Mensch und Arbeit in Einklang bringen: Gesundheit am Arbeitsplatz gewinnt immer höheren Stellenwert

Intensiv wurde beim Fachtag diskutiertNeudietendorf, 27. September 2016. Der Lagerarbeiter beklagte sich über permanente Rückenschmerzen, fiel lange Zeit aus, weil er krank war. Als Tobias Reuter vom Institut für Arbeitsfähigkeit näher mit ihm ins Gespräch kam und den Ursachen für die lange Krankheit auf den Grund ging, stellte sich etwas ganz Anderes und Überraschendes heraus: Der Mann war Analphabet und hatte Angst, dass sein Defizit an dem neuen Arbeitsplatz, an den er versetzt werden sollte, aufgefallen wäre. „Jetzt geht er zur Schule. Und ich hoffe, dass er danach wieder arbeiten kann“, so Reuter bei einem von der Glücksspirale unterstützten  parisat-Fachtag zu „Psychischen Gefährdungen und Beanspruchungen“. Der Experte stellte Zahlen, Daten und Fakten vor, die unterstrichen, welch hohen Stellenwert das Thema „Gesundheit am Arbeitsplatz“ mittlerweile hat und wie es im Arbeitsalltag immer bedeutsamer wird.


Dem Thema Gesundheit am Arbeitsplatz widmet sich der Paritätische nicht nur bei diesem Fachtag, sondern in einem eigenen Projekt mit dem Namen WAI (Wo Arbeit integriert). Ziel des Fachtages und des Projektes ist es, das Bewusstsein für das Thema zu schärfen. Bei dem WAI-Projekt werden sich zwölf Unternehmen der Sozialwirtschaft in den nächsten drei Jahren auf die Herausforderungen durch dieses Projekt einlassen.

Aus dem Stressreport von Krankenkassen geht hervor, dass die größten Belastungen auf folgenden Faktoren beruhen: Die Betreuung mehrerer Arbeiten gleichzeitig, starker Termin- und Leistungsdruck, permanente Arbeitsunterbrechung. 12 bis 17 Prozent aller Menschen leiden nach Angaben von Reuter unter Depressionen, die psychischen Erkrankungen sind in den vergangenen Jahren massiv angestiegen. Reuter verwies auf Untersuchungen der Betriebskrankenkassen, wonach die psychischen Störungen bei den Gründen für Arbeitsunfähigkeit mittlerweile mit 24,8 Prozent den zweiten Platz hinter den Muskel- und Skeleterkrankungen einnehmen. Hier gegenzusteuern, ist auch aus Arbeitgebersicht interessant: Denn eine psychische Erkrankung hat im Schnitt 40 Fehltage zur Folge.

Die Balance zwischen der Belastung und den Voraussetzungen zu finden, die der Mensch mitbringt – das ist die große Herausforderung bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes. Es geht darum, Mensch und Arbeit in Einklang zu bringen. Dabei gilt es, verschiedene Faktoren einzubeziehen, so Reuter unter Verweis auf das „Haus der Arbeitsfähigkeit“, das der finnische Arbeitswissenschaftler Prof. Dr. Ilmarinen entwickelt hat. Darin werden alle Seiten einer gesunden Arbeitswelt betrachtet. Einzubeziehen sind das persönliche Umfeld, die familiären Bindungen – ein Punkt, der nach Angaben von Reuter immer wichtiger wird. Das Fundament bildet dann das betriebliche Gesundheitsmanagement und das Stockwerk darüber wird vom Thema Gesundheit ausgefüllt, oder genauer gesagt, der Frage, wie man mit Erkrankungen umgeht.

Wichtig ist auch bei dem Thema Arbeitsfähigkeit die Frage, wie ein Unternehmen geführt wird. „Eine schlechte Führung steigert das Herzinfarktrisiko“, zitierte Reuter aus zahlreichen Untersuchungen. Arbeitsschutz, betriebliches Eingliederungsmanagement und betriebliche Gesundheitsförderung identifizierte Reuter als Handlungsfelder für ein firmeninternes Gesundheitsmanagement. Eine moderne Führungskultur und eine alters- und alternsgerechte Arbeitsgestaltung sind wesentliche Erfordernisse, um auch in der Sozialwirtschaft künftig genügend Fachkräfte an die Unternehmen zu binden. Und dass das persönliche Umfeld dabei einen oft unterschätzten Einfluss hat, illustrierte Reuter an einem anderen Beispiel aus seiner täglichen Arbeit: Ein Straßenbahnfahrer fiel lange Zeit und immer wieder wegen Magen-Darm-Problemen aus. Die wirkliche Ursache seiner Krankheit lag aber ganz woanders: in einem Sorgerechtsstreit mit seiner Ehefrau.

Tags: WAi, Arbeitsfähigkeit

Drucken