Bäume des Gedenkens und der Hoffnung: Reinhard Müller pflanzte Linde in Kromsdorf

Reinhard Müller pflanz in Kromsdorf eine LindeNeudietendorf/Weimar, 26. April 2017. Der Schlosspark von Kromsdorf im Weimarer Land beeindruckt durch seine Baumriesen. Hier wächst jetzt ein neuer Baum, eine Winterlinde. Es ist der 99. Baum im Rahmen des Erinnerungsprojektes „1000 Buchen“, mit dem das Lebenshilfe-Werk Weimar/Apolda an die Opfer des Todesmarsches von Häftlingen des KZ Buchenwald erinnert. Ihr qualvoller Marsch, bewacht und gequält von KZ-Aufsehern, führte sie auch durch Kromsdorf. An diesem Ort wurde jetzt die Winterlinde vom früheren langjährigen Landesgeschäftsführer des Paritätischen, Reinhard Müller, gepflanzt (Bild). Die Baumpflanz-Aktion war das Geschenk vom Vorstand des Paritätischen und Stiftungsrat der BuntStiftung zur Verabschiedung von Reinhard Müller Ende vergangenen Jahres.

Eve-Marie Schnepel, die Präsidentin der BuntStiftung, erinnerte in ihrer Rede an die schreckliche Zeit zum Ende des Zweiten Weltkrieges. „Hier, wo wir heute stehen, hatten die Menschen im April 1945 sicher keinen Blick für die Schönheit der Bäume“, sagte sie Der Todesmarsch der vielen tausend Häftlinge ging von Buchenwald über Schöndorf, Kromsdorf, Denstedt, Mellingen und Jena in Richtung des bayrischen KZ Flossenbürg. Kranke und Schwache wurden unterwegs von der SS erschossen. Rund 1500 Menschen starben auf diesem Weg. Schnepel zitierte einen mittlerweile verstorbenen Augenzeugen dieses Marsches, einen Bewohner von Kromsdorf. Der hatte berichtet, dass den Bewohnern unter Androhung des sofortigen Erschießens verboten worden sei, den Häftlingen zu helfen, nicht einmal Wasser hätten sie ihnen reichen dürfen.


Der Werkstattchor der LebenshilfeMit dem Projekt „1000 Buchen“ wird sowohl an die Opfer dieses Todesmarsches wie auch an die 200.000 Menschen erinnert, die als sogenanntes „unwertes Leben“ dem Euthanasieprojekt der Nazis zum Opfer fielen. „Möge uns dieser Baum und alle anderen Bäume dennoch in der Hoffnung bestärken, dass es sich immer wieder lohnt, für Frieden und Gerechtigkeit zu kämpfen.“ Denn auch heute, so Schnepel, sei die Welt nicht in Ordnung. Sie erinnerte an die Kriege in der Welt, an die hungernden Menschen weltweit, besonders in Afrika, an die Krisenherde in Syrien, Korea und Afrika sowie an die Millionen von Flüchtlingen in aller Welt.

Wolfgang Knappe von der Maria Pawlowna Gesellschaft schlug auch den Bogen in die Zeit der Nazi-Diktatur und zitierte den Buchenwald-Häftling Stephane Hessel. Der Resistance-Kämpfer, der Überlebende des Konzentrationslagers Buchenwald, Diplomat, Lyriker, Essayist und politische Aktivist war insgesamt zwölf Mal auch in Kromsdorf gewesen. Sein Credo und sein Vermächtinis: „Freiheit braucht Erinnerung.“ Während Knappe eine Rede des Künstlers Walter G.Goes verlas, die dieser an diesem Ostermontag bei einem Friedensspaziergang in Sassnitz gehalten hatte, trug eine junge Frau neben ihm ein Bild des 2013 verstorbenen Hessels. Goes hatte an die Menschen appelliert, dem Frieden eine Stimme zu geben, um die Würde des Menschen zu bewahren.

Diese Tafel erinnert an die PflanzaktionReinhard Müller hob die große symbolische Bedeutung hervor, die die Linde habe. „Es ist ein Baum, der Trost spenden kann, der aber für Versöhnung steht.“ Dorfgemeinschaften versammelten sich wieder unter Lindenbäumen. Und er sprach von den „nicht beherrschbaren Herausforderungen“, an die gerade der 26. April erinnere. An diesem Tag im Jahr 1986 ereignete sich die Atomkatastrophe von Tschernobyl und am 26. April 2002 ermordete ein Schüler bei einem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Schüler und Lehrer, bevor er sich selbst tötete. „Wenn wir das alles nicht beherrschen können, dann brauchen wir Trost“, so Müller, Trost, den auch Linden spenden könnten. Er wünschte sich, dass sich künftig möglichst viele Menschen unter der Linde im Schlosspark von Kromsdorf versammelten, um Freude zu finden und Atem zu holen.

Der Werkstattchor der Lebenshilfe (Bild oben) und Martina Rother auf der Flöte umrahmten die kleine Feierst6unde, zu der viele Mitglieder von Vorstand und Stiftungsrat und Persönlichkeiten der Stadt Weimar erschienen waren.
Wer in diesen Zeiten ein Bäumchen pflanzt, der ist nicht naiv, sondern der arbeitet an Veränderung, „auch wenn sie oft nur langsam wächst“, so Schnepel. Sie erinnerte im Gedenkjahr der Reformation an den bekannten Spruch von Martin Luther: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ „Gemeinsam sind wir stark“, so Schnepel. „Diese Stärke mit und für Menschen mit Behinderung stellen wir immer wieder unter Beweis und Du, lieber Reinhard Müller, bist ein starker und würdiger Pate für unseren 99. Baum“, sagte Schnepel.

Tags: Reinhard Müller, Lebenshilfe Weimar/Apolda

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