„Gute Nachbarn, gute Taten“: Friedrich Hilgenfeld hilft Geflüchteten wirklich in Erfurt anzukommen

Friedrich Hilgenfeld aus ErfurtErfurt. „Mohammed, so geht das nicht!“ Friedrich Hilgenfeld ist sauer. Muss der Junge denn schon wieder zu spät kommen? Mohammed ist 19, stammt aus Afghanistan, kommt morgens nicht aus dem Bett und demzufolge schon wieder zu spät zu seinem Praktikum in einem kleinen Café.

Friedrich Hilgenfeld ist 73, sieht jünger aus und wirkt kraftvoll. Sein Nein, dass er nicht in der Zeitung vorgestellt werden möchte, klingt sehr bestimmt. So bestimmt, dass wir zunächst nur einen Kaffee trinken, um wieder auseinander zu gehen. Er ist aber auch einer, der zuhört. Deshalb erkundigt er sich, warum denn ausgerechnet er in der Zeitung erscheinen soll. Ja, er sei ein guter Nachbar. Aber das sind andere auch, sagt er. „Es gibt viele, die ähnliches tun wie ich“. Das mag stimmen. Ganz sicher sogar. Und doch: Er wurde vorgeschlagen, als die TLZ dazu aufrief, gute Nachbarn zu benennen. So entsteht dieser Text, der Einblicke in sein Tun gibt.

Das Logo der Aktion„Ich betreue Ausländer“, spricht Hilgenfeld mehr zu sich als zu seinem Gegenüber. Dass er das tut, hat nicht nur seine Ursache darin, dass er vor zwei Jahren in Rente gegangen ist. Davor war er Geschäftsführer in Bad Langensalza – und hatte wenig Zeit. Als er liest, dass Erfurter gesucht werden, die Ausländern das Ankommen erleichtern, denkt er sich: Warum nicht? Und begegnet einem jungen Afghanen, keine 18 Jahre alt. Als er ihn das erste Mal trifft, traut er seinen Augen nicht. Der ist doch viel zu klein für einen Afghanen. Ein bisschen Halbwissen hat Hilgenfeld über dieses Land. Er hat auch schon Paschtunen gesehen. Woher also kommt der Junge? Heute ist Friedrich Hilgenfeld froh, dass er damals seine Zweifel mit Wissen zerschlagen und den Jungen nicht unter Verdacht genommen hat. Die Hazara, die von den Mongolen abstammen, sind ungleich kleiner als die Paschtunen und leben ebenfalls unter anderem in Afghanistan.

Er will dem Jungen helfen. Sein Motiv? „Nie und nimmer hätte der sich durch den deutschen Bürokratie-Dschungel kämpfen können“, sagt er. Und dass er Christ sei, Protestant. Das Wort Nächstenliebe nimmt er nicht in den Mund. Aber es ist zu spüren, dass er genau das meint. Die müssen doch so viel lernen hier. Allein die Schrift. Plötzlich schreiben sie nicht mehr wie gewohnt von rechts nach links sondern andersrum. Und dann der Kampf um die Wohnung, jetzt, da der junge Mann volljährig ist. Die beim Sozialamt helfen ihm. Und sind froh darüber, dass er bereit ist, sich zu kümmern. Geld allein bringt weder eine Wohnungseinrichtung noch ein Stück Zuhause. Auch wenn Geld nötig ist, keine Frage. Doch jemand muss die jungen Kerle doch sozusagen an die Hand nehmen und ihnen dennoch ihre Eigenständigkeit lassen. Genau das tut Friedrich Hilgenfeld. Und so langsam lernt er die Freunde des mittlerweile 19-Jährigen kennen. Hazara auch sie. Ungefähr gleich alt und ungefähr die gleichen gefährlichen Erlebnisse prägen ihre Lebensläufe. Geschichten, die man sich nicht ausdenken kann – und die ihm an die Nieren gehen. Weil sie Angehörigen der Jungen ans Leben gegangen sind.

Auch den anderen hilft Hilgenfeld nun. „Die haben inzwischen alle ein Dach über dem Kopf“, ist er zufrieden. Einem hat er mit viel Mühe und Geduld zusätzlich klar gemacht, dass der Abschluss der zehnten Klasse erst einmal wichtiger ist als das erste selbst verdiente Geld. „Mach einen ordentlichen Abschluss“, sagt er immer wieder. Dann klappt das schon mit dem Geldverdienen.

Ein anderer war unter 18, als er in Erfurt ankam. Mutter und zwei Schwestern lebten da schon in Nordrhein-Westfalen. Der Vormund hat davon nichts gewusst und nicht auf Familienzusammenführung gedrängt. Jetzt, jenseits der 18, geht das nicht mehr so einfach mit dem Wechsel nach NRW. Der Junge musste hierbleiben. Es sei denn, mit einem besonderen Antrag findet sich doch ein Weg. Dann aber wäre der Junge weg aus dem Blick von Friedrich Hilgenfeld. „Aber er wäre mit seiner Familie zusammen. Das ist für ihn wichtiger. Ich helfe doch nicht, damit ich Unterhaltung habe“.

Inzwischen betreut er mit seinem Kirchenkreis auch zwei Frauen aus Eritrea. Die waren in seiner Gemeinde im Kirchenasyl. Jetzt dürfen sie bleiben. Fünf Frauen und Männer helfen ihnen, wirklich anzukommen. Friedrich Hilgenfeld hat dieser Tage für eine der Frauen eine Waschmaschine holen können. Für wenig Geld. Das freut ihn.

Als Geschäftsführer in einem kleinen Betrieb hatte er für seine Mitarbeiterinnen gekämpft. Er ist dafür quer durch Deutschland gereist und hat für sie Arbeit gefunden. Heute gelingt es ihm, Fremden beim erfolgreichen Ankommen in der Stadt zu helfen. „Langfristig brauchen wir junge Menschen im Land“, weiß er. Natürlich gibt es auch welche, die nicht gut ankommen. „Aber die Mehrheit ist höflich und wird die Rente von morgen sichern helfen“, ist er überzeugt. Wir haben uns in einem Café mitten in der Stadt verabredet, das seinem jüngeren Sohn und zwei anderen gehört. Dem hilft er also auch. Das Café ist ziemlich angesagt und ziemlich klein. Bis da wirklich Geld verdient wird, dauert es wohl noch ein bisschen. Und so lange ist Vater da. Nicht nur als Gast.

Mohammed macht in diesem Café nur ein Praktikum. Und er wird künftig nicht mehr zu spät kommen. „Der hat sich jetzt jeden Tag morgens um 6.15 Uhr bei mir per WhatsApp zu melden.“ Das hat Friedrich Hilgenfeld entschieden. So wird es gehen. . .

Landeswelle Thüringen, TLZ und Paritätischer Wohlfahrts­verband zeigen mit der Aktion „Gute Nachbarn gute Taten“ , dass Thüringen das Land der hilfsbereiten Mitmenschen ist. Wir berichten gerne über solche Menschen. Ihre Vorschläge senden Sie bitte an:

Text: Esther Goldberg

Tags: Gute Nachbarn - gute Taten, Friedrich Hilgenfeld

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