Alt-Bischof Wanke fordert mehr Barmherzigkeit im Umgang mit Flüchtlingen

Alt-Bischof Dr. Joachim Wanke bei seinem Festvortrag zur Verleihung des Paritätischen EhrenamtspreisesNeudietendorf, 4. Dezember 2015. Mehr Barmherzigkeit im Umgang mit Menschen aus sozialen Randgruppen und Flüchtlingen hat der frühere Bischof des Bistums Erfurt, Dr. Joachim Wanke, angemahnt. „Barmherzigkeit hat kaum Konjunktur“, sagte Wanke bei der Feier zur Verleihung des Paritätischen Ehrenamtspreises in Neudietendorf. Das Schlüsselwort des heutigen gesellschaftlichen Grundgefühls sei vielmehr Gerechtigkeit, so Wanke. Das allein aber reiche nicht aus. „Allein durch Paragrafen wird unsere Welt nicht menschlicher. Neben der Gerechtigkeit braucht es das Erbarmen, braucht es die Liebe, die dem Nächsten einfach gut sein will – auch wenn dafür keine Belohnung ausgesetzt ist und keine gesetzliche Strafandrohung dies erzwingt“, so der Alt-Bischof, der den Festvortrag bei der Ehrenamtspreis-Gala hielt. „Das Problem ist nur: Gerechtigkeit kann man einfordern, Barmherzigkeit nicht“, so Wanke weiter. „Für die Gerechtigkeit sind Sozialgerichte, sind Sozialämter zuständig. Wer ist für die Barmherzigkeit zuständig?“


Barmherzigkeit im Denken forderte Wanke auch gegenüber den Flüchtlingen. Die Erinnerung an barmherziges Handeln verhindere, dass man in die „Ideologiefalle“ tappe – ob linker oder rechter Couleur. Klare Worte fand Wanke in Richtung Rechtspopulisten: „Wir erleben derzeit in Thüringen, wie sich jetzt politische Einstellungen lautstark zu Wort melden, die jede Empathie, jedes Mitgefühl mit der konkreten Not des einzelnen Menschen vermissen lassen. Die Flüchtlinge werden in ihrer Gesamtheit als kulturelle, wirtschaftliche oder politische Gefahr betrachtet, als Sicherheitsrisiko, das unseren derzeitigen Status quo in Frage stellt – aber es wird vergessen, dass jeder Flüchtling ein individuelles Gesicht hat, dass er eine Leidensgeschichte hinter sich hat und jetzt konkrete Hilfe braucht.“ Die Ideologie verallgemeinere, die Barmherzigkeit sehe den einzelnen Menschen in seiner Not, so Wanke. Es gebe auch wichtige Folgefragen, wie dieser Not politisch, administrativ und im Rahmen des Möglichen begegnet werden könne. Das seien aber Folgefragen, auf die es im Augenblick keine Patentantworten gebe. „Wer diese nicht hat und dies ehrlich sagt, sollte dafür nicht beschimpft bzw. verunglimpft werden. Dafür ist die Herausforderung zu groß“, unterstrich Wanke.
Sozialarbeit, so Wanke in seinem Vortrag, müsse einerseits auf beruflicher Professionalität beruhen, andererseits auf ehrenamtlichem Engagement aus der Mitte der Bürgergesellschaft heraus. Wanke zog den Vergleich zum „Atmen mit zwei Lungenflügeln“. Ehrenamt sei ein notwendiges belebendes Element für die Professionalität. „Sie hilft, dass der Blutkreislauf des Sozialen im gesellschaftlichen Körper wirklich zirkuliert.“ Und Ehrenamtlichkeit verhindere, dass berufliche Professionalität in sich erstarre. Berufliche Professionalität sichere Nachhaltigkeit, Beständigkeit und Gerechtigkeit. Beides – Ehrenamt und Hauptamt – seien notwendig. „Wer möchte schon gern einem nur ehrenamtlich tätigen Chirurgen in die Hände fallen?“

Den gesamten Vortrag von Alt-Bischof Dr. Wanke finden Sie im Anhang

Tags: Ehrenamtler, Ehrenamtspreis, Dr. Joachim Wanke

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