Knapp 30 Ehrenamtliche engagieren sich in ambulanter Hospizgruppe Weimar

Aktive Mitglieder in der Hospizgruppe WeimarWeimar, 18. Dezember 2017. Christine Hansmann-Retzlaff (rechts) ist eine von 28 ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen des Trägerwerkes Soziale Dienste in Weimar. Dafür hat sie nun Luft, da ihre Kinder groß sind. Sie sagt den Menschen, zu denen sie geht, einen ungeheuer guten Satz: „Ich bin da, weil ich jetzt Zeit für Sie habe.“ Mit ihr leisten Larissa Söllner (links) und Susanne Kahlert-Süße Hilfe als Hospizbegleiterinnen. (Foto: tlz/Esther Goldberg)

Sie hat die große Bühne verlassen. Das ist inzwischen gut vier Jahre her. Vorbei ist die Zeit, da sie den Octavian, den Rosenkavalier, gegeben hat. Christine Hansmann-Retzlaff hat diesen Abschied von der Bühne selbst gewollt. Um gesund zu bleiben.

Plötzlich aber ist viel Zeit. Zu viel Zeit? Nein. Sie hat nun endlich Luft, sich auch um anderes als um Familie und Beruf zu kümmern. Sie weiß sogar, was dieses andere sein könnte: Sie geht gedanklich zurück in die Schulzeit. Damals wollte sie gern Medizin studieren, nahm sogar drei Jahre Arbeit als Hilfsschwester dafür in Kauf. Einen Studienplatz hat sie dennoch nicht bekommen. Also studierte sie, was das Kind aus einer Musikerfamilie ebenso gut kann: Gesang.

Menschen hilfreich zur Seite stehen in ihren letzten Tagen - diese Aufgabe haben sich Hospizbegleiterinnen in Weimar gesetzt. Foto: Sascha Willms Menschen hilfreich zur Seite stehen in ihren letzten Tagen - diese Aufgabe haben sich Hospizbegleiterinnen in Weimar gesetzt. Foto: Sascha Willms

Und jetzt, fast 30 Jahre später, kehrt sie auf besondere Weise dorthin zurück, wo ihre ersten Ideen für ein Berufsleben entstanden waren: zu kranken Menschen. Denn Christine Hansmann-Retzlaff ist eine von 28 ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen des Trägerwerkes Soziale Dienste in Weimar. Dafür hat sie nun Luft, da ihre Kinder groß sind und die große Bühne ins Dunkel getaucht ist. Sie sagt den Menschen, zu denen sie geht, einen ungeheuer guten Satz: „Ich bin da, weil ich jetzt Zeit für Sie habe.“ Sie sagt nicht, dass sie eine einjährige Ausbildung als Hospizbegleiterin bekommen hat. Weil das die Kranken nicht wissen wollen. Es sind Menschen, die unheilbar krank sind. Und deren Leben sie zwar nicht mehr Tage geben kann - aber den Tagen mehr Leben. Und wenn es nur dafür ist, dass sie zuhört. Oder mit den Menschen schweigt. Gemeinsam zu schweigen, das mag schwer sein. Aber es tut gut. Vor allem denen, deren Lebenszeit nicht mehr nach Jahren gemessen werden darf.

Dem Leben nicht mehr Tage, aber den Tagen mehr Leben geben

Das Logo der AktionWarum tut sie das? Sich immer wieder mit dem Sterben konfrontieren? Auf diese Frage antwortet die 56-Jährige sehr schnell. Ganz offensichtlich hat sie gut überlegt, warum sie Todkranke begleitet. 1978, vor knapp 40 Jahren also, hat sie gemeinsam mit ihrer Mutter eine Frau gepflegt, die der Familie jahrelang Gutes gegeben hatte. Als die alte Dame vorübergehend in eine Kurzzeitpflege kam, war sie nach 14 Tagen hilflos, ruhig gestellt und nicht mehr gut betreut. Daran denkt Christine Hansmann-Retzlaff heute noch. Obwohl die DDR weg und Deutschland eins ist. Der Pflegenotstand in den Heimen ist heute ebenfalls hoch.

„Ich möchte etwas tun, damit Sterbende ihre Würde behalten“, sagt die einstige Hilfsschwester Christine. Und will damit das Gegenteil dessen, was sie damals als Hilfsschwester erlebt hat: Todkranke wurden ins Bad geschoben. „Wer jetzt auf die DDR zeigt, rümpft die Nase zu Unrecht. Das gibt es heute noch“, ist die Hospizbegleiterin überzeugt.Gerade erst hat sie gemeinsam mit anderen aus der Hospizgruppe eine Frau während ihrer letzten 14 Lebenstage begleitet. Auch Larissa Söllner war dabei. Sie ist seit einem Jahr die Koordinatorin der Hospizgruppe und fest angestellt. Sie haben sich abgewechselt. Damit die Mutter Kontakt zu Menschen hat, wenn die Tochter stundenweise arbeitet. Zwar kann die schwer kranke Frau nicht mehr sprechen. „Aber man kann spüren, was die Menschen noch wahrnehmen“, sind sich die Hospizbegleiterinnen einig. Sie gehen sehr behutsam vor, wenn sie zu den Kranken kommen. Weil sie herausfinden wollen, was die Sterbenden sich wünschen. Das ganz langsame und deutliche Reden gehört dazu. „Und niemals etwas zu sagen, was die Kranken nicht hören sollten, ist auch selbstverständlich“, sagt Christina Hansmann-Retzlaff. „Natürlich, viele verstehen noch nahezu alles, auch wenn sie nicht mehr sprechen können“, erklärt Larissa Söllner ein Phänomen, das vielen nicht bewusst ist. Für Susanne Kahlert-Süße steht diese Frage nicht. Sie kommt ein wenig später zum verabredeten Treffen. Die sieben Monate kleine Emma-Lotte hat sich nicht an den Zeitplan ihrer Pflegemutter gehalten.

Einjähriger Kurs und Supervision wichtig

Susanne Kahlert-Süße ist erst seit einigen Monaten in dieser Hospizgruppe dabei. Sie hat davon in der Zeitung gelesen. „Und ich wollte trotz meiner Erwerbsunfähigkeitsrente noch etwas Sinnvolles tun“, erklärt die gelernte Kindergärtnerin ihr Motiv. Deshalb hat sie im Februar den knapp einjährigen Kurs als Hospizbegleiterin begonnen. Da war Emma-Lotte noch nicht einmal geboren. „Nun mach ich beides“, ist Susanne Kahlert-Süße zufrieden. Und ihre drei eigenen Kinder, die 10, 13 und 19 Jahre alt sind, scheinen es auch zu sein.

Susanne Kahlert-Süße hat noch keinen Menschen bis in den Tod begleitet. Aber sie wird es lernen. Weil sie in dieser Gruppe aufeinander achten. Da, wo Leben und Tod sehr dicht nebeneinander zu finden sind, ist man aufmerksamer. „Wir sind gut miteinander aufgehoben“, sagen sie. Einmal im Monat treffen sie sich. Damit Dinge, die einer oder auch einem (zwei Männer sind in der Hospizgruppe dabei) widerfahren sind, sich gar nicht erst einen Platz auf der eigenen Seele nehmen. „Eben darum gibt es auch die Supervision“, erklärt Larissa Söllner. Sie ist es, die die Ehrenamtlichen ausbildet. Die Jüngste in der Gruppe ist 35 Jahre alt, der älteste inzwischen 84.

Kann man sich auf den eigenen Tod vorbereiten? Nein, sagen Fachleute. Aber natürlich denkt man über das eigene Lebensende nach. Weil es irgendwann sein wird. Und die Begleitung nötigt die Ehrenamtlichen gewissermaßen, eigene Maßstäbe mit Tod und Sterben zu erkennen. Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch nicht anderen zu. Das kann so eine Maxime sein, mit der sie betreuen. „Die meisten Menschen nicken, wenn man ihnen sagt, der Tod gehört zum Leben. Begreifen aber können sie es nicht. Sie glauben nicht, dass das Sterben ein ebenso großer Schritt ist wie die Geburt“, sagt Larissa Söllner.

Die in dieser Hospizgruppe mitarbeiten und Menschen in Weimar und Umgebung betreuen, während ihr Leben immer endlicher wird, haben es allerdings verstanden. Und hoffen natürlich, dass ihrem Leben noch viele Tage, Monate und Jahre gegeben seien...

Weil sie die Bühne des Lebens genauso ungern verlassen möchten wie all die anderen.

(Text:: Esther Goldberg)

Tags: Gute Nachbarn - gute Taten, Hospizbegleiterinnen, TWSD

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