Langzeitarbeitslose geben nicht auf -- Integrationsprojekte helfen beim Weg zurück in Arbeit

DSCN0885Crossen, 6. Juli 2015. Marco Müller ist keiner, der sich so schnell unterkriegen lässt. Und das, obwohl er schon seit vielen Jahren arbeitslos ist. Ein Hörsturz war der auslösende Faktor, warum er seinen erlernten Beruf als Dachdecker an den Nagel hängen musste. Im Jahr 2000 wurde er operiert. Danach machte er eine dreijährige Weiterbildung zum Laborassistenten. Viele Bewerbungen – viele Absagen folgten. Er selbst investierte viel Zeit und auch viel Geld, um beruflich wieder auf die Beine zu kommen. In Berlin absolvierte er beispielsweise eine Weiterbildung zur Fachkraft für Molekularbiologie, die er aus eigener Tasche bezahlte. Nein, aufgeben gab es für ihn nicht. Obwohl die Belastungen groß sind. „Man bewirbt sich, aber man weiß schon vor dem Vorstellungsgespräch, dass es nichts wird, beschreibt er seine Erfahrungen. Jetzt ist er beim Projekt „Bingo“, einem vom ESF geförderten Projekt, das vom Verein „Ländliche Kerne“ in Crossen geleitet wird. Bingo – das ist ein regionales Integrationszentrum für Langzeitarbeitslose im Saale-Holzland-Kreis. Dort sucht man gemeinsam mit Langzeitarbeitslosen, die vom Jobcenter vermittelt werden, nach Möglichkeiten und wegen der Hilfe. Gemeinsame Ziele werden abgesteckt und eine gemeinsame Zielvereinbarung getroffen. Marco Müller absolviert jetzt ein Praktikum in einem Labor der Universität Jena. Und er hofft, dass er dort vielleicht auch eine Festanstellung findet. Denn: Aufgeben gibt es für ihn nicht.


Marco Müller spürt sie auch, die Vorurteile gegenüber Langzeitarbeitslosen. „Sie werden einem nicht direkt ins Gesicht gesagt, aber man kann das schon spüren“, sagt er. Und das, obwohl er wie viele andere auch, sich große Mühe geben, wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Unterstützt wird er dabei von Mitarbeiterinnen des Projekts Bingo wie Kerstin Schauer und Dana Bernikas. Unser Foto zeigt die beiden gemeinsam mit Marco Müller.
Große Sorge um das gesellschaftspolitische Klima in Thüringen macht sich der Paritätische in Thüringen. Als bedenklich schätzt der vor allem die immer weiter um sich greifende Stigmatisierung von sozialen Randgruppen in Thüringen ein, wie sie der aktuelle Thüringen-Monitor ausweist. Danach sind 53 Prozent der Thüringerinnen und Thüringer gegenüber Langzeitarbeitslosen abwertend eingestellt. 39 Prozent beurteilen Obdachlose negativ. Auch die Muslimfeindlichkeit von 47 Prozent der Bevölkerung und die ablehnende Haltung gegenüber Asylbewerbern (45 Prozent) findet der Verband erschreckend. Mit einer landesweiten Informations-Offensive will der Paritätische hier gegensteuern und den Vorurteilen Fakten gegenüberstellen. Langzeitarbeitslose wie Marco Müller berichten über ihr Schicksal, gleichzeitig werden auch gelungene Reintegrationsmaßnahmen auf den Arbeitsmarkt vorgestellt.
Im Saale-Holzland-Kreis bezogen nach den Berechnungen des Paritätischen Thüringen 8,6 Prozent der Arbeitslosen Leistungen nach dem SGB II, sind also entweder Empfänger von Hartz IV-Leistungen oder Sozialhilfeempfänger. Die Quote der SGB II-Empfänger ist seit 2005 kontinuierlich im Saale-Holzland-Kreis gesunken und hat jetzt den niedrigsten Stand der letzten zehn Jahre erreicht. Die Zahlen, die die Forschungsstelle des Paritätischen ermittelt, beziehen auch die nicht erwerbsfähigen SGB II-Empfänger ebenso ein wie diejenigen, die in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen stecken, aber weiterhin SGB II beziehen. Beide Personengruppen tauchen in den Statistiken der Jobcenter nicht auf.
Die langjährige Statistik über die SGB II-Bezieher im Armutsbericht des Paritätischen zeigt zwar, dass deren Quote seit 2005 im Saale-Holzland-Kreis von 12,0 auf 8,6 Prozent gesunken ist. Gleichzeitig unterstreichen die Vergleichszahlen aber auch, dass die Quote seit 2012 nur langsam weiter abschmilzt, sich die Zahl derjenigen, die auf Hartz IV oder Sozialhilfe angewiesen sind, in den vergangenen Jahren bei einer Zahl von um die neun Prozent verfestigt hat.
Auch Lothar Scheer ist seit vielen Jahren vergeblich auf der Suche nach Beschäftigung. „Nach der Wende habe ich nicht mehr Fuß gefasst“, sagt der 59-Jährige. Jetzt hat er, auch mit tatkräftiger Unterstützung der Mitarbeiterinnen von „Bingo“ seine Erwerbsunfähigkeitsrente durch. „Wenn das alles abgeschlossen ist, hoffe ich auch, meine innere Ruhe zu finden“, sagt Scheer,, der zahlreiche Arbeitsmarktmaßnahmen schon hinter sich hat, viele erfolglose Praktika und viele Arztbesuche. Die Mitarbeiterinnen von „Bingo“ stellten dann fest, dass Scheer an einem Punkt angelangt ist, wo er dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung steht. Sie halfen ihm bei seinem Rentenantrag. „Ich habe hier gute Erfahrungen gesammelt“, sagt er mit Blick auf das, was er in dem Integrationsprojekt erlebt hat.
Bedenklich findet der Paritätische auch, dass die gesellschaftliche Abwertung von Langzeitarbeitslosen am stärksten in der Gruppe ausgeprägt ist, die von den Wissenschaftlern des Thüringen-Monitors als „Abgehängte AntidemokratInnen“ charakterisiert. Kein anderes Milieu weist andererseits aber auch eine höhere Arbeitslosigkeit auf. Die Abgrenzung nach unten geschehe offenbar umso vehementer, je bedrohter die eigene gesellschaftliche Position erscheint. Für den Paritätischen sind diese Zahlen ein weiterer Beleg dafür, dass sich die Politik besonders um diese Gruppe kümmern muss, in der ausländerfeindliche, chauvinistische und islamfeindliche sowie rassistische Positionen am stärksten vertreten sind. Zu dieser Gruppe zählen etwa sechs Prozent der Thüringer Bevölkerung. Diese Menschen seien auch anfällig für rechtsextremistische, neonazistische und nationalistische Ressentiments, so der Thüringen-Monitor.
Auch wenn die politische Kultur in Thüringen nach dem Thüringen-Monitor derzeit von einem relativ stabilen Bild gekennzeichnet sei verweist Müller darauf, dass nach den Ergebnissen der Studie diese Entwicklung unter dem Vorbehalt des wirtschaftlichen Wohlergehens steht. Die Wissenschaftler sprechen von einer „Schönwetterdemokratie“ in Thüringen.
Aufgeben – das kommt für viele Langzeitarbeitslose nicht in Frage. So wie für Sandra Briss, die seit 2013 arbeitslos ist und ebenfalls von „Bingo“ betreut wird. Unzählige Bewerbungen hat sie geschrieben, oft nicht einmal eine Antwort bekommen. „Das ist frustrierend und schrecklich“, sagt sie. Aber Sandra Briss ist eine engagierte Frau, die den Kopf nicht hängen lässt. Sie führt wieder Bewerbungsgespräche. Vielleicht klappt es ja diesmal, hofft sie auf einen Volltreffer auf dem Arbeitsmarkt – ein „Bingo“ eben. Denn immerhin: Etwa ein Drittel der dort betreuten Langzeitarbeitslosen finden durch die tatkräftige Unterstützung der Mitarbeiterinnen von Bingo wieder zurück in den Arbeitsmarkt.

Tags: Thüringen-Monitor, Langzeitarbeitslose, Crossen, Ländliche Kerne

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