliothek“ seien der Anlass gewesen, das zusammenzuführen. „Heute zeigen wir anspruchsvolle Filme oder relativ neue Blockbuster“, sagt Spielmann.

Die Heiligenstädter honorieren das Angebot, das vor allem von ehrenamtlicher Arbeit lebt. „Es gibt viele Menschen, die freitags zu uns kommen und gar nicht wissen, was angeboten wird“, sagt Jana Bauer . Die Leiterin der Heiligenstädter Stadtbibliothek hat gewissermaßen den „Hut“ für das Projekt auf, das seit 2014 vom „Freundeskreis Kulturfreitag“ abgesichert wird. Gemeinsam mit Katrin Dörnbach sowie Christine Hoppe und Gerlinde Apel managt sie die Veranstaltungen.

Nicht zu vergessen ist der erst 16-jährige Markus Hoppe , der bei der Organisation der Veranstaltungen ebenfalls eifrig dabei ist – und manchmal sogar selbst liest. Immerhin hat er schon einige Bücher geschrieben, zuletzt über die Burg Scharfenstein . „Und Mitglieder des Jugendparlaments unterstützen uns ebenfalls sehr zuverlässig“, sagt Jana Bauer . Aus der anfänglichen Notlösung ist mittlerweile eine verlässliche Einrichtung geworden – immer freitags, immer um 19.30 Uhr und immer im „Alten Rathaus“, das mehr als 100 Menschen im großen Saal Platz bietet.

Als vor einigen Monaten der Till-Schweiger-Film „Honig im Kopf“ gezeigt werden konnte, war der Saal voll und die Veranstaltung wurde mehrfach wiederholt. Im Jahr kommen etwa 1000 Menschen zu den zwischen 40 und 50 Veranstaltungen. Hinzu kommt noch das Angebot eines Kinderkinos, das Schulen und Horte der Stadt und der Umgebung rege nutzen. 800 Mädchen und Jungen kommen so jährlich in den Genuss einer Filmvorführung.

Die Stadt unterstützt vor allem mit Infrastruktur und ein wenig Geld. 1000 Euro sind im Jahr in den Haushaltsplanungen verankert, den Rest realisiert der Freundeskreis über Spendengelder. Das, sagen die Organisatoren der Veranstaltungen, sei allerdings nicht immer so einfach.

Dass die Veranstaltungen ohne Eintrittsgeld auskommen müssen, liegt an der Schirmlizenz der Landesstelle für Bibliotheken, die in jedem Jahr erworben werden muss – und deshalb so günstig ist, damit über sie eine Kulturförderung in der Fläche stattfinden kann.

Die hat sich mittlerweile weit herumgesprochen. „Sogar Menschen aus Hamburg kennen den Kulturfreitag“, berichtet Max Hoppe , der vor einiger Zeit von einem Touristen auf die Veranstaltung angesprochen wurde.

Der harte Kern des Kulturfreitags-Teams bleibt auch künftig bei der Sache. Im Ehrenamt etwas für die Mitbürger zu organisieren, das bereitet den Mitgliedern des Freundeskreises eben Freude. Und nur so, darüber sind sie sich einig, funktioniere das gesellschaftliche Zusammenleben. „Wenn wir es nicht tun, dann tut es niemand. Und wir machen es für unsere Mitmenschen“, sagt Jana Bauer und ihre Mitstreiter nicken zustimmend.

Der letzte Vorhang im Heiligenstädter Reichshof-Gebäude ist vor fast 16 Jahren gefallen. Ein Kino gibt es seither in der Kreisstadt des Landkreises Eichsfeld nicht mehr. Cineasten müssen nach Göttingen , Mühlhausen oder Nordhausen ausweichen – in Heiligenstadt wird ihnen immer freitags allerdings zumindest eine Alternative geboten, die etabliert und anerkannt ist.

Text und Bild: Fabian Klaus

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