Bildungsplan wird der Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen gerecht - "Rechtspopulisten verstehen wieder einmal nichts"

Elke Lieback, Landesgeschäftsführerin von pro familiaErfurt/Neudietendorf, 6. Juni 2016. Der neue Thüringer Bildungsplan bis 18 wird der Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen gerecht. Die Pluralisierung und zunehmende Gleichbehandlung von Lebens- und Erziehungsentwürfen, die wachsende Globalisierung und interkulturelle Öffnung der Gesellschaft sind Bedingungen, auf die das Bildungssystem reagieren muss. Das unterstreichen in einer Reaktion auf die scharfe Kritik der AfD an dem Bildungsplanung in einer gemeinsamen Stellungnahme die GEW Thüringen, die Landesschülervertretung Thüringen, AIDS-Hilfe Weimar und Ostthüringen e.V., der Landesverband von pro familia sowie der Landesfrauenrat Thüringen e.V. und Vielfalt Leben - QueerWeg Verein für Thüringen e.V. Elke Lieback, die Landesgeschäftsführerin von pro familia und Vorstandsmitglied im Paritätischen (Foto), unterstreicht, der Thüringer Bildungsplan berücksichtige die Heterogenität der Kinder und Jugendlichen.


In der gemeinsamen Stellungnahme heißt es: Mit den Äußerungen bei ihrer Pressekonferenz zeige die AfD einmal mehr, dass sie nichts verstanden habe oder nichts verstehen wolle. Die Rechtspopulisten zielten auf eine Aufklärungskampagne gegen den Bildungsplan. Die AfD-Fraktion werde nicht müde zu konstatieren, sie lehne eine „Frühsexualisierung von Kindern, die ideologische Indoktrination an Thüringer Schulen und die aufgezwungene Akzeptanz, die in diesem Bildungsplan verankert sind, entschieden ab“.

Dagegen unterstreichen die Organisationen in ihrer gemeinsamen Stellungnahme: Kinder und Jugendliche wollen ihre Familienkonstellationen und Lebensentwürfe, ihre religiösen, geschlechtlichen oder sexuellen Ausdrucksweisen u.a. in der Realität der Bildungseinrichtungen wiederfinden. Darunter zählt auch die Auseinandersetzung mit Vielfalt. Diese fördert gesellschaftliche Handlungsfähigkeit, Selbstbestimmung und Teilhabe. Darauf reagiert der Thüringer Bildungsplan bis 18 Jahre. Dieser wurde von der vormaligen Landesregierung in Auftrag gegeben und artikuliert den Anspruch von Kindern und Jugendlichen auf bestimmte Bildungsinhalte.

Darüber hinaus sieht der Bildungsauftrag im Thüringer Schulgesetz vor, dass Kinder und Jugendliche lernen, Beziehungen zu anderen Menschen nach Grundsätzen der Toleranz und Gleichberechtigung der Geschlechter zu gestalten. Dazu gehören selbstverständlich auch LSBTI*-Menschen. Nicht zuletzt Artikel 2 der Thüringer Landesverfassung garantiert ein Bevorzugungs- oder Benachteiligungsverbot aufgrund von Herkunft, Abstammung, ethnischer Zugehörigkeit, sozialer Stellung, Sprache, der politischen, weltanschaulichen oder religiösen Überzeugung, des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung.

Die real gelebte Vielfalt an geschlechtlichen und sexuellen Identitäten, Ausdrucksweisen und Lebensformen werde im Bildungsplan erstmals adäquat thematisiert, indem sie gleichrangig etwa neben der Ethnizität, Religiosität und Soziokulturalität im Kapitel "Individuelle und soziale Vielfalt - Umgang mit Heterogenität" als Bildungsgrundlage erfasst werde, heißt es in der gemeinsamen Stellungnahme. Zu behaupten, Schüler_innen würden dadurch frühsexualisiert, sei absurd. Damit offenbare die AfD Thüringen ihre Unwissenheit hinsichtlich inklusiver und sexualerzieherischer Konzepte und missverstehe absichtlich das Anliegen des Bildungsplans. Sie sexualisiere damit selbst die Debatte.

Der Bildungsplan wurde von einem wissenschaftlichen Konsortium erarbeitet und von einem Fachbeirat begleitet. In diesem sitzen neben Kirchen und Gewerkschaften eine Vielzahl von Vertreter_innen von unterschiedlichen Bildungsinstitutionen, etwa die Landeseltern- und die Landesschülervertretung.
Es gab zudem von Beginn an die Möglichkeit der zivilgesellschaftlichen Einflussnahme auf den Bildungsplan. Innerhalb der fünfeinhalbjährigen Erarbeitungsphase konnten sich an Bildung beteiligte und interessierte Personen und Institutionen mit einbringen. „Dass der Bildungsplan ohne ausreichende Diskussion eingeführt werde, ist demnach genauso unhaltbar wie die Behauptung, die interessierte Öffentlichkeit habe nicht die Möglichkeit der Mitbestimmung bzw. Einflussnahme besessen“, unterstreichen die Organisationen in ihrer gemeinsamen Stellungnahme.

Der Bildungsplan gilt - gleich dem vorherigen Bildungsplan bis 10 Jahre, der in den neuen Bildungsplan integriert wurde - als Orientierungsrahmen und Brücke zwischen allen an Bildung beteiligten Professionen und Institutionen. Die bestehenden Rahmenlehrpläne und Schulgesetze werden durch diesen nicht abgelöst.

Hinweis: Die GEW hat eine Argumentationsbroschüre erarbeitet, die Pädagog_innen, Eltern und Schüler_innen in der Auseinandersetzung mit diffamierenden Aussagen über eine Vielfalt wertschätzende Pädagogik unterstützen will: „Für eine Pädagogik der Vielfalt - Argumente gegen ultrakonservative, neu-rechte und christlich-fundamentalistische Behauptungen“, so der Titel der Broschüre.

Tags: Elke Lieback, Bildungsplan

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