Ehrenamtler halten das soziale Netz in Gera aufrecht - Paritätischer: Nur Sparen allein reicht nicht

Hannelore StrobelGera. Hannelore Strobel fühlt sich wohl zwischen „ihren“ Büchern. Und noch wohler fühlt sie sich, wenn sie die Kinder aus dem Stadtteil Bieblach in den Büchern stöbern und lesen sieht. Dann ist sie mehr als nur eine Bibliothekarin, dann ist sie auch für Mädchen und Jungen Ansprechpartnerin, bei der sie Sorgen und Probleme los werden können, über die sie zu Hause nicht reden können. Hannelore Strobel und ihre beiden Mitstreiterinnen öffnen zwei Mal in der Woche den „Leseclub“ in der Begegnungsstätte der Volkssolidarität in Gera-Bieblach. Hannelore Strobel macht das ehrenamtlich. 45 Jahre war sie als Erzieherin tätig, dann, nach der Pensionierung, fehlte ihr etwas. „Ich habe mein Leben mit Kindern verbracht. Und die Begegnung mit ihnen habe ich vermisst“, erzählt sie. Kinder, die nicht so gerne lesen oder die zu Hause nicht ans Bücherlesen herangeführt wurden und Kinder aus Migrantenfamilien sind die Zielgruppe des Leseclubs. Aber eigentlich, so Hannelore Strobel, kommen diejenigen, die gerne lesen oder die im „Leseclub“ den Reiz des Buchlesens gelernt haben.


Ohne Hannelore Strobel und ihr ehrenamtliches Engagement wäre Gera-Bieblach um eine wichtige Einrichtung ärmer – sie ist ein mit ihrem Ehrenamt ein Gewinn für den Stadtteil. Darüber waren sich alle einig bei einer Veranstaltung zum Thema ehrenamtliches Engagement in Gera, veranstaltet von der Kreisgruppe des Paritätischen, der Volkssolidarität Gera und der Paritätischen BuntStiftung. Hannelore Strobel und ihr Einsatz stand an diesem Nachmittag exemplarisch für die vielen Ehrenamtler, die in Gera tätig sind. „Kann zivilgesellschaftliches Engagement eine Stadt aus der Krise reißen?“ war der Titel einer von der Glücksspirale mit unterstützten Veranstaltung in der finanziell angeschlagenen Stadt. Einhelliges Fazit nach einer mehr als zweistündigen Diskussion: Natürlich kann Ehrenamt allein das nicht leisten, aber es ist ein wichtiger Baustein, um das soziale Netz intakt zu halten. „Ehrenamtler retten diese Strukturen seit Jahren“, erklärte Margit Jung, die Vorsitzende der Volkssolidarität in Gera und Landtags-Vizepräsidentin. Allerdings wies sie auch darauf hin, dass die soziale Arbeit in Gera seit Jahren unterfinanziert sei.
Die Anerkennung ehrenamtlicher Arbeit in Gera sei zu wenig ausgeprägt, sagte Jung. „Das Soziale gilt in vielen Kreisen nur als reiner Kostenfaktor“, erklärte sie. Nachdrücklich plädierte sie für mehr Investitionen in diesem Sektor. „Reines Sparen und ein Schuldenverbot werden Gera nicht helfen“, unterstrich Stefan Werner, der stellvertretende Direktor der Paritätischen BuntStiftung. Margit Jung unterstützte ihn: Es seien dringend Investitionen im sozialen Bereich nötig. Und sie verwies darauf, dass das größte Wachstum an Arbeitsplätzen in Gera im Bereich der Sozial- und Gesundheitswirtschaft zu registrieren sei. Sandra Schöneich, die Sozialdezernentin der Stadt, möchte genau diese Tatsache und den hohen Anteil der Sozial- und Gesundheitswirtschaft an der Wertschöpfungskette in Gera stärker als bisher herausstellen. Den Vorschlag von Christina Martens vom Europabüro des Paritätischen, einen Sozialwirtschaftsbericht für die ganze Stadt aufzulegen, griff sie auf und sagte eine Prüfung zu. Ein entsprechender Bericht nur für die Paritätischen Mitgliedsorganisationen hatte bereits den hohen Stellenwert der Branche für die Wirtschaft Geras unterstrichen.
Schöneich hob den hohen Stellenwert hervor, den schon jetzt das Ehrenamt in Gera habe. „Ehrenamt ist unverzichtbar“, sagte sie und verwies darauf, dass die Stadt beispielsweise die einzige Ehrenamtszentrale in kommunaler Trägerschaft unterhalte. „Ehrenamt steht und fällt aber mit den handelnden Personen“, sagte sie. Deshalb hat für sie die Frage, wie in Vereinen und Verbänden Nachfolger für ehrenamtlich Tätige gewonnen und aufgebaut werden könnten, eine herausragende Rolle.
Die Kommunen sollten den ehrenamtlich Engagierten ruhig mehr zutrauen, appellierte Peter Friedrich von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege. Sie benötigten Freiräume, um neue Ideen zu entwickeln und zu experimentieren. Sie dürften nicht nur Lückenbüßer sein, so Friedrich. Zivilgesellschaftliches Engagement müsse eigensinnig sein und könne durchaus auch Verwaltung und Politik stören. Aufgabe der Politik müsse es sein, dem engagierten Bürger den nötigen Freiraum zu gewähren, die Bildung von Netzwerken zu ermöglichen, die sich aber von unten selbst organisieren müssten statt von oben vorgegeben zu werden. Die Kommunen sollten die Förderung des Ehrenamts als Investition begreifen. „Denn die Bürger sind innovativ.“
Die großen Herausforderungen, die auf Kommunen wie Gera zukommen, skizzierte Stefan Werner, der stellv. Direktor der Paritätischen BuntStiftung. Immer mehr ältere Menschen und junge Menschen, die wegziehen, seien Probleme, die einer Lösung bedürften. Wichtig sind für ihn auch eine enge Vernetzung der Engagierten untereinander und deren Mitbeteiligung. Eine Symbiose zwischen Haupt- und Ehrenamt ist für ihn für die Zukunft unabdingbar. „Ehrenamt benötigt Strukturen und eine professionelle Anleitung“, hob Werner hervor. Der Verein sei noch immer die zentrale Säule beim ehrenamtlichen Engagement.
Hannelore Strobel ging nach der Diskussion mit neuen Erkenntnissen über das Ehrenamt wieder zu ihren Büchern. Sie musste jetzt noch einiges einsortieren, damit der Leseclub am Montag wieder pünktlich öffnen kann.

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