Hunderte von Schulbegleitern gehen mit Ferienbeginn in die Arbeitslosigkeit

Neudietendorf/Jena, 13. Juli 2015. Hunderte von Schulbegleitern gehen thüringenweit bei den Freien Trägern mit dem Ferienbeginn in die Arbeitslosigkeit. Der Grund: Die Finanzierung ihrer Stellen über die jeweils zuständigen Jugend- oder Sozialämter läuft mit Schuljahresende aus. Allein bei den Mitgliedsorganisationen des Paritätischen sind fast 200 Schulbegleiter und Schulbegleiterinnen betroffen. Für sie beginnt jetzt ebenso wie für Eltern und betreute Kinder eine Phase der Unsicherheit.

Zwar sind in den meisten Fällen schon Folgeanträge für eine weitere Betreuung gestellt, aber über die Bewilligung ist in vielen Fällen noch nicht entschieden. „Wir wünschen uns mehr Sicherheit für alle Beteiligten“, sagt Anne-Katrin Thierschmidt vom „Querwege e.V.“ in Jena. Allein in ihrem Verein müssen 75 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Montag den Gang zum Jobcenter antreten.
Und Anja Kuschick-Büttner, Geschäftsführerin des Behindertenverbandes Saale-Orla-Kreis aus Schleiz sorgt sich, dass die Unsicherheit über die weitere Betreuung für die betroffenen Mädchen und Jungen eine erhebliche psychische Belastung für die Sommerferien sei, in der man sich eigentlich erholen solle.
Beispielsweise auch für Bernd. Er ist 13 Jahre alt und leidet an Autismus. Er hat sich im vergangenen Schuljahr an seinen Schulbegleiter gewöhnt, die beiden haben eine gute Beziehung zueinander aufgebaut, was bei einem autistischen Kind enorm wichtig ist. „Diese Kinder brauchen feste Strukturen und Sicherheiten,“ so Anne-Katrin Thierschmidt. Wenn diese Sicherheit jetzt wegfällt, dann ist das für das Kind eine besondere Belastung.
Das gilt auch für Steffen. Er ist 10 und hat eine schwere traumatische Störung. Er ist oft sehr aggressiv und hat große Probleme, sich auf eine Beziehungsperson einzulassen. Sein Schulbegleiter hat einen guten Draht zu ihm gefunden, jetzt ist er aber unsicher, ob er Steffen weiter betreuen kann. „Das Kind wird sich die ganzen Ferien mit der Frage beschäftigen“, ist sich Anja Kuschick-Büttner sicher. „Und sollte dann ein neuer Schulbegleiter kommen, beginnen die ganzen Probleme aufs Neue. Er wird sich zunächst nicht auf die Schule konzentrieren können, jedenfalls solange nicht, wie er nicht eine neue emotionale Beziehung zu seinem Begleiter oder seiner Begleiterin aufgebaut hat.“
Auch für die Eltern der betroffenen Kinder ist diese jetzt beginnende Zeit der Unsicherheit und Ungewissheit eine außerordentliche Belastung. Und natürlich auch für die Träger. Sie haben, ebenso wie die jetzt vor der Arbeitslosigkeit stehenden Schulbegleiter und Schulbegleiterinnen keine Planungssicherheit. „Es ist schon schwierig, jedes Mal wieder gute Leute zu finden“, so Thierschmidt. Denn wer einen Arbeitsplatz angeboten bekommt, um den er nicht jedes Jahr in den Sommerferien zittern muss, der ist schnell bereit zu wechseln.
Auch wünschen sich die Träger, dass den Schulbegleitern, die neue Kinder zu betreuen haben, Zeit zum Kennenlernen eingeräumt wird. „Wir brauchen Ressourcen für ein solches Übergangsmanagement“, sagt Thierschmidt. Die derzeitigen Regelungen sind für alle Betroffenen unbefriedigend, sie können für die Psyche der Kinder teilweise schlimme Auswirkungen haben. Solange es noch kein komplett inklusives Schulsystem in Thüringen gibt, wünschen sich die Betroffenen, dass es zumindest ein Betreuungssystem für die Schülerinnen und Schüler mit Handicap gibt, das sich an deren individuellem Mehrbedarf orientiert und das sie auch nicht in der Ferienzeit in ein Betreuungsloch fallen lässt. „Eine Zuständigkeit und ein Kostenträger sowie eine Budgetierung der Schulbegleitung – das ist unser Ziel“, so Ralf Schneider, der zuständige Referent beim Paritätischen.

Tags: Schulbegleiter, Querwege, Behindertenverband Saale-Orla-Kreis

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