Integration in den Arbeitsmarkt: Geduld ist nötig und möglich

Dr. Ottmar DöringNeudietendorf 31. Mai 2016. Jürgen Rauschenbach hat mit dem Projekt „Multipotenzial“ in Nordthüringen in den vergangenen Monaten viele Erfahrungen gesammelt, wenn es um die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt geht. „Am Anfang haben wir gedacht, das Ganze ist in ein bis zwei Jahren zu bewältigen. In der Zwischenzeit haben wir gelernt, dass es sich um einen längeren Prozess handelt, bei dem umfangreiche Beratungsleistungen notwendig sind“, sagt Rauschenbach bei einer Fachtagung des Paritätischen Bildungswerkes zum Thema „Kompetenzfeststellung bei Flüchtlingen.“ Der Praktiker aus Nordthüringen stimmt Dr. Ottmar Döring vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung voll zu, wenn dieser sagt, dass das Erwartungsmanagement eine der zentralen Schaltstellen ist, wenn es darum geht, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. „Es gibt falsche Erwartungen auf beiden Seiten“, so Döring.


Diskutierten intensiv über die Kompetenzfeststellung bei Flüchtlingen: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des FachtagesArbeit für Flüchtlinge zu schaffen ist ein Feld, in dem derzeit viele falsche Vorstellungen herrschen, in dem es andererseits aber auch aktuell nur wenige erfolgreiche Konzepte gibt. Döring lieferte in seinem Vortrag bei dem Fachtag ein sehr differenziertes Bild. Er kritisierte, dass bei der Auslotung von Kompetenzen der Geflüchteten in Deutschland der Blick zu sehr auf rein formale Bildungsprozesse wie Schul- oder Studienabschlüsse gerechnet sei. Dabei spielten informelle oder auch non-formale Lernprozesse bei den Geflüchteten eine oft sehr viel größere Rolle. „Mit unseren formalen Bildungsprozessen kommt man nicht weit“, so das Fazit und gleichzeitig die Warnung von Döring. Die Erfahrungen, die die Geflüchteten im Internet, an ihrem früheren Arbeitsplatz, aber auch beim Militär oder in ihrem sozialen Umfeld gesammelt hätten, fielen bei der entsprechenden Bewertung in Deutschland hinten runter.
Und er untermauerte das mit Zahlen: 41 Prozent der geflüchteten Syrer haben eine Grund- oder Mittelschule absolviert (mit und ohne Abschluss). 20 Prozent haben eine vergleichbare Ausbildung wie in Deutschland hinter sich. Die Masse der Flüchtlinge aus Syrien kommt aber ohne eine Berufsausbildung, wie wir sie in Deutschland kennen. Zwei Drittel weisen nur geringe naturwissenschaftliche Kenntnisse haben, 50 Prozent haben nur geringe Mathe-Kompetenzen. Zu den Sprachproblemen kommt noch hinzu, dass sie in ihren erlernten Berufen in ihrem Heimatland oft ganz andere Aufgaben wahrzunehmen hatten. Die Differenz zu deutschen Berufsbildern ist sehr groß.

Häufig würden auch nicht die Zwänge berücksichtigt, die Flüchtlinge zur Arbeit motivierten. Viele hätten noch Schulden aus der Flucht abzutragen, andere müssten ihre zu Hause gebliebenen Angehörigen unterstützen. All diese Kriterien spielten aber bei der Frage, wo man die Geflüchteten in den deutschen Arbeitsmarkt integrieren könnte, nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle. Durch rein formale, subjektive Abfragen könne auch die Eignung der Menschen für einen Beruf nur schwer festgestellt werden. An ein realistisches Erwartungsmanagement stellt Döring die Anforderung, dass weder die Geflüchteten noch die Betriebe enttäuscht werden dürften.

Wichtig für Döring sind neben einem guten Erwartungsmanagement zwei weitere Dinge: Kurze Integrationszeiten und erweiterte Tätigkeitsfelder. Die Integrationszeit von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt betrug bislang in der Regel 15 Jahre. „Das zeigt uns, dass Geduld nötig und möglich ist.“ Döring warnte eindringlich davor, sich von dem derzeitigen Aktionismus anstecken zu lassen. Er plädierte dafür, bei den Geflüchteten die Phase der Passivität, zu der sie auch durch gesetzliche Regelungen gezwungen seien, zu verkürzen. Als falsch verwarf er Priorisierungen nach dem Motto Lernen ist wichtiger als Arbeiten. Er warb für eine Parallelisierung von Lernen, arbeiten, Orientierung, Kultur, Sport, Wohnungs- und Spracherwerb.

Auch müssten die Tätigkeitsfelder für die Geflüchteten erweitert werden. Dazu müsste das sperrige Berufssystem ein Stück weit geöffnet. Die Flüchtlinge dürften nicht nur auf geringqualifizierte Tätigkeiten im Hotel- und Gaststättengewerbe, der Landwirtschaft oder den privaten Dienstleistungen beschränkt werden. Döring gab zu überlegen, ob man nicht die Berufe am unteren Ende der Ausbildungsskala, also jene mit zweijähriger Berufsausbildung, stärker in den blick nehmen sollte. Als Beispiel nannte er Bauberufe oder den Beruf des Maschinen- und Anlagenführers in der Metallindustrie.

Beim Paritätischen sind zwei Projekte zur beruflichen Integration von Geflüchteten gestartet. Bei dem Projekt „Kompetenzfeststellung und Integrationsbegleitung in den Arbeitsmarkt für Geflüchtete" geht es vorrangig um die Kompetenzfeststellung von Geflüchteten. Das Projekt ist auf die Regionen Erfurt, Artern und Sömmerda (Kooperationspartner EURATIBOR e.V.), Gotha (parisat), Landkreis Nordhausen (Kooperationspartner HORIZONT e.V.) beschränkt. Dabei schließt das Projekt eine berufliche Integration, die Beratung und Sensibilisierung von Unternehmen ein.
Sollte Interesse der Geflüchteten an Berufen des Gesundheits- und Sozialwesens bestehen, ist das Projekt der Flüchtlingskoordinatorinnen beim Paritätischen Thüringen für die berufliche Integration zuständig. Im Schwerpunkt des Projektes stehen Informations- und Beratungsangebote für Unternehmen der Sozialwirtschaft, die Geflüchtete beschäftigen möchten: Begleitung bei Aufenthalts- und Anerkennungsfragen, Kommunikation mit Behörden, Unterstützung bei Schaffung eines betrieblichen Willkommensklimas und Eingliederungsmanagements. Ebenso werden die Geflüchteten während des beruflichen Integrationsprozesses unterstützt. Das Team ist thüringenweit unterwegs.
Die jeweiligen Projektteams führten nach der Mittagspause durch zwei unterschiedliche Arbeitsgruppen.
So beschäftigte sich die Arbeitsgruppe KIA mit der Kompetenzfeststellung bei Flüchtlingen und den daraus resultierenden Chancen und Nutzen für die Praxis. Gemeinsam wurden mögliche Bausteine eines Kompetenzfeststellungsprozesses sowie dabei anwendbare Methoden diskutiert. Die Teilnehmer waren sich einig, dass im Rahmen der Kompetenzfeststellung neben der üblichen formalen Abfrage von Qualifikationen, Kenntnissen und Fähigkeiten eine praktische Komponente unabdingbar ist. Der produktive Austausch der bereits gesammelten Erfahrungen der Teilnehmer lieferte wertvolle Hinweise für die weitere Arbeit im Bereich der Kompetenzfeststellung bei Geflüchteten.
Frauke Berbig und das Team der Flüchtlingskoordinatorinnen stellten sich gemeinsam mit den Teilnehmenden innerhalb der zweiten Arbeitsgruppe die Frage „Fachkräftesicherung – Geflüchtete als Teil der Lösung?“. In einem Input wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen, Beschäftigungsmöglichkeiten und Aspekte der Willkommenskultur vorgestellt. Einige Teilnehmende berichteten von bereits gemachten Erfahrungen hinsichtlich der beruflichen Integration von Geflüchteten. Ebenso wurden Fragen, beispielsweise „An wen wendet man sich, wenn ein Übersetzer notwendig ist?“ im Rahmen der Gruppe geklärt. Am Ende war die übereinstimmende Meinung, dass man sich der Herausforderung, Geflüchtete in Unternehmen zu integrieren, stellen sollte.

Ansprechpartnerin für das Projekt Kompetenzfeststellung und Integrationsbegleitung für Geflüchtete“ ist

Caroline Hager, Tel. 036202/26230, E-Mail:

Flüchtlingskoordinatorinnen beim Paritätischen sind:
Manja Hönniger, Tel: 0172/5834905, E-Mail:

Anastasia Sabatkouskaya, Tel: 0172/5834906 E-Mail:

Stefanie Tappert Tel: 0172/5834907 E-Mail:

 

Tags: Arbeitsmarkt, Flüchtlinge, Willkommenskultur, Integration, Multipotential, Flüchtlingskoordinatorinnen

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