Mit Leidenschaft und Engagement Kindergarten in Rohrberg gerettet

gute nachbarn rohrbergRohrberg. Ein Kindergarten ist eigentlich eine normale Sache. In Rohrberg aber war er das im Jahr 2012 ganz und gar nicht. Das Gebäude von 1987 war marode, die Kinderzahl auf fünf gesunken. Der Kindergarten mitten im Ort stand damals vor dem endgültigen Aus.

Markus Kulle war damals Mitglied im Elternbeirat. Für ihn und einige andere junge Rohrberger stand fest: Wir müssen etwas tun. Auch Bürgermeister Stephan Hesse mochte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, die wichtige Einrichtung im Dorf zu verlieren. Man setzte sich zusammen, sprach mit dem Träger, dem Sozial-, Kinder- und Jugendhaus Regenbogen, was man tun könnte. „Erst mal ein Fest“, dachte sich Markus Kulle . „Und einen Förderverein.“ Das erste Kinderfest in der Musikscheune war ein riesiger Erfolg. Auch der Förderverein war fix gegründet – mit Markus Kulle als Vorsitzendem.

Der Gemeinderat gab nach – und dem Kindergarten eine zweite Chance. Diese Entscheidung sollte sich im Nachhinein als goldrichtig erweisen. Denn heute sind es 28 Kinder in drei Gruppenräumen, die im Rohrberger Kindergarten betreut werden. Für den Förderverein fand sich schnell der passende Name: „Kleine Füße“. Denn um die dreht sich alles Handeln.

Andreas Otto (links), der stellvertretende Vorsitzende, und Markus Kulle, der Chef des Fördervereins „Kleine Füße“. Foto: Eckhard Jüngel Andreas Otto (links), der stellvertretende Vorsitzende, und Markus Kulle, der Chef des Fördervereins „Kleine Füße“. Foto: Eckhard Jüngel

Zwölf Mitglieder hat der Verein – damals wie heute. „Das reicht auch“, meint Markus Kulle . „Mit weniger Leuten findet man schneller zu Entscheidungen.“ Aber dass man mit einem Kinderfest im Jahr nicht weit kommt, darüber machte man sich in Rohrberg keinerlei Illusionen. Spendenaktionen wurden angeleiert, Fördermittel­anträge leider ohne Erfolg geschrieben, und es wurde um Lottomittel gebeten. Das Klinken-putzen sollte sich recht gut auszahlen. Aber den Hauptgewinn zogen die Rohrberger, als sie im Jahr 2013 eine völlig verrückte Idee ausbrüteten: den Flight Club ins Dorf holen.

Der Flight Club ist eine Nachwuchsserie im Freestyle-Motocross. Waghalsige Sprünge, Akrobatik und eine spektakuläre Show locken seitdem jährlich Hunderte Besucher auf den Sportplatz im beschaulichen Rohrberg . Sogar in Australien ist das Dörfchen deswegen inzwischen bekannt. Auf dem Sportplatz wird nicht mehr Fußball gespielt, denn dort steht inzwischen ein fester Sprunghügel für die Freestyler. Der Erlös des Ereignisses geht jedes Jahr an den Förderverein „Kleine Füße“.

Im Laufe der Jahre haben die regen Vereinsmitglieder um Markus Kulle und seinen Stellvertreter Andreas Otto so um die 40.000 Euro gesammelt. „Damit brauchen wir glücklicherweise nur Material zu kaufen“, sagt Kulle . Im Verein gebe es handwerklich begabte Menschen. Markus Kulle kommt nach kurzem Überlegen auf etwa 4000 ehrenamtliche Arbeitsstunden, die der Verein bislang geleistet hat. Die Organisation und Vorbereitung der Kinderfeste und des jährlichen Flight Clubs seien da noch nicht mit drin.

„Wir haben in den ersten Jahren regelmäßig unsere Urlaube geopfert, im Kindergarten übernachtet“, erinnert er sich. Nach und nach ist es mit großer Unterstützung durch die Gemeinde gelungen, den alten DDR-Bau zu renovieren, einen Raum nach dem anderen einzurichten. 2015 waren zum Beispiel die neuen Fenster fällig. Durch die alten pfiff es ordentlich. Es wurde verputzt, gemalert, an den Fußböden gearbeitet. Markus Kulle und Andreas Otto können gar nicht alles aufzählen, was zu tun war – und noch zu tun ist. Jetzt wartet man gerade wieder auf die Lieferung neuer Möbel.

Am Dach stehen jetzt wieder Arbeiten an, auch die Trittschalldämmung muss neu werden. Der Anbau benötigt Dämmung und Putz. „Und wir brauchen neue Spielgeräte für die unter Dreijährigen“, sagt Kulle .

Bürgermeister Stephan Hesse nickt. „Wir haben bei uns nicht nur Kinder aus Rohrberg , sondern auch aus Freienhagen , Uder und auch aus Ischenrode und Bremke im benachbarten Niedersachsen“, zählt Hesse auf. Denn bei den Nachbarn gebe es noch nicht die Möglichkeit, die Kinder unter drei Jahren zu betreuen. „Die kommen zu uns.“ 120.000 Euro berappt die Gemeinde Rohrberg jährlich für den Unterhalt des Kindergartens. „Das ist es uns auch wert“, sagt Hesse . Die Gemeinde sei schuldenfrei. Zwar verschlinge der Kindergarten etwa die Hälfte des Gemeindehaushaltes, aber Hesse sieht das als Investition in die Zukunft. „Wenn junge Familien bei uns bauen wollen, dann ist es wichtig, auch einen Kindergarten im Ort zu haben“, ist er überzeugt. Selbst einige Eltern, die ihre Kleinen bislang in Nachbarorten in die Einrichtungen brachten, verlassen sich wieder auf die Betreuung durch die Erzieherinnen in Rohrberg . „Sie haben erkannt, dass sie so unserem Dorf helfen“, freut sich Hesse .

Andreas Otto und Markus Kulle haben selbst eigene Kinder in den beiden Gruppen. Eltern im Dorf hätten schon vorsichtig gefragt, was denn aus dem Förderverein und dem Kindergarten würde, wenn die Otto - und Kulle-Kinder in die Schule kommen. „Na, was soll sein?“, fragt Kulle zurück. „Es geht mit dem Förderverein und dem Kindergarten weiter wie bisher.“

Text: Silvana Tismer/TLZ, Bild: Eckhard Jüngel

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