„Kinderarmut ist immer abhängig von der Armut der Eltern“ - Paritätischer: Investitionen in die Menschen dringend nötig

Der Landesgeschäftsführer des Paritätischen, Reinhard MüllerNeudietendorf/Weimar, 1. Juni 2016. „Kinderarmut ist immer abhängig von der Armut der Eltern. Deshalb ist die beste Politik gegen Kinderarmut eine aktive Arbeitsmarktpolitik.“ So kommentierte der Landesgeschäftsführer des Paritätischen, Reinhard Müller (Foto), in einem TLZ-Interview die neuesten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zur Kinderarmut. Bundesweit hat danach die Kinderarmut zugenommen, jedes siebte Kind in Deutschland lebt mittlerweile in einem Haushalt, der von Sozialleistungen abhängig ist. In Thüringen dagegen ist die Kinderarmut in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Nach den neuesten Zahlen der Bundesagentur lebt jedes sechste Kind im Freistaat von Hartz IV. Müller: „Es ist erfreulich, dass die Zahl der armen Kinder in Thüringen zurückgeht. Trotzdem gilt aber: Jedes Kind, das in Armut leben muss, ist eines zu viel.“


Nach aktuellen Daten der Regionaldirektion lebten im vergangenen Jahr 44.000 Kinder unter 15 Jahren in sogenannten Bedarfsgemeinschaften. Das sind 9.100 weniger als fünf Jahre zuvor. Gleichzeitig sank die sogenannte Hilfequote der unter 15-Jährigen. Diese beschreibt den Anteil der Kinder unter 15 Jahren in Bedarfsgemeinschaften an der Wohnbevölkerung in der gleichen Altersgruppe. In Thüringen lag die Hilfequote bei den Kindern unter 15 Jahren zuletzt bei 17,3 Prozent. Im Juni 2010 lebten hierzulande noch 21,7 Prozent der unter 15-Jährigen in Bedarfsgemeinschaften.

Kay Senius, Chef der Arbeitsagenturen in Thüringen, sieht diese Entwicklung positiv: „Von der guten Entwicklung am Arbeitsmarkt haben viele Familien in den letzten Jahren profitiert. Thüringen hat in Ostdeutschland die niedrigste Hilfequote. Das liegt auch an hilfreichen Landesprogrammen des Freistaats. Eine Hilfequote von 17 Prozent ist dennoch kein Grund zum Ausruhen. Das bleibt Schwerpunkt der Jobcenter“, sagt Senius.
Thüringen liegt im Vergleich mit den anderen Bundesländern auf dem siebten Platz. Im Bundesdurchschnitt lag die Hilfequote im Juni 2015 bei 15,7 Prozent. In Ostdeutschland betrug die durchschnittliche Hilfequote der unter 15-Jährigen in dem Zeitraum 23,2 Prozent. Der Freistaat liegt an der ostdeutschen Spitze und vor Hamburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland.

Die Hilfequote unterliegt in Thüringen einer großen Spreizung. Im Landkreis Eichsfeld ist diese mit 6,5 Prozent am niedrigsten. Die höchsten Abhängigkeiten gibt es in den Städten Gera (28,8 Prozent) und Erfurt (25,4 Prozent). „Die hohe Betroffenheit in den Oberzentren ist nicht untypisch. Das ist Ausdruck der verschiedenen Sozialmilieus in den Städten“, so Senius.

Müller verwies in dem TLZ-Interview darauf, dass es gilt, die Situation der Familien zu verbessern. „Es geht nicht nur um arme Kinder, sondern um arme Familien“, so Müller. Die Vorschläge des Paritätischen: Ein tariflich entlohnter öffentlicher Beschäftigungssektor die Eltern der Kinder und auskömmliche Regelsätze in Hartz IV.
Um den Kindern zu helfen, sei eine eigene Kindergrundsicherung erforderlich, die die Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt. „Der tägliche Bedarf eines Kindes muss abgedeckt werden“, unterstrich Müller, der die Anbindung an die Jobcenter und die Sozialhilfe für den falschen Weg hält. „Junge Menschen sind keine kleinen Arbeitslosen. Die Jugendhilfe muss daher beim Jugendamt und nicht beim Jobcenter angebunden sein“, so Müller. Er verlangte „Investitionen in die Menschen“. Dazu sei eine Stärkung der öffentlichen Kassen und eine nachhaltige Steuer- und Finanzpolitik nötig.

Tags: Reinhard Müller, Kinderarmut

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