Mittlerweile eine feste Institution: Kultur gibt es in Heiligenstadt immer freitags -

gute nachbarn heiligenstadtJana Bauer, Marcus Hoppe, Christine Hoppe und Katrin Dörnbach (von links) gehören zum harten Kern des Kulturfreitag-Teams und organisieren die Veranstaltungen, die ein fehlendes Kino in Heiligenstadt zumindest teilweise kompensieren.

Heiligenstadt. Im Reichshof sprechen heute Amtsrichter Recht. Sie verurteilen Kriminelle zu Haftstrafen. Grundbuchangelegenheiten können hier abgewickelt und andere Gerichtsgänge erledigt werden. Weiland musste hier Schlagersänger Michael Wendler in Abwesenheit ertragen, dass man ihn einen Betrüger nennen darf. Ein Eichsfelder hatte ihn öffentlich so bezeichnet, Wendler zog gegen ihn 2013 vor eben jenes Amtsgericht in Heiligenstadt .

Die bewegte Geschichte des Reichshofes verbinden die Heiligenstädter aber nicht zuerst damit, dass hier „Justitia“ bemüht wird. Für die 17.000 Einwohner der Eichsfelder Kreisstadt steht hinter dem aufwendig sanierten Gebäude ein eher trauriges Kapitel. Der Stadt fehlt ein Kino.

Im Dezember 2003 wird dort, wo heute Richter ihre Arbeit verrichten, der letzte Film gezeigt. Heinz Rühmann flimmert in seiner Paraderolle als Hans Pfeiffer („mit drei f“) über die Leinwand des Filmtheaters, das fortan seine Türen für immer schließt. Geplant ist das anders: Nach einer Sanierung soll der Kinobetrieb wieder beginnen. Das scheitert aber, und spätestens seit dem Landtagsbeschluss 2005 über den Einzug des aus den Standorten Heiligenstadt und Worbis vereinigten Amtsgerichts in den Reichshof ist klar, dass die Zukunft eines Kinos in Heiligenstadt mehr als fraglich ist.

Heute – 16 Jahre nach der letzten Vorstellung – gibt es immer noch kein Kino in der Stadt. Dafür haben sich Ehrenamtliche aber auf die Fahnen geschrieben, an jedem Freitag im Gebäudes des „Alten Rathaus“, das nur unweit des einstigen Filmtheaters steht, eine Kulturveranstaltung anzubieten. Das können Filmvorführungen sein, aber auch Konzerte, Vorträge oder Buchlesungen.

Den Kinoersatz gibt es offiziell seit 2013. Seinen Ursprung hat er allerdings schon 2005, als die evangelische Kirchengemeinde damit beginnt, immer am letzten Freitag im Monat einen Film zu zeigen – und damit zumindest im Ansatz das fehlende Kino zu kompensieren.

Die Stadt unter CDU-Führung hat es nicht hinbekommen, wieder ein Kino nach Heiligenstadt zu holen. Auch nach dem Regierungswechsel von den Christdemokraten zur Bürgerinitiative „Menschen für Heiligenstadt“ gelang das dem vor sieben Jahren gewählten Bürgermeister Thomas Spielmann (BI) nicht. Der initiierte aber den sogenannten Kulturfreitag – der seit April 2013 von einem engagierten ehrenamtlichen Team realisiert wird.

Im „Alten Rathaus“, in dessen gläsernem Aufgang sich die Türme der Heiligenstädter Marienkirche spiegeln, finden die Veranstaltungen seit nunmehr sechs Jahren statt. Foto: Jürgen Backhaus Im „Alten Rathaus“, in dessen gläsernem Aufgang sich die Türme der Heiligenstädter Marienkirche spiegeln, finden die Veranstaltungen seit nunmehr sechs Jahren statt. Foto: Jürgen Backhaus

Pfarrer Ralf Schulz , der seinerzeit in Heiligenstadt Verantwortung in der Kirche trug, lobte diese Initiative als eine Erweiterung des Gemeindeangebotes. Spielmann selbst erinnert daran, dass zu dieser Zeit viele Veranstaltungen auch in der Bibliothek stattgefunden haben. „Der Wunsch, ein fehlendes Kino im Rahmen unserer Möglichkeiten zu kompensieren, und die zahlreichen Veranstaltungen in der Bibliothek“ seien der Anlass gewesen, das zusammenzuführen. „Heute zeigen wir anspruchsvolle Filme oder relativ neue Blockbuster“, sagt Spielmann.

Die Heiligenstädter honorieren das Angebot, das vor allem von ehrenamtlicher Arbeit lebt. „Es gibt viele Menschen, die freitags zu uns kommen und gar nicht wissen, was angeboten wird“, sagt Jana Bauer . Die Leiterin der Heiligenstädter Stadtbibliothek hat gewissermaßen den „Hut“ für das Projekt auf, das seit 2014 vom „Freundeskreis Kulturfreitag“ abgesichert wird. Gemeinsam mit Katrin Dörnbach sowie Christine Hoppe und Gerlinde Apel managt sie die Veranstaltungen.

Nicht zu vergessen ist der erst 16-jährige Markus Hoppe , der bei der Organisation der Veranstaltungen ebenfalls eifrig dabei ist – und manchmal sogar selbst liest. Immerhin hat er schon einige Bücher geschrieben, zuletzt über die Burg Scharfenstein . „Und Mitglieder des Jugendparlaments unterstützen uns ebenfalls sehr zuverlässig“, sagt Jana Bauer . Aus der anfänglichen Notlösung ist mittlerweile eine verlässliche Einrichtung geworden – immer freitags, immer um 19.30 Uhr und immer im „Alten Rathaus“, das mehr als 100 Menschen im großen Saal Platz bietet.

Als vor einigen Monaten der Till-Schweiger-Film „Honig im Kopf“ gezeigt werden konnte, war der Saal voll und die Veranstaltung wurde mehrfach wiederholt. Im Jahr kommen etwa 1000 Menschen zu den zwischen 40 und 50 Veranstaltungen. Hinzu kommt noch das Angebot eines Kinderkinos, das Schulen und Horte der Stadt und der Umgebung rege nutzen. 800 Mädchen und Jungen kommen so jährlich in den Genuss einer Filmvorführung.

Die Stadt unterstützt vor allem mit Infrastruktur und ein wenig Geld. 1000 Euro sind im Jahr in den Haushaltsplanungen verankert, den Rest realisiert der Freundeskreis über Spendengelder. Das, sagen die Organisatoren der Veranstaltungen, sei allerdings nicht immer so einfach.

Dass die Veranstaltungen ohne Eintrittsgeld auskommen müssen, liegt an der Schirmlizenz der Landesstelle für Bibliotheken, die in jedem Jahr erworben werden muss – und deshalb so günstig ist, damit über sie eine Kulturförderung in der Fläche stattfinden kann.

Die hat sich mittlerweile weit herumgesprochen. „Sogar Menschen aus Hamburg kennen den Kulturfreitag“, berichtet Max Hoppe , der vor einiger Zeit von einem Touristen auf die Veranstaltung angesprochen wurde.

Der harte Kern des Kulturfreitags-Teams bleibt auch künftig bei der Sache. Im Ehrenamt etwas für die Mitbürger zu organisieren, das bereitet den Mitgliedern des Freundeskreises eben Freude. Und nur so, darüber sind sie sich einig, funktioniere das gesellschaftliche Zusammenleben. „Wenn wir es nicht tun, dann tut es niemand. Und wir machen es für unsere Mitmenschen“, sagt Jana Bauer und ihre Mitstreiter nicken zustimmend.

Der letzte Vorhang im Heiligenstädter Reichshof-Gebäude ist vor fast 16 Jahren gefallen. Ein Kino gibt es seither in der Kreisstadt des Landkreises Eichsfeld nicht mehr. Cineasten müssen nach Göttingen , Mühlhausen oder Nordhausen ausweichen – in Heiligenstadt wird ihnen immer freitags allerdings zumindest eine Alternative geboten, die etabliert und anerkannt ist.

Text und Bild: Fabian Klaus

Drucken

Diese Webseite verwendet Cookies, um die Bedienfreundlichkeit zu erhöhen. Weitere Informationen:
Datenschutzerklärung OK