Fast 50.000 Kinder und Jugendliche in Thüringen leben in Hartz IV-Bedarfsgemeinschaften

Viele Kinder und Jugendliche in Thüringen leben in ArmutNeudietendorf, 1. Juni 2017.Die meisten Thüringer Kinder haben den heutigen Tag genossen. Sie erhielten Geschenke, sie machten Ausflüge, sie hatten viel Spaß an diesem Kindertag. Aber an diesem Tag richtet sich der Blick auch auf die Kinder und Jugendlichen in Thüringen, denen es nicht so gut geht. Und das sind laut dem jüngsten Armutsreport des Paritätischen immerhin 17,6 Prozent der unter 15-Jährigen. Das heißt: Jedes sechste Kind in Thüringen ist auf staatliche Unterstützung angewiesen. In einigen Regionen Thüringens betrifft das sogar jedes vierte Kind.


Untermauert werden diese Zahlen auch von der Bundesagentur für Arbeit. Danach leben in Thüringen 49.189 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Hartz-Bedarfsgemeinschaften. Die Zahl der bedürftigen Kinder und Jugendlichen ist damit im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. 2015 waren 48.627 Kinder und Jugendliche betroffen. Das ist ein Gesamtanstieg von 1,2 Prozent. Im regionalen Vergleich ist die Betroffenheit in Gera mit 23,4 Prozent am höchsten und im Eichsfeld mit 7,7 Prozent am niedrigsten.

Die wachsende Zahl hilfebedürftiger Kinder in Thüringen lässt sich fast ausschließlich auf einen Anstieg der Zahl betroffener ausländischer Kinder und Jugendlicher zurückführen. In Thüringen leben fast42 Prozent der ausländischen Kinder unter 18 Jahren in einer Hartz IV-Bedarfsgemeinschaft.

„Gute Bildung ist ein zentraler Bestandteil zur Bekämpfung von Kinderarmut“, so der Chef der Arbeitsagentur, Kay Senius. Die Bundesregierung hat versucht, mit dem Bildungs- und Teilhabepaket die Chancen von Kindern zu verbessern.

Allerdings hat das Bildungs- und Teilhabepaket nach Einschätzung des Paritätischen die wesentlichen Ziele verfehlt. Die Leistungen sind in ihrer Höhe unzureichend und so wie sie jetzt gestaltet sind, ungeeignet, Bildung und Teilhabe für benachteiligte Kinder und Jugendliche zu ermöglichen. Es gibt zu viele komplizierte Verwaltungsregeln, die diejenigen benachteiligen, die eigentlich davon profitieren sollten, erklärte der Verband in einer gemeinsamen Studie mit dem Deutschen Kinderschutzbund.

In Thüringen gab es nach einer Studie des Bundesarbeitsministeriums aus dem Jahr 2015 mehr als 85.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die Anspruch auf Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket haben, davon mehr als 53.000, die unter 18 Jahre alt sind. Die Quote der potenziellen Leistungsempfänger an der Zahl der jungen Menschen unter 18 Jahre lag 2014 bei 18,2 Prozent (die Zahlen in der Studie beziehen sich auf 2012, jüngere Angaben lagen nicht vor).

Kritisiert wird vom Paritätischen auch, dass die Leistungen des Pakets nicht ausreichend sind. Am Beispiel des Schulbedarfs wird das deutlich. Eine Schulerstausstattung kostet durchschnittlich mehr als 200 Euro. Das ist mehr als doppelt so viel wie vom Bildungs- und Teilhabepaket vorgesehen.

Der massive bürokratische Aufwand verhindert außerdem, dass die Leistungen bei allen Anspruchsberechtigten auch ankämen, so der Paritätische. Der Aufwand geht völlig an der Lebensrealität vorbei. Grundsätzlich sei die Anbindung an die Jobcenter und die Sozialhilfe der falsche Weg. „Junge Menschen sind keine kleinen Arbeitslosen“, so der Landesgeschäftsführer des Paritätischen, Stefan Werner. Die Jugendhilfe müsse beim Jugendamt und nicht beim Jobcenter angebunden sein.

Den zu hohen bürokratischen Aufwand kritisiert auch der Rat für Kulturelle Bildung. Das sei für viele der Grund, die staatlichen Zuschüsse nicht zu nutzen. «Bundesweit liegen Beträge im dreistelligen Millionenbereich brach», sagte der Sprecher der Organisation, Holger Noltze. Seit Jahren würden nicht einmal zehn Prozent der Berechtigten ihnen zustehende Gelder etwa für Klassenfahrten, Schulessen oder Lernförderung in Anspruch nehmen. Für einen Antrag über monatlich zehn Euro für ein Kind müssen dem Bildungsrat zufolge 40 Angaben auf fünf Seiten gemacht werden. Die Bürokratiekosten seien enorm und würden vom Statistischen Bundesamt auf 194,8 Millionen Euro pro Jahr beziffert.

Der Paritätische fordert einen einklagbaren Rechtsanspruch auf Angebote der Jugendarbeit im Kinder- und Jugendhilfegesetz. Die Städte stehen häufig unter finanziellem Druck und streichen gerade dort freiwillige Leistungen zuerst. Daher sei ein Rechtsanspruch auf Teilhabe nötig.

Der Paritätische fordert eine völlige Neuorganisation der Förderleistungen, bestehend aus vier Säulen:
1. Bedarfsgerechte Regelleistungen, die den typischen, täglichen Bedarf abdecken und aus kindspezifischen Bedarfsprüfungen bestehen

2. Individuelle Förderleistungen durch die Einführung eines einklagbaren Rechtsanspruchs auf Leistungen

3. Einmalige Leistungen zur Deckung von unregelmäßig anfallenden Bedarfen wie Klassenfahrten

4. Atypische Leistungen zur Deckungen von Bedarfen, die über einen längeren Zeitraum auftreten, zum Beispiel Nachhilfe

Die Problematik der Kinder- und Jugendarmut in Thüringen und deren konkrete Erscheinungsformen sowie die Auswirkungen in Thüringen will die Linksfraktion im Landtag am nächsten Mittwoch näher beleuchten. Dazu werden die Ergebnisse eines Kreativwettbewerbs präsentiert, der unter dem Motto „Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich...“ stattfand. Zusätzlich werden in einer öffentlichen Anhörung Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen aus der Kinder- und Jugendhilfe über ihre täglichen Erfahrungen berichten. Mit dabei ist auch Carola Hettstedt, die Leiterin des Family Clubs Erfurt.

Foto: pixabay

Tags: Hartz IV, Kinderarmut

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