"Armut beginnt nicht erst dann, wenn Menschen verelenden"

 

Das Logo des ArmutsberichtsNeudietendorf/Berlin, 3. März 2017. Der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist in der Öffentlichkeit breit diskutiert worden. Dabei wurde von Kritikern des Berichtes die in dem Bericht verwendete Definition von Armut hinterfragt. Dazu hatte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, Dr. Ulrich Schneider, bereits bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Berichtes Stellung genommen.


Schneider erklärte dort: „Über den Armutsbegriff wurde in den letzten Jahren zum Teil sehr hitzig diskutiert. Es wurde sehr unverblümt der Versuch unternommen, Armut auf Elend zu reduzieren. Man könne von Armut erst dann sprechen, wenn Menschen Pfandflaschen sammeln oder unter Brücken schlafen müssen oder wenn Menschen die nötigen Mittel für Kleidung und Ernährung fehlen.

Nach dem Willen des wirtschaftsnahen iw Köln soll künftig nur noch von Armut gesprochen werden, wenn eine „erhebliche materielle Entbehrung“ vorliegt. Es handelt sich dabei um ein Konzept, welches von der EU üblicherweise angewandt wird, um festzustellen, in welchen Ländern wie viele Menschen nicht einmal über eine Reihe von Gütern verfügen, die gemeinhin zum Grundbedarf zählen wie Ernährung, Kleidung, ein Fernseher und ähnliches. Wenn das iw und andere nun herkommen und einen solchen Armutsbegriff auf Deutschland anwenden wollen, handelt es sich um den durchsichtigen Versuch, den Menschen ihre Bedürftigkeit abzusprechen und den Staat und diese Gesellschaft als Ganzes aus der Pflicht zu nehmen. Es ist die Aufkündigung unseres in der Verfassung verankerten sozialstaatlichen Konsenses in dieser Gesellschaft, wonach die Menschenwürde echte Teilhabe verlangt und nicht nur ein warmes Mittagessen oder einen Fernseher. Es ist eine Kampfansage an eine inklusive Gesellschaft.

Dr. Ulrich Schneider

Für uns, die wir als große Verbände und Fachorganisationen diesen Armutsbericht herausgegeben haben, steht völlig fest: Armut beginnt nicht erst dann, wenn Menschen verelenden. Armut beginnt, wenn Menschen auf Grund ihres unzureichenden Einkommens einfach nicht mehr teilhaben können an ganz normalen Lebensvollzügen dieser Gesellschaft, wenn Menschen nicht mehr mithalten können, gezwungen werden, sich zurückzuziehen,
faktisch ausgegrenzt oder abgedrängt werden, in Sub- oder Parallelgesellschaften der Armut. Wir sind froh, dass trotz der vielen Attacken auf diesen Armutsbegriff in den letzten zwei Jahren im Ergebnis die ganz überwiegende Mehrheit der Armutsforscher und die breite Fachlichkeit nach wie vor hinter diesem Konzept der relativen Einkommensarmut stehen.

Die maßgeblichen Forschungsinstitute, DIW und Statistisches Bundesamt, halten an dem Konzept fest. Und Bundesarbeitsministerin Nahles selbst hat noch im Januar erklärt, dass auch regierungsamtlich keine Abkehr von diesem zentralen Indikator der Armutsberichterstattung vorgesehen sei.“

Schneider nahm auch zum von Kritikern immer wieder angeführten Argument Stellung, das Ausmaß der Armut werde aufgebläht und es würden beispielsweise sogar Personengruppen wie Studenten mitgezählt, die man landläufig doch kaum als arm bezeichnen könne. Schneider: „Mittlerweile dürfte sich jedoch herumgesprochen haben: Die amtliche Statistik zählt zwar durchaus einen Teil der Studierenden als Arme mit, dafür werden jedoch hunderttausende Wohnungslose durch die Statistik überhaupt nicht erfasst, ebenso wenig hunderttausende Pflegebedürftige und behinderte Menschen, die in Einrichtungen und von Sozialhilfe leben oder hunderttausende geflüchteter Menschen in Gemeinschaftsunterkünften.“ Das Fazit von Schneider: „Wir haben es also keinesfalls mit einer Überschätzung und künstlichen Dramatisierung zu tun, sondern – ganz im Gegenteil – eher mit einer Unterschätzung der tatsächlichen Dimension der Armut in Deutschland.“

Für die Thüringer Grünen machen die Zahlen des Armutsberichtes deutlich, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Die Politik sei jetzt gefordert, den gesellschaftlichen Zusammenhalt sicherzustellen. Die Politik sei jetzt gefordert, Chancengleichheit herzustellen – gleiche Chancen auf gute Bildung, unabhängig von Einkommen und Herkunft, eine umfassende inklusive Gesellschaft, eine Altersgrundrente und eine Gesundheits- und Pflegeversorgung für alle.

Tags: Armutsquote, Armutbericht

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