Ein einzigartiges Busprojekt in Thüringen

bürgerbus

Stadtroda. Diethar Lumpe lässt es jetzt etwas ruhiger angehen. Mittagszeit in Stadtroda.. Er steht auf dem Parkplatz am Rodamarkt. Pause. Sein Blick wandert aber noch prüfend über die Liste. Vergessen, sagt er, wolle er schließlich nachher niemanden. „Man kennt seine Mitfahrer“, erklärt er. Lumpe gehört zum achtköpfigen Team, das den Bürgerbus in Stadtroda mit seinen zugehörigen Ortsteilen sowie der Gemeinde Schlöben betreut – bisher ist dieses Modell einzigartig in Thüringen . Bürger fahren für Bürger auf einer festgelegten Route zwei Mal in der Woche in die Stadt und wieder zurück. Das hilft vor allem den Senioren, die sonst Probleme hätten, aus entlegenen Gebieten die Kernstadt zu erreichen.
Eine Erfindung der Stadt Stadtroda ist der Bürgerbus aber nicht. „Wir sind in Weimar an der Lahn auf das Projekt aufmerksam geworden“, sagt Wolfgang Main. Er steht dem Seniorenbeirat in Stadtroda vor und gehört genauso zum Bürgerbus-Team wie Jürgen Seifert . Seit Mai 2016 rollt der Bürgerbus durch die Region, hat erst vor wenigen Wochen seine zweite erfolgreiche Fahrplanänderung erfahren. „Jetzt kommen die Menschen zwei Mal in der Woche in die Stadt“, erzählt Main.

Allerdings: Vor einem Jahr war es um das ehrgeizige Projekt nicht zum Besten bestellt. „Der Bürgerbus steht vor dem Aus“ titelten Zeitungen  damals, als klar war, dass ein neues Fahrzeug beschafft werden muss. Denn das Eco-Mobil des Landkreises, mit dem der Bürgerbus zu Beginn besorgt wurde, stand vor der Stilllegung.
Fördermittel aus dem Leader-Programm ließen aber auf sich warten. Ein Antrag aus dem Januar 2018 war Mitte des Jahres noch nicht beschieden. Mittlerweile können die Stadtrodaer aufatmen. „Wir sind für die Zukunft gerüstet“, sagt Main.
Der neue Bürgerbus wird ein Eco-Mobil sein, das mittlerweile bestellt ist. Im Herbst 2019 soll das neue Fahrzeug ausgeliefert werden.

Bis dahin rollt der Bürgerbus mit zwei Fahrzeugen durch die Region – mit der„Weißen Kuh des Bürgermeisters“, wie der Kleinbus der Stadtverwaltung scherzhaft genannt wird. Der zweite Tour-Tag wird mit einem Fahrzeug des Autohauses Dolge aus der Stadt abgesichert. „Dadurch können wir eine Zuverlässigkeit gewährleisten und müssen das Angebot nicht ausfallen lassen“, macht Main deutlich, dass der Bürgerbus davon lebt, dass er immer einsatzbereit ist.
32.000 Euro aus dem Leader-Programm werden demnächst in das neue Mobil investiert. 10.000 Euro haben regionale Unternehmer aufgebracht. „Die stehen alle hinter dem Projekt“, sagt Wolfgang Main.

Überhaupt können sich die Bürgerbus-Ehrenamtlichen über eine breite Unterstützung freuen. Sei es im Stadtrat oder in der Ärzteschaft. Weil vornehmlich Senioren das Angebot nutzen, um in die Stadt zu kommen und Arztbesuche abzuwickeln, war es von Beginn an wichtig, dass die Mediziner über das Angebot informiert sind. „Und alle machen mit“, sagt Wolfgang Main erfreut. Das bedeutet: Erklärt ein Bürgerbus-Mitfahrer beim Doktor, dass er auf die Abfahrtszeiten angewiesen ist, um wieder nach Hause zu kommen, dann wird auch in den Praxen flexibel gehandelt – Bürgerbus hat sich als „Codewort“ mittlerweile etabliert.

Dass das Angebot viel Gutes bewirken kann und eine Nische bedient, die der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) wohl nicht abdecken könnte, wird auch einstigen Bedenkenträgern immer klarer. Zweifel im Infrastrukturministerium, das im Bürgerbus eine Konkurrenz zu den örtlichen Busunternehmern gesehen hatte, sind aus Sicht von Wolfgang Main zerstreut. Denn es gebe in Stadtroda regelmäßige Treffen mit den Verkehrsbetrieben. Die hätten bestätigt, dass sie die Route, die der Bürgerbus nimmt, nicht wirtschaftlich betreiben könnte.

Im Infrastrukturministerium will man sich noch nicht positionieren zum Bürgerbus, wartet noch auf die Ergebnisse einer Studie. Sie werde, sagt eine Sprecherin aus dem Haus von Ministerin Keller (Linke), in den nächsten Wochen vorliegen.
Gleichwohl: Das Stadtrodaer Projekt hat es bereits in die Köpfe von Politikern geschafft. Prominentes Beispiel ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD). „Ich habe ihm davon erzählt“, sagt Wolfgang Main, der als einer von mehr als 100 Ehrenamtlichen zum Empfang beim höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik eingeladen war.
Mittlerweile können die Bürgerbusfahrer auf eine erste Bilanz verweisen, seit das Projekt im Mai 2016 gestartet ist. 10.000 Kilometer haben sie im ersten Jahr abgespult und 1000 Fahrgäste befördert. Eine Route ist seit Januar 100 Kilometer lang. An 21 Stellen wird gehalten. Das achtköpfige Team wechselt sich stets ab mit den Fahrtschichten. „Wir stellen die Software, die Stadt kümmert sich um die Hardware“, bringt es Wolfgang Main auf eine einfache Formel.
In der Regionalen Aktionsgruppe ( RAG ) des Saale-Holzland-Kreises blicken die Mitarbeiter zufrieden auf das Projekt in Stadtroda . „Es ist besser angelaufen, als wir das erwartet haben“, sagt Franziska Ta Van dieser Zeitung. Sie lobt das ehrenamtliche Engagement der Fahrer aber auch die Bürgermeister von Stadtroda , Klaus Hempel , und Schlöben , Hans Peter Perschke , die sich sehr für das Gelingen eingesetzt hätten. „Das Projekt lebt davon, dass es nicht aufgesetzt ist“, sagt sie.

Wo die Zukunft hinführt? An Fahrern mangelt es nicht. Auch Anfragen umliegender Gemeinden, ob der Bürgerbus nicht auch hierhin fahren könne, gibt es schon. Eine Erweiterung der aktuellen Route erscheint aber nicht sinnvoll.
Man könne, sagt Main, auf einen weiteren Tag ausweichen. Dann würde der Bus dienstags, mittwochs und donnerstags fahren. Dass das Platzangebot für den kostenfreien Service in Zukunft mit acht Sitzen ausreicht, davon ist er überzeugt. „Wir mussten bisher niemanden stehen lassen“, sagt er. Auch in Weimar an der Lahn, das Ideengeber für das Stadtrodaer Projekt war, reiche ein Acht-Sitze-Fahrzeug aus. Zumal das einen weiteren Vorteil hat: Die Fahrer müssen keinen Personenbeförderungsschein nachweisen, der wiederum zusätzliche Prüfungen und Kosten verursachen würde.
Wie wichtig das Angebot in Zukunft noch werden könnte, das zeigt ein Blick in die Bevölkerungsprognose für Stadtroda und seine Gemeinden. 2025 werden 43 Prozent der Menschen in der Stadt und ihren Gemeinden 60 Jahre und älter sein und dann möglicherweise auf dieses Mobilitätsangebot angewiesen.

Sicher können die Mitfahrer sein, dass sie auf engagierte Begleiter wie Diethard Lumpe treffen. Der setzt am Rodamarkt noch zwei Haken auf der Passagierliste, damit auf der Rücktour niemand vergessen wird – dann ist aber wirklich erstmal Pause.

Unser Bild zeigt Diethard Lumpe mit Wolfgang Main (Mitte) und Jürgen Seifert (rechts)

Text und Bild: Fabian Klaus (TLZ)

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