Stephan Kulles Lebensmotto: Durchhalten und weiterkämpfen – ZDF-Journalist bei der Lebenshilfe Leinefelde-Worbis

Stephan KulleLeinefelde/Worbis. Stephan Kulle (49, siehe Bild, ZDF), Theologe, Journalist, Fernsehmoderator, Buchautor, Eichsfelder und Sympathieträger sitzt im Speiseraum der Lebenshilfe in Leinefelde und berichtet aus seinem Leben. Einem Leben, das von tiefsten Tälern und schwindelnden Höhen geprägt ist. Nach einem Unfall mit 23 Jahren war Stephan Kulle querschnittsgelähmt. Heute kann er wieder laufen. Seinen ursprünglichen Wunsch, Priester zu werden, verwirklichte er nicht. Stattdessen ging er in die Medien und berichtet heute für ZDF und Phoenix über Nachrichten aus aller Welt, aus dem Vatikan und über religiöse Themen. „Wofür sich Leben lohnt“ heißt die Reihe des Lebenshilfewerks Leinefelde-Worbis. Seit ihrem Start hat sich die Reihe, in der Prominente darüber sprechen, wofür sich aus ihrer Sicht das Leben lohnt, zu einem echten Publikumsmagneten entwickelt. Eröffnet worden war die Reihe von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow und Samuel Koch, der seit seinem Unfall bei „Wetten dass...“ querschnittsgelähmt ist. Nächster in der Reihe ist Hubert Hüppe, CDU-MdB und seit vielen Jahren in der Bundesvereinigung der Lebenshilfe ehrenamtlich engagiert.


Stephan Kulle berichtet über jenen verhängnisvollen von einem Freund verschuldeten Verkehrsunfall am 10. Juli 1991, der sein Leben, das bis dahin eine einzige Glückssträhne war, komplett veränderte. Er erzählt über die Zeit, in der sein einziger Blickpunkt ein Stück weiße Zimmerdecke war, über seine Schmerzen, seinen Kampf zurück ins Leben, den er in seinem Buch „Riss im Glück“ beschrieben hat, von der Freude über den Rollstuhl und die Leistung, wieder auf eigenen Beinen stehen zu können. „Viele Menschen haben für mich gebetet und für mich mit Gott gerungen. Sie haben gesagt: Gott hilf dem!“ 1,5 Jahre Rehaklinik mit täglichem Kampf gemeinsam mit Therapeuten und Ärzten. „Die wichtigste Grundvoraussetzung war, dass ich gesagt habe: ich will. Das war mein Beitrag.“

Die Menschen mit Behinderung im Saal hören gespannt zu, denn sie spüren, dass dort vorn ein Mann sitzt, der ihre Situation versteht. Sie wissen, wovon er redet, wenn er beschreibt, wie ihm neben den vielen positiven Erfahrungen auch Menschen mit Berührungsängsten begegnet sind, die ihm im Rollstuhl die Wange getätschelt und ihm über den Kopf gestrichen haben. Er hat viele Vorurteile über Menschen im Rollstuhl kennengelernt. Aber für ihn stand von Anfang an fest: Man muss wollen, Chancen annehmen und sich anstrengen, um sich nach vorn zu entwickeln.
Nach 14 Monaten nimmt er sein Theologie-Studium wieder auf und wir Journalist – anfangs im Rollstuhl, später auf Krücken. Heute steht Stephan Kulle wieder fest auf beiden Beinen. Die Heilung dauerte jahre. Ärzte, Physiotherapeuten und Freunde kämpften mit ihm. Das eigentliche Wunder aber hat er selbst vollbracht – mit ungeheurer Willenskraft und unerschütterlicher Zuversicht.

Stephan Kulle erzählt, dass der Unfallverursacher, ein Freund und ebenfalls Theologiestudent, ihn ein paarmal im Krankenhaus besucht, aber dann den Kontakt abgebrochen hat. Er selbst trägt ihm nichts nach. „Ich fand es sehr schade, aber ich habe keine Wut empfunden gegen ihn. Mein Vater hat ihn einmal auf der Straße getroffen und musste sich sehr beherrschen, seine Wut nicht rauszulassen. Wenn er mit seiner eigenen Schuld nicht umgehen kann ist es seine Sache. Ich werde nichts fordern. Ich hoffe nur, dass er als Priester mit der Schuld anderer deshalb besser umgeht, dass er Menschen hilft, die Schuld auf sich geladen haben. Das wäre schön.“
Auf den Rat des Theologen und Journalisten Stephan Kulle hört der Vatikan. Er berichtet für das ZDF und Phoenix aus Rom und dem Umfeld des Papstes sowie über wichtige religiöse Ereignisse in Deutschland und der Welt. Aktuell moderiert er die Sendung „Vor Ort“ bei Phoenix.

Als erster westlicher Journalist lebte Stephan Kulle mehrere Wochen im Kloster des Dalai Lama. In dessen Kloster im nordindischen Exil gewährten ihm die Mönche 40 Tage lang einen ungewöhnlich offenen Zugang zum Innersten des tibetischen Buddhismus. Dort lernte er einerseits die Armut der Menschen in dem fernen Land kennen, erlebte andererseits die besondere Ausstrahlung der Mönche auf ihn. Nach den Erfahrungen seiner Glaubensreise gefragt, sagt Stephan Kulle: „ Ich finde es sehr wichtig, dass alle Weltreligionen sich darauf besinnen, wozu sie eigentlich da sind und da sind alle ganz nah beieinander. Sie sind dazu da, den Menschen fähig zu machen, als guter Mensch zu leben.“

Nach seiner Motivation, bei dem Projekt „Wofür sich Leben lohnt“ mitzumachen gefragt, findet er es selbstverständlich. „Da wollte ich dabei sein, denn es ist wichtig. Leben lohnt sich! Die Frage, wie das Leben ist, ist nicht die erste Frage, die erste Frage ist die nach dem ,Ja‘ zum Leben. Ich habe alles erlebt, ein Leben auf der Überholspur, alles klasse, alles toll und dann das krasse Gegenteil. Ich konnte von einem Moment auf den anderen nichts mehr, Garnichts mehr, nicht einmal mehr klug reden. Ich konnte nur da sein und ein bisschen lächeln. Aber auch das war durch den Schlauch im Mund schwierig. Selbst in der Situation war ich am Leben und ich hatte das Gefühl, es ist alles gut. Ich hatte ein Ziel und es hat sich gelohnt weiterzuleben. Wir sind alle mitverantwortlich, damit andere einen Grund haben, ja zu ihrem eigenen Leben zu sagen. Auch mir haben andere den Grund gegeben es können zu wollen.“

Sein Lebensmotto heißt, wie sollte es auch anders sein: Durchhalten und weiterkämpfen und immer wieder aufstehen und weiterkämpfen, auch, wenn es schwer ist. Natürlich hat Stephan Kulle auch eine Botschaft: „Es helfen uns keine Menschen, die uns tadeln, uns schlagen, oder uns Vorwürfe machen, weil wir etwas gerade anders sehen. Wichtig sind nicht die Menschen, die einem etwas um die Ohren hauen, sondern die Menschen, die mir helfen weiterzugehen, auch, wenn mein Weg im Moment mal nicht so gerade geht. Was man selber nicht kann, tun manchmal andere für einen mit und umgekehrt, wenn ich jemanden sehe, der mich braucht, weil er etwas nicht so kann, dann sollte ich für ihn da sein. Es geht um das Prinzip von Nächstenliebe, über das man nicht nur reden sollte. Die Buddhisten nennen es Mitgefühl, Mitfreude und Mitleiden. Ich wünsche von Herzen, dass man niemals allein ist, wenn man nicht allein sein darf und dass man niemals Menschen allein lässt, die nicht allein sein dürfen. Das ist wichtig.“

Der CDU-Politiker Hubert Hüppe ist am 19. Dezember zu Gast im Eichsfeld. Die Veranstaltung beginnt um 13 Uhr und  findet wieder in der Lebenshilfe Leinefelde-Worbis, Ernemannstraße 6, statt.

Tags: Lebenshilfe Leinefelde-Worbis, Stephan Kulle

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