Hilfen für Langzeitarbeitslose mit Gesundheitsproblemen: "Wir brauchen kein Trockenschwimmen, sondern richtige Arbeit"

Hilfen für Langzeitarbeitslose mit GesundheitsproblemenNeudietendorf, 16. Juni 2015. Auch für langzeitarbeitslose Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen gibt es Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Professor Michael Behr, Arbeitsmarktexperte im Thüringer Sozialministerium, ist durchaus zuversichtlich, was die Möglichkeiten anbelangt, auch für diese Zielgruppe einen Arbeitsplatz zu finden. „Allerdings brauchen wir Ressourcen-Erschließer“, sagte Behr bei einem Fachtag des Projektes „CARDEA“, bei dem nach Verbesserungen bei beruflichen Eingliederungschancen gesucht wurde. Integrationsbegleiter und Jobcenter seien hier in der Verpflichtung, so Behr. Denn für die Betroffenen gebe es keine statischen Instrumente der Arbeitsmarktpolitik, sondern nur individuelle und flexible Regelungen. „Und es bedarf einer Begleitstruktur wie CARDEA, um diese Menschen zu unterstützen“, lobte Behr die Arbeit in dem Projekt. CARDEA läuft seit Januar 2013. Dort wurde an der Entwicklung und Erprobung verschiedener Trainingsmodule zur Gesundheitsförderung gearbeitet. Dabei hatte das Projekt nicht nur die Langzeitarbeitslosen im Blick, sondern auch die IntegrationsbegleiterInnen, die in den Projekten des Landesarbeitsmarktprogramms und der TIZIAN-Initiative arbeiten.

Unstrittig ist, dass die berufliche Integration von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen immer noch Probleme bereitet. Reinhard Müller, des Landesgeschäftsführer des Paritätischen, wies darauf hin, dass rasante Veränderungen in der Arbeitswelt, die Rationalisierung von Arbeit und deren Flexibilisierung zu einer Ausgrenzung von Menschen führen, die auf Grund einer Erkrankung wenig Stabilität besitzen. Andererseits sei aber eine sinnstiftende und kontinuierliche Aufgabe und Beschäftigung ein wesentlicher Faktor für die Gesundheit der Menschen.

Dirk Bennewitz vom Trägerwerk Soziale Dienste machte deutlich, worauf es ankommt: „Benötigt wird keine Hilfe von der Stange, sondern es sind personenzentrierte Lösungen bei der Arbeitsförderung notwendig.“ Aktuell durchlaufen die Betroffenen erst eine Rehabilitationsphase, bevor sie in die Firmen kommen. Nach Einschätzung von Bennewitz muss dieser Weg aber umgedreht werden: „Erst die Menschen in der Firma platzieren, dann rehabilitieren.“ Und: „Wir brauchen kein Trockenschwimmen, sondern richtige Arbeit.“

Wie dramatisch die Lage ist, machte Bennewitz an Zahlen deutlich: Seit 1994 haben sich die Fälle von Arbeitsunfähigkeit durch psychische Störungen unter den AOK-Mitgliedern mehr als verdoppelt, 42,6 Prozent aller Deutschen gaben an, schon einmal eine oder mehrere psychische Störungen gehabt zu haben. Der Rentenbezug wegen Erwerbsminderung auf Grund psychischer Erkrankungen ist von etwa 45 000 im Jahr 20006 auf mehr als 65 000 im Jahr 2012 angewachsen. Und die Hilfsangebote gleichen einem Dschungel: 70 Leistungen gibt es, die aber über neun Gesetze verteilt sind. Da fällt der Durchblick selbst Experten schwer, so die einhellige Meinung bei der Fachtagung.

Wichtig ist es vor diesem Hintergrund, regionale Netzwerke und Förderketten zu bilden. Darüber waren sich die Teilnehmer einig. Vorgeschlagen wurde auch, die Rentenversicherung stärker als bislang mit ins Boot zu holen. Denn erfolgreiche Eingliederung entlaste auch die Rentenkassen, wurde unter Hinweis auf die steigende Zahl der Erwerbsunfähigkeits-Rentner argumentiert. Dann könnten auch trägerübergreifende Budgets entwickelt werden, deren Mittel dann teilweise aus dem SGB ebenso kämen wie von der Rentenversicherung oder von den Jobcentern.

Tags: Langzeitarbeitslose, CARDEA, Landesarbeitsmarktprogramm

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