500 000 Kinder und Jugendliche wachsen in Deutschland mit depressivem oder schizophrenem Elternteil auf

Um Hilfen für Familien mit psychisch kranken Eltern drehte sich die Diskussion beim Fachtag in MühlhausenMühlhausen, 27. November 2015. Der Junge, den Dr. Fritz Haderer vor einiger Zeit zur Behandlung hatte, war drei Jahre mit seiner Mutter durch Deutschland gezogen. Immer unterwegs, immer auf der Flucht vor imaginären Strahlen, die nach Ansicht der Mutter überall drohten. An keinem Ort fühlte sie sich sicher, spätestens nach einigen Tagen war sie wieder da, diese Angst vor den unheilbringenden Strahlen. Bis schließlich jemand dem Spuk ein Ende machte und Mutter und Kind in ärztliche Obhut brachte. Haderer ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie in Mühlhausen. Schicksale wie dieses begegnen ihm fast jeden Tag: Kinder, die unter der psychischen Erkrankung ihrer Eltern leiden. 500.000 Kinder in Deutschland wachsen mit einem schizophrenen oder depressiven Elternteil auf, berichtete Haderer bei einem Fachtag der „Arbeitsgemeinschaft erzieherische Hilfen im Unstrut-Hainich-Kreis“.

Denn: „Wenn das Leid der Eltern das Glück der Kinder überschattet“ – so der Titel der Veranstaltung – dann trifft es besonders die Kinder. Deren Gefahr, selbst zu erkranken, ist bei psychisch kranken Eltern deutlich höher. Normalerweise gibt es für Kinder, psychisch zu erkranken, eine Gefährdungsquote von etwa einem Prozent. Bei einem kranken Elternteil steigt die Quote auf 15 Prozent, bei zwei kranken Eltern gleich auf 50 Prozent.
Die Einflüsse auf die Kinder sind enorm: Sie leiden unter großer Desorientierung, Isolation, sie erhalten von ihren Eltern keine Unterstützung, es ist niemand da, der morgens mit ihnen aufsteht, ihnen Frühstück macht, die Pausenbrote schmiert. Oft müssen sie für jüngere Geschwister in die Rolle der Eltern schlüpfen und diese mit betreuen. „Parentisierung“ heißt das dann im Fachjargon. Auch hier berichtete Haderer aus seiner Praxis von einem Jungen, der allein den Haushalt machte, putzte, Einkäufe erledigte, fürs Essen sorgte, während die Mutter den Tag verschlief. „Er schlich auf Zehenspitzen durch die Wohnung, nur um die Mutter nicht zu wecken“, berichtete Haderer.

Häufig werden die psychischen Erkrankungen in der Familie tabuisiert, überspielt, geht man nicht zum Arzt. Allerdings stellt Haderer in der Region Nordthüringen einen etwas anderen Umgang mit diesen Dingen fest: „Hier geht man offener mit psychischen Erkrankungen um. Die Stigmatisierung der Betroffenen ist hier nicht so ausgeprägt wie in anderen Regionen.“

Sogar Säuglinge können schon depressiv sein – und zwar dann, wenn eine psychisch kranke Mutter den Kontakt zu ihrem Neugeborenen verweigert. In speziellen Kursen lernen diese Mütter dann, dass sie die Kinder beim Füttern anschauen sollen, dass sie beim Wickeln mit ihnen reden sollen.

Ein Hilfsangebot für Kinder von psychisch kranken Eltern bietet der Verein „Seelensteine“ in Erfurt. Hier können die betroffenen Mädchen und Jungen in Gruppenstunden sich ihre Sorgen und Probleme von der Seele reden. Katja Borrmann von den „Seelensteinen“ benannte in der Runde die häufigsten Fragen der Kinder: „Ist das meine Schuld? Ist die Erkrankung vererbbar? Wie kann ich helfen?“ Borrmann: „Wichtig ist es, den Kindern die Schuldgefühlte zu nehmen.“ Wissensvermittlung über die Krankheit der Eltern steht dann ebenso auf dem Programm wie eine Notfallplanung: Wen kann man anrufen und informieren, wenn Mutter oder Vater wieder einen Krankheitsschub haben. Darüber hinaus ist der Verein aber auch darum bemüht, den Kindern Raum für eine unbeschwerte Kindheit zu verschaffen, den sie zu Hause oft nicht haben. Hobbies werden gefördert, ihnen werden Erfolgserlebnisse vermittelt, damit ihre Gedanken nicht nur um die Krankheit der Eltern kreisen. Allerdings: Die Seelensteine in Erfurt halten das einzige Hilfsangebot dieser Art thüringenweit bereit. Und sie mussten lange darum kämpfen, bevor sie eine, wenn auch nur vorübergehende, Projektförderung aus öffentlichen Kassen erhielten. Bis dahin hielt sich der Verein mit Spenden über Wasser, unter anderem aus dem Projekt „Thüringen sagt Ja zu Kindern“

Ein Netzwerk zur Gesundheitsförderung in Kommunen und Kreisen ist notwendig. Um diese Vernetzung von kommunalen Akteuren kümmert sich in Thüringen die Landesvereinigung für Gesundheitsförderung (AGETHUR). Solche Regionalgruppen gibt es bereits in 7 Landkreisen und kreisfreien Städten, berichtete Dr. Victoria Obbarius von der AGETHUR in der Veranstaltung. Ziel ist es, in jedem Landkreis und in jeder kreisfreien Stadt eine solche Gruppe aufzubauen, die Einrichtungen wie Gesundheits- und Jugendämter, Präventionseinrichtungen, Beratungsstellen, den schulpsychologischen Dienst, die Schulsozialarbeiter, Sozialverbände, aber auch Schulen und Hochschulen miteinander vernetzt. Ein guter Einstieg dafür das Schulprojekt „Verrückt – na und?“, in dem die Schülerinnen und Schüler für Warnsignale psychischer Erkrankungen sensibilisiert werden. In dem Projekt werden ihnen Vorurteile genommen und es wird ihnen ein Leitfaden an die Hand gegeben, wer bei Erkrankungen helfen kann. Klassenweise gibt es dazu eintägige Workshops. Ein Krisenwauswegweiser für die SchülerInnen bietet dann eine Reihe von Kontaktadressen und Hilfsangeboten.

Im Unstrut-Hainich-Kreis will sich die „Arbeitsgemeinschaft erzieherische Hilfen“ jetzt auf den Weg machen, eine solche Regionalgruppe ins Leben zu rufen. Das Interesse jedenfalls ist groß, wie die Resonanz auf den Fachtag gezeigt hat. Und die Wissbegierigkeit der BesucherInnen auch. Denn an den Schulen haben die Fälle, in denen psychisch labile Kinder Hilfe brauchen, zugenommen, berichteten Lehrerinnen in der Runde.

Tags: Psychiatrie, Seelensteine

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