Menschen mit Behinderungen: Optik siegt noch zu oft über Barrierefreiheit

Mit einem taktilen Baukastensystem werden Strategien zur Barrierefreiheit im öffentlichen Verkehrsraum erprobtJena/Neudietendorf, 18. Februar 2016. Wenn Silke Aepfler auf die Aktivitäten der vergangenen Jahre zurückblickt, dann ist die Jenaerin zufrieden. „Wir haben viel geschafft in unserer Stadt“, sagt sie und meint damit die Beseitigung vieler Hürden für Menschen mit Behinderungen, sei es im öffentlichen Verkehrsraum, in den öffentlichen Gebäuden oder in Bussen und Bahnen. Silke Aepfler ist selbst blind und weiß, wovon sie spricht, wenn sie auf Barrierefreiheit drängt. Eine bessere Orientierung für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen im öffentlichen Verkehrsraum – darum ging es auch in einem Praxisseminar des Vereins „Barrierefrei in Thüringen“ (bith e.V.), einer Mitgliedsorganisation des Paritätischen im Haus der Parität in Neudietendorf.

Nicht nur Betroffene nahmen an dem Seminar teil, das demnächst schon wegen der großen Nachfrage in die vierte  Runde geht. Anwesend waren auch Behindertenbeauftragte, Mitglieder kommunaler Behindertenbeiräte, StadtplanerInnen und ArchitektInnen. Sie alle wurden mit neuen Methoden bekannt gemacht, wie man selbstbestimmte Orientierung im öffentlichen Verkehrsraum befördern kann.

Es sieht aus wie in einem Seminar zum Thema Spielen, wenn man den Raum betritt. Auf jedem Tisch liegt ein Koffer, in ihm sind Holzstücke unterschiedlichsten Zuschnitts enthalten. „Taktiles Baukastensystem“ heißt das Ganze. Taktil heißt anfassbar, erfassbar, auch von sehbehinderten Menschen. Auf den Tischen werden die Bauteile hin- und hergeschoben, weggenommen und hinzugefügt. Damit wird begreifbar, mit welchen Hindernissen sehbehinderte Menschen zu kämpfen haben, aber auch, wie man ihnen auf oft verblüffend einfache Art und Weise weiterhelfen kann. StadtplanerInnen und ArchitektInnen gehen nach den Seminaren mit völlig neuen Erkenntnissen nach Hause. Der Verein „Barrierefrei in Thüringen“ legt Wert auf die enge Zusammenarbeit von Stadt- und VerkehrsplanerInnen mit den betroffenen ExpertInnen.

Silke Aepfler ist schon seit 1993 in der Arbeitsgemeinschaft Barrierefrei in Jena. „Ich will mich hier weiterbilden, was es für Möglichkeiten der Barrierefreiheit gibt“, sagt sie zu ihrer Motivation. In der Universitätsstadt, so ihre Bilanz, ist in den vergangenen Jahren viel geschaffen worden. Sie verweist auf die „sprechenden Busse und Bahnen“, in denen über die nächsten Haltestellen informiert wird. An den Haltepunkten selbst gibt es Infosäulen, bei denen sehbehinderten Menschen angesagt wird, welche Busse oder Bahnen wann in welche Richtung fahren.
„Aber natürlich gibt es auch noch genug zu tun“, sagt Silke Aepfler. „Vor allem muss man die Architekten immer aufs Neue davon überzeugen, dass Schönheit nicht vor Barrierefreiheit gehen sollte.“ Als Beispiele nennt sie den Einbau von eckigen statt runden Treppengeländern oder auch Geländer, die auf der letzten Stufe enden und nicht darüber hinaus eingebaut worden sind. „Es wird hier viel Wert auf Optik gelegt“, sagt sie. Eine stärkere Berücksichtigung der Barrierefreiheit von Anfang in den Planungen wäre für sie wünschenswert. „Am besten von Anfang an.“

Erarbeitet wurde das Seminar von den ExpertInnen von bith e.V. in Kooperation mit dem Institut für Verkehr und Raum an der Fachhochschule Erfurt, der Markus-Gemeinschaft Hauteroda, der Aktion Mensch  und dem Paritätischen Thüringen.

Tags: Barrierefreiheit, bith e.V.

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