Wirtschaftsminister Tiefenseee: Sozialwirtschaft eine der tragenden Säulen der Thüringer Wirtschaft

Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD)Neudietendorf/Erfurt, 25. August 2015. Die Bedeutung der Sozialwirtschaft für die Wirtschaftsleistung Thüringens hat Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD, Bild)) herausgestrichen. Die Sozialwirtschaft sei eine der „tragenden Säulen der Thüringer Wirtschaft“, erklärte Tiefense in einem Interview mit der Verbandszeitschrift „Der Paritätische“. Er verwies darauf, dass die Sozialwirtschaft knapp fünf Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung Thüringens erbringe. Zwei Milliarden Euro werden dort jedes Jahr erwirtschaftet. 58 000 Thüringerinnen und Thüringer sind in der Sozialwirtschaft beschäftigt.

Die Sozialwirtschaft ist für Tiefensee ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. „Hier wird eine Branche nicht künstlich alimentiert“, sagte der Minister und verwies darauf, dass der Mittelrückfluss teilweise bis zu 75 Prozent der eingesetzten staatlichen Mittel betrage. Im Durchschnitt fließen nach seinen Angaben rund 40 Prozent der eingesetzten Mittel wieder an die öffentliche Hand zurück.
Die Branche hat auch einen hohen Bedarf an Fachkräften in den nächsten Jahren. In mehr als jeder dritten Einrichtung gibt es derzeit einen Fachkräftebedarf, der nicht gedeckt werden kann.

Laut aktueller Fachkräftestudie werden bis 2025 rund 70 000 Fachkräfte in der Thüringer Sozialwirtschaft benötigt.
Die sich abzeichnende Lücke an Fachkräften – nicht nur in der Sozialwirtschaft – will Tiefensee mit einer Strategie bekämpfen, die an verschiedenen Punkten ansetzt. Die Herausforderungen, die durch Familie und Beruf entstehen, müssten besser gemeistert werden, sagte er. Außerdem müsse die Schulabbrecherquote in Thüringen gesenkt werden und Langzeitarbeitslosen müsse eine Perspektive zurück in den Arbeitsmarkt eröffnet werden. Außerdem sollten Pendler zur Rückkehr bewegt werden und darüber hinaus will Thüringen um diejenigen aus anderen Bundesländern werben, die die Vorzüge Thüringens noch nicht kennen. Und schließlich strebt Tiefensee an, älteren Arbeitnehmern durch lebensbegleitendes Lernen eine längere Lebensarbeitszeit zu ermöglichen.

Nachfolgend lesen Sie das Interview mit Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) im Wortlaut:


Sie haben viele Baustellen in Thüringen. Wie wichtig ist Ihnen da die Sozialwirtschaft?
Die Sozialwirtschaft ist mit knapp fünf Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung eine starke Branche. Zwei Milliarden Euro werden dort jedes Jahr erwirtschaftet. 58 000 Thüringerinnen und Thüringer sind dort beschäftigt. Die Sozialwirtschaft ist eine tragende Säule sowohl für die Wirtschaft wie auch für die soziale Landschaft Thüringens und damit auch für die Lebensqualität hier. Ich habe hohen Respekt vor der Arbeit der Beschäftigten in dieser Branche. Denn die Sozialwirtschaft hat nicht nur als Wirtschaftsfaktor einen hohen Stellenwert.

Sondern...
...sondern auch, weil durch die hier erbrachten Leistungen Menschen in Not und Arbeitslosigkeit wieder in stabile Verhältnisse gebracht werden. Das bedeutet dann häufig, dass diese Menschen wieder den Weg zurück in den Arbeitsmarkt finden. Menschliche Not wird gelindert, das gesellschaftliche Klima verbessert und letztlich so auch die Wirtschaft gestärkt. Und schließlich sind die 4800 sozialen Einrichtungen gerade in ländlichen und strukturschwachen Regionen wichtige Arbeitgeber.

Die Sozialwirtschaft ist sehr kleinteilig organisiert. Dadurch hat man oft nicht die Durchschlagskraft in der öffentlichen Wahrnehmung. Spielt das für Sie in der Beurteilung des Stellenwerts der Sozialwirtschaft eine Rolle?
Nein, überhaupt nicht. Thüringen ist doch auch im Handwerk und in der Industrie sehr kleinteilig aufgestellt. Die Leistungsfähigkeit beeinflusst diese kleinteilige Struktur in der Sozialwirtschaft überhaupt nicht.

Die Sozialwirtschaft bekommt immer zu hören, sie lebe nur von Fördergeldern oder staatlichen Transferleistungen. Dabei hat der Sozialwirtschaftsbericht vor einiger Zeit deutlich gezeigt, dass der Rückfluss aus der Sozialwirtschaft in die staatlichen Kassen auch sehr groß ist.
So ist es. Hier wird eine Branche nicht künstlich alimentiert, sondern die Sozialwirtschaft ist für Thüringen ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Der Mittelrückfluss durch die Arbeit dort ist beachtlich und reicht teilweise bis zu 75 Prozent der eingesetzten staatlichen Mittel. Im Durchschnitt fließen rund 40 Prozent der eingesetzten Mittel wieder an die öffentliche Hand zurück.

Ein Problem, das die Sozialwirtschaft mit allen Branchen teilt, ist der drohende Fachkräftemangel. Welche Strategien verfolgen Sie bei der Gewinnung von Fachkräften?
Das Problem ist mir bekannt. Mehr als jede dritte Einrichtung in der Sozialwirtschaft sucht nach Fachkräften. Bis 2025 wird Thüringens Sozialwirtschaft geschätzt 70 000 Fachkräfte benötigen. Es sind gerade die jungen qualifizierten Frauen, die in den vergangenen Jahren in benachbarte Bundesländer abgewandert sind. Außerdem gibt es viele befristete und niedrig entlohnte Beschäftigungsverhältnisse.

Wie steuern Sie generell bei dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel gegen?
Es gibt zwei Generalstrategien: Die eine richtet sich an Menschen im Inland, die andere an Fachkräfte, die aus dem Ausland zu uns kommen sollen. Die Zahlen zeigen, dass wir hier großen Bedarf haben: Bis 2025 benötigen wir etwa 280 000 Fachkräfte in Thüringen.

Wie wollen Sie inländische Fachkräfte gewinnen?
Die Strategie setzt an verschiedenen Punkten an: Die Herausforderungen, die durch Familie und Beruf entstehen, müssen besser gemeistert werden. Senken wir die Schulabbrecherquote, steht ein weiteres Potential zur Verfügung. Langzeitarbeitslosen brauchen eine Perspektive zurück in den Arbeitsmarkt. Wir versuchen, Pendler zur Rückkehr zu bewegen und werben um diejenigen aus anderen Bundesländern, die die Vorzüge Thüringens noch nicht kennen. Schließlich brauchen wir auch die älteren Arbeitnehmer. Ihnen wollen wir durch lebensbegleitendes Lernen eine längere Lebensarbeitszeit ermöglichen.

Und wie gewinnen Sie ausländische Fachkräfte?
Hier steht eine Einwanderungs- und Willkommenskultur, die wir in Thüringen allerorts leben müssen, an erster Stelle. Denn klar ist: Wir sind eine Einwanderungsgesellschaft. In einer zusammenwachsenden Welt sind wir darauf angewiesen, Menschen verschiedener Kulturen und Ethnien, Religionen und Qualifikationen das gemeinsame Leben und Arbeiten zu ermöglichen.

Die Sozialwirtschaft kämpft noch mit einem Imageproblem, vor allem im Bereich der Pflege.
Hier müssen wir alle Kräfte bündeln, um das Image und die Wertschätzung für die Berufe in der Sozialwirtschaft zu verbessern.

Wie kann das geschehen?
Das ist eine gemeinsame Aufgabe. Die Verbände leisten hier schon Hervorragendes, wenn ich an die Imagekampagne „Pflege braucht Helden“ der Liga der Wohlfahrtsverbände in Thüringen denke. Aber auch die Politik kann tätig werden, indem sie an die Branche appelliert, die Tarifbindung zu erhöhen. Wir wissen, dass nur 30 Prozent der Unternehmen in tariflicher Bindung sind. Die Imageverbesserung muss einhergehen mit einer Verbesserung der Rahmenbedingungen.

Welche Rahmenbedingungen meinen Sie?
Frauen muss ein besserer Wiedereinstieg in den Beruf ermöglicht werden. Die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren, beispielsweise den Trägern, den Arbeitsagenturen, den Ausbildungsstätten, gehören immer wieder auf den Prüfstand. Die Ausbildungsbedingungen müssen attraktiver gestaltet werden. Das sind nur einige Punkte, an denen man ansetzen könnte.

Sollten die Hürden für die Anerkennung der Abschlüsse ausländischer Fachkräfte gesenkt werden?
Wir sind in allen Branchen damit beschäftigt, die Hürden, die durch die Nichtkompatibilität von Abschlüssen entstehen, zu senken. Unsere Partner sind dabei die Industrie- und Handelskammern und der Bund.

Sie wollen die Tarifbindung erhöhen, ihre Kollegin Sozialministerin plädiert für einen Branchentarifvertrag. Es gibt aber in der Sozialwirtschaft Bedenken gegen einen Branchentarifvertrag. Wie ernst nehmen Sie die?
Sicher wäre ein solcher Branchentarifvertrag, der die Bündelung der kleinteiligen Tariflandschaft zum Ziel hat, wünschenswert. Aber wir können als Politiker nur Empfehlungen an die Tarifpartner aussprechen.

Welche Bereiche in der Wirtschaft Thüringens liegen Ihnen besonders am Herzen. Und welche Stelle hat die Sozialwirtschaft dabei?
Es gibt für mich keine Prioritätenliste. Mir ist es wichtig, dass wir in allen Wirtschaftsbereichen in Thüringen Fortschritte erzielen.

Was ist der Grundsatz Ihrer Wirtschaftspolitik für Thüringen. Fördern Sie eher die Leuchttürme oder gehen Sie mit der Gießkanne der Fördermittel über das Land?
Weder noch. Ziel meiner Wirtschaftspolitik ist die Förderung der regionalen Entwicklung. Wir brauchen auf die Bedürfnisse der jeweiligen Regionen zugeschnittene Konzepte. Und diese Konzepte sehen für Jena ganz anders aus als beispielsweise für Nordhausen, Eisenach, Altenburg oder Suhl.

Tags: Sozialwirtschaft, Fachkräfte, Tiefensee, Wirtschaftspolitik

Drucken