„Kommen Sie auf die Straße und zeigen Sie Gesicht gegen Neonazis“

Wie geht man mit menschenfeindlichen Einstellungen in der sozialen Arbeit um? Darüber informierten sich die Mitglieder der Kreisgruppe Weimar/Apolda des ParitätischenWeimar, 17. Februar 2016. Wenn Kathrin Schuchardt zu einem ihrer Vorträge oder Seminare kommt, hat sie immer eine prall gefüllte Reisetasche dabei. Und meist schon nach weniger als einer Stunde beginnt sie, in dieser Reisetasche zu kramen. „Meine Altkleidersammlung“ sagt die Mediatorin und Konfliktmanagerin dann scherzhaft. Denn sie zerrt bunte T-Shirts heraus mit eindeutigen Aufdrucken und einschlägigen Markenzeichen, sie hat dort einen Schlagring eingepackt und ein Baseballschläger liegt obenauf – alles Utensilien, die in der rechtsradikalen und neonazistischen Szene an der Tagesordnung sind.

Kathrin Schuchardt ist sicher eine der besten Kennerinnen von Zeichen und Symbolen der rechtsextremen Szene in Thüringen, sie arbeitet mit Schülerinnen und Schülern, mit Vereinen und Verbänden und mit Mitarbeitenden aus sozialen Einrichtungen. Sie bringt ihnen bei, wie man Vorurteilen begegnet, wie man vorhandene Ängste zunächst offen anspricht, um dann nach Wegen zu suchen, diese Sorgen zu überwinden. In der Paritätischen Kreisgruppe Weimar/Apolda lauschten ihr jetzt gebannt vier Stunden lang Mitarbeitende aus vielen sozialen Einrichtungen des Kreises.

Wenn Kathrin Schuchardt in ihre Reisetasche greift, dann kommen T-Shirts von Thor Steinar zum Vorschein, beliebte Marke in der rechtsextremen Szene. „Thor“, so erläutert Schuchardt den Markennamen ist der germanische Donnergott, das heißt „Thor“ steht im übertragenen Sinne für nordisch, für weiß, für rassistisch. Aber nicht nur die Marke „Thor Steinar“ ist in den einschlägigen rechtsextremen Kreisen „in“. Aber nicht nur diese Marke. In Weimar gibt es auch ein Unternehmen, das mit seinen T-Shirts und Kleidungsstücken in dem Spektrum unterwegs ist. Da zeigt Kathrin Schuchardt beispielsweise ein T-Shirt mit aufgedruckten Schlagringen, da steht unter den Waschhinweisen auf der Rückseite „Frauensache“, um gleich die Arbeitsteilung klar zu machen.

Anhand solcher und vieler weiterer Beispiele erläutert Schuchardt, wie man menschenverachtendes und antidemokratisches Gedankengut in Wort und Bild erkennt. Und in Übungen wird den Teilnehmenden beigebracht, mit welch kommunikativer Haltung man Vorurteilen und Hassparolen im Alltag begegnet. Menschen, die mit klar zu identifizierender rechtsextremer Kleidung in eine Einrichtung kommen, sollte eindeutig und umgehend klargemacht werden, dass man so etwas nicht duldet, macht Schuchardt deutlich und zeigt dabei auch auf, dass die Meinungsfreiheit durchaus auch Grenzen kennt.

Und sie tritt dem Vorurteil entgegen, Neonazis seien überwiegend männlich. „Jeder fünfte Nazi ist weiblich“, sagt sie. Mit einem einfachen Spiel am Anfang zeigt sie gleich auf, wie man Rechtsextremisten verunsichern kann. Sie bittet die Teilnehmenden, einmal in ihrem Stammbaum so weit wie möglich zurückzudenken und dann festzustellen, wer rein deutschen Ursprungs sei oder wo es Migrationseinflüsse gebe. Ergebnis: Bei den meisten gibt es bei Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern Migrationselemente. „Das erzeugt immer große Verunsicherung bei Neonazis, weil sie plötzlich erkennen, dass sie auch familiäre Wurzeln in der Migration haben“, so Schuchardt. „Rassisten arbeiten meist nicht mit ihren eigenen Biografien, weil sie davon nichts wissen wollen.“ Und merkwürdig mute es ihr schon an, dass eine ihr bekannte Rechtsextremistin den Vornamen „Sarah“ trage, der eindeutig jüdischen Ursprungs sei.

Wichtig ist es ihr auch, dass möglichst viele ThüringerInnen gegen Rechtsextremisten und Neonazis auf die Straße gehen, und zwar nicht nur Jüngere, sondern auch Ältere. „Je mehr Gesicht zeigen, um so erfolgreicher wird der Kampf gegen die Neonazis sein“, ist sich Schuchardt sicher.

Tags: Rechtsextremismus, Neonazis, Kreisgruppe Weimar/Apolda

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