Evemarie Schnepel: „In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein“

Gemeinsam lernen: Das ist das Konzept der Anna Amalia Grundschule der Lebenshilfe in WeimarErfurt, 15. April 2016. Ein Plädoyer für eine inklusive Gesellschaft hat Evemarie Schnepel, die Präsidentin der Paritätischen BuntStiftung in der jüngsten Ausgabe von „Shake Hands“, dem Magazin der Deutschen Soccer Liga gehalten. Schnepel plädiert darin für ein gesellschaftliches Umdenken als wichtigste Voraussetzung für eine inklusive Gesellschaft. „Wir müssen das Anderssein akzeptieren,“ schreibt sie. Und: „In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein.“
Nachfolgend der Beitrag von Evemarie Schnepel:


Evemarie Schnepel, Präsidentin der Paritätischen BuntStiftungImmer, wenn ich die Klassenzimmer der Freien Ganztagsgrundschule Anna Amalia der Lebenshilfe in Weimar betrete, geht mir das Herz vor Freude über. Kinder mit und ohne Handicap spielen und lernen hier gemeinsam, Hier sind Kinder mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen, Fähigkeiten und Vorstellungen. Sie erleben ihre Grundschulzeit gemeinsam. Gerade in der Verschiedenheit der Kinder sehe ich genauso wie die Schule die große Chance von- und miteinander lernen zu können. Unbefangen ist der Umgang miteinander, Mädchen und Jungen lernen schon von Kindheit an, dass Menschen verschieden sind, sie wissen den Wert der Verschiedenheit zu schätzen. Hier soll und darf jedes Kind in seinem Tempo lernen, mit den Mitteln und Methoden, die es für erfolgreiches Lernen braucht. Und wenn ich die Kinder hier so glücklich und zufrieden sehe, dann denke ich oft bei mir: Ach, könnte es nicht überall so sein!
Aber leider ist es bis dahin noch ein weiter Weg. Die deutsche Gesellschaft hat sich zwar aufgemacht, diesen Weg zu gehen. Inklusion - das finden alle gut. Ein Leben in Vielfalt heißt ein Leben ohne Diskriminierung. Vielfalt ist das Gegenteil von Ausgrenzung – Vielfalt ist gelebte Inklusion. In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein.
Wer sich einmal im Internet umschaut und den Begriff „Vielfalt“ googelt, der stößt landauf, landab auf viele Initiativen, die sich den Begriff „Vielfalt“ auf ihre Fahnen geschrieben haben. Es sind Initiativen, die ein breites Spektrum unseres gesellschaftlichen Lebens abdecken. Ihre Vielzahl ist für mich aber auch ein Hinweis darauf, wie dringend notwendig diese Aktivitäten sind, wie sehr um Vielfalt noch immer gerungen und gekämpft werden muss. Überall schießen Initiativen für gelebte Vielfalt aus dem Boden, installieren Kommunen und Kreise Programme und Personal, die diese Vielfalt in den Köpfen der Menschen verankern sollen.
Dieses Umdenken in den Köpfen aber können und wollen viele noch nicht akzeptieren. Menschen mit Behinderungen wissen davon viel zu erzählen. Da sind die Städteplaner noch meilenweit von barrierefreien Verkehrsplanungen in den Städten entfernt, da fehlt es an öffentlichen Gebäuden, aber auch an Bahnhöfen an taktilen Orientierungsmöglichkeiten.
Bei Menschen mit geistigen Einschränkungen schaut unsere Gesellschaft viel zu oft nur auf das, was sie nicht können. Die Leistungsfähigkeit eines Menschen ist aber immer von verschiedenen Faktoren abhängig. Wenn er in einer Umgebung lebt, in der man ihm nichts zutraut und ihn fremdbestimmt, wird er auch keine Selbstständigkeit erlangen. Geht man auf seine Bedürfnisse ein und gibt ihm die Zeit, die er braucht, um zu lernen, oder die Unterstützung, die er braucht, so wird er auch eine gewisse Selbstständigkeit erlangen können.
Am erschreckendsten finde ich immer, wenn ich lese, dass das Wort „behindert“ unter Jugendlichen eines der meist gebrauchten Schimpfworte ist. Wen wundert es da noch, dass viele Betroffene sich stigmatisiert und ausgegrenzt fühlen. Den Jugendlichen , die so leichtfertig mit dem Wort „behindert“ umgehen, müsste man eigentlich ins Stammbuch schreiben, dass jeder von uns auf die ein oder andere Weise im Laufe seines Lebens behindert ist, dass wir alle an der ein oder anderen Stelle Defizite aufweisen, die bei dem einen mal stärker und beim anderen weniger stark ausgeprägt sind. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass viele betroffene Menschen die Bezeichnung "geistig behindert" als Stigmatisierung und Diskriminierung empfinden. Leider fühlen sie sich ausgegrenzt.
Vielfalt – das bedeutet für mich gerade im Jahre 2016 auch Weltoffenheit und Toleranz, bedeutet Offenheit gegenüber anderen Kulturen. Eine multikulturelle Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Vielfalt, eine Gesellschaft, in der die Menschen voneinander lernen können und sich nicht voneinander abgrenzen sollen.
Von Inklusion profitieren alle – eine inklusive Gesellschaft ist eine vielfältige, eine bunte Gesellschaft. Inklusion beschränkt sich nicht nur auf die Integration von Menschen mit Behinderungen.. Erst wenn alle Menschen – mit oder ohne Behinderung – überall dabei sein können, dann ist uns Inklusion gelungen. Aber dazu müssen wir noch viele Barrieren abbauen – Barrieren ganz praktischer Art, aber auch Barrieren in den Köpfen.. Wir müssen das Anderssein akzeptieren. Dieses Umdenken ist die wichtigste Voraussetzung für eine inklusive Gesellschaft.
Und dieses Umdenken kann gar nicht früh genug anfangen. Die Anna Amalia- Grundschule der Lebenshilfe in Weimar ist für mich das beste Beispiel. Denn diese Kinder werden niemanden mehr, der anders ist, ausgrenzen, weil sie von Jung auf gelernt haben, Anderssein zu akzeptieren.

Tags: Lebenshilfe Weimar/Apolda, Inklusion, Soccer-Liga, Evemarie Schnepel

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