Wahlkampfthema Inklusive Schule – Paritätischer Thüringen und Lebenshilfe Thüringen fordern Augenmaß

Neudietendorf 03/09/2014 Nach wie vor erhitzt das Thema Inklusive Schule die Gemüter, nicht nur von Eltern, Schülern und Lehrern. Auch der Landtagswahlkampf kommt an dem Thema nicht vorbei. Immer noch sei die Umsetzung mit etlichen Schwierigkeiten und Herausforderungen verbunden und stoße nicht selten auf Widerstand. Jetzt fordern der Paritätische Thüringen und die Lebenshilfe Thüringen erneut eine Umsetzung mit Augenmaß und mehr Beteiligung. Die fehlende Beteiligung der freien Förderschulen sei nicht nachvollziehbar, heißt es beim Paritätischen. Die Lebenshilfe mache öfter die Erfahrung, dass die Bedenken, Sorgen und Nöte der Eltern mit Kindern mit geistiger Behinderung nicht ernst genommen werden. „Dabei ist gerade die Mitwirkung der Eltern bei der Verwirklichung inklusiver Bildung unverzichtbar und kann nur gemeinsam mit ihnen gelingen", betont die Landesvorsitzende der Lebenshilfe Thüringen, Birgit Diezel.

So klagen Eltern darüber, dass ihre Kinder nicht mehr Förderzentren besuchen sollen. Jedoch an vielen Grund- und Regelschulen fehle es noch immer an den notwendigen personellen und räumlichen Voraussetzungen für eine erfolgreiche inklusive Beschulung fehlen, heißt es beim Paritätischen. Voraussetzungen, die an vielen freien Förderschulen zweifelsohne vorhanden sind. „Warum nutzen wir nicht die Möglichkeit und machen aus einer Förderschule eine inklusive Schule", fragt sich auch Reinhard Müller, Landesgeschäftsführer des Paritätischen Thüringen. Hier bremse das Ministerium heißt es. „Eine Inklusive Schule muss unser aller Ziel sein, aber sie muss gut gemacht sein, zum Beispiel mit ausreichend fachlich gut qualifizierten und motivierten Lehrern", sagt Dr. Heike Schreer, stellvertretende Vorsitzende der Lebenshilfe Thüringen und selbst Mutter eines inzwischen erwachsenen behinderten Kindes. Für Schüler mit komplexer schwerer Behinderung brauche es aber ebenso die Förderschulen in der bewährten Qualität. Dabei stehe insbesondere die Wahlfreiheit unter einer Vielfalt an Schulen im Vordergrund. „Am Ende geht es um den besten Weg für jedes Kind", betonen Müller und Schreer gemeinsam. Eine Umsetzung mit der Brechstange, um möglichst viele Kinder mit Behinderung in „normalen" Schulen einzuschulen, lehnen beide ab. Maßstab müsse die individuelle Förderung und das Wohl der Kinder mit und ohne Behinderung sein. Unter der Vielfalt der Schulangebote müsse deshalb die Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung eine Wahlmöglichkeit für Kinder und Eltern bleiben.

Sicher habe das Kultusministerium aus der Inklusion im Thüringer Bildungsbereich das Tempo herausgenommen. Das Versprechen mit den regionalen Akteuren gemeinsam auf die jeweiligen Regionen zugeschnittene Inklusionspläne zu entwickeln sei bisher ohne die freien Schulen realisiert worden, heißt es beim Paritätischen und der Lebenshilfe einhellig. „Es kann nicht sein, dass Schulen in freier Trägerschaft nicht gleichberechtigt behandelt und verbindlich in die Planung kommunaler und regionaler Schulentwicklung einbezogen werden", kritisiert Müller die fehlende Beteiligung, zumal sich in Thüringen 16 % aller Schulen in freier Trägerschaft befinden. Bei den Förderschulen mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung handele es sich etwa um ein Drittel. Die Verständigung über notwendige Mindeststandards inklusiver Schule sowie deren verbindliche Umsetzung in der Praxis sei dringend geboten. Insbesondere die Durchsetzung des Zwei-Pädagogen-Prinzips und die dauerhafte Präsenz kompetenter Pädagogen und Sonderpädagogen in der Klasse seien für eine erfolgreiche inklusive Beschulung erforderlich. Ebenso müsse bei der Umsetzung inklusiver Schule in der Finanzierung nachgebessert werden, heißt es abschließend.

Zum Hintergrund

Der Begriff Inklusion kommt vom lateinischen includere: beinhalten, einschließen. In der Pädagogik ist damit das gemeinsame Lernen aller Schüler gemeint. Eine Schule soll so konzipiert sein, dass jedes Kind entsprechend seiner Fähigkeiten und Begabungen individuell gefördert wird, schwache Schüler von den Starken und starke Schüler von den Schwächeren lernen und vor allem, mit Menschen mit Behinderungen umzugehen, sie anzunehmen. Das separierte Lernen von Kindern mit Behinderungen und/oder Lernschwierigkeiten soll vermieden werden. Inklusive Pädagogik ist ein pädagogischer Ansatz, dessen wesentliches Prinzip die Wertschätzung und Anerkennung von Unterschiedlichkeiten in Bildung und Erziehung ist. Der Anteil der Förderschüler, die an allgemeinbildenden Schulen lernen, heißt Inklusionsquote. Die Inklusionsquote in Thüringen liegt bei 27,8 Prozent.

Die Lebenshilfe

Die Lebenshilfe ist ein gemeinnütziger Verein, der 1958 von Eltern geistig behinderte Kinder und engagierten Fachleuten in Marburg gegründet wurde. Der Landesverband der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung in Thüringen, 1990 gegründet, ist ein Zusammenschluss von 37 rechtlich eigenständigen regionalen Mitgliedsorganisationen mit rund 3.000 Mitgliedern. 7.500 Menschen mit vorrangig geistiger Behinderung nutzen die Vielzahl ambulanter und stationärer Angebote der Mitgliedsorganisationen der Lebenshilfe Thüringen, angefangen von der Frühförderung und integrativen Kindertagesstätten, über Wohneinrichtungen bis hin zu Ausbildungs- und Arbeitsangeboten.
Die Lebenshilfe Thüringen e. V. ist auch Träger mehrerer Förderschulen mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung, einer integrativen Ganztagsgrundschule sowie zahlreicher Lebenshilfe-Vereine, in denen Eltern von Kindern mit geistiger Behinderung organisiert sind.

Schon lange wirbt die Lebenshilfe mit dem Slogan „Es ist normal, verschieden zu sein" oder „Vielfalt macht stark" dafür, das Inklusion als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, mit Folgen für die gesamte Bevölkerung betrachtet werden.

Der Paritätische Thüringen

Der Paritätische Thüringen ist der größte Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege im Freistaat. Unter seinem Dach befinden sich über 340 Mitgliedsorganisationen – von großen Behinderteneinrichtungen und Pflegeheimen über Kindertagesstätten, Kinder- und Jugendzentren, Frauenhäuser, Familienzentren, Tafeln, Schuldnerberatungsstellen bis hin zu Interessengemeinschaften und Selbsthilfeinitiativen. Diese sind unter anderem in der Kinder-, Jugend-, Alten- und Familienhilfe, in der Schulbildung und schulbezogenen Jugendhilfe, in der ambulanten und stationären Pflege, in der sozialen und psychosozialen Versorgung, in der Behindertenhilfe, der interkulturellen Arbeit und Migrationssozialarbeit, der AIDS-Hilfe, der Drogen- und Suchthilfe, in der Gesundheitsförderung und -versorgung und in der Nachbarschaftsarbeit tätig. Er ist Motor für bürgerschaftliches Engagement und solidarische Selbsthilfe. Der Paritätische Landesverband ist politisch überparteilich und an keine Konfession gebunden. Als Landesverband nimmt er die Interessenvertretung der Mitgliedsorganisationen gegenüber Politik, Kostenträgern und der Öffentlichkeit wahr, bietet Betreuung und Beratung auf fachlicher Ebene und setzt maßgebende Akzente in der Sozialwirtschaft.

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