Sterben und Tod – ein Thema mitten im Leben?! - Kinder gehen mit dem Thema viel unbefangener um als Erwachsene: „Heute spielen wir Beerdigung – Und was spielen wir morgen?“

Der Museumskoffer wurde vorgestelltNeudietendorf, 20. Juni 2017. Eileen Wiegleb war von ihrem Aufenthalt in Litauen tief beeindruckt. Der ambulante Pflegedienst, den sie mit anderen Akteuren des Erasmus-Projektes „Belief“ besichtigte, war per Tablet sofort mit den behandelnden Ärzten verbunden. Die direkte Kommunikation mit den Medizinern ersparte den Pflegedienstleistenden viel Zeit. Wiegleb selbst leitet einen ambulanten Pflegedienst beim Jugendsozialwerk Nordhausen und berichtete bei einer Fachtagung zum Thema „Sterben und Tod – ein Thema mitten im Leben?!“ von ihren Erfahrungen in dem baltischen Staat. Gemeinsam mit anderen Akteuren war sie im Rahmen des Erasmus-Projektes „belief“ in Litauen unterwegs gewesen. Von anderen Ländern lernen –das ist die Zielsetzung dieser internationalen Kooperation, in die Partner aus Deutschland, Frankreich, Litauen, Italien und der Türkei eingebunden sind. Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch ein Museumskoffer vorgestellt, der didaktisches Material zu den Themen Sterben und Tod, Bestatten, Trauern und Erinnern enthält. Vorgestellt wurde er von Petra Wesser, Diana Paschek und Matthias Kunze (Foto, von links)


Bei der Fachtagung wurde eine Bilanz des Projektes gezogen, das im August beendet wird. „Die Arbeit an dem Thema geht aber weiter“, so Christina Martens vom Europabüro Ostthüringen. Jede der beteiligten Einrichtungen hat entweder in Form eines Flyers oder eines Leitfadens die gemachten Erfahrungen zusammengefasst. Parisat als deutscher Partner hat einen Flyer erstellt, in dem für Familien und pflegende Angehörige in kompakter Firm Fragen beantwortet und Rat und Hilfe angeboten wird.
Die weit fortgeschrittene Digitalisierung in Litauen war eine der beeindruckenden Erfahrungen, über die die Teilnehmerinnen bei dem Fachtag berichteten. Und aus Frankreich nimmt Eileen Wiegleb die Erkenntnis mit, dass es in den dortigen Hospizen keine speziell ausgebildeten Palliativ-Schwestern gibt. „Warum macht man es in Deutschland so kompliziert?“, fragte Wiegleb und schloss die Feststellung an: „Dadurch geht viel Potenzial verloren.“

Petra Wesser vom ASB im Unstrut-Hainich-Kreis leitet eine Kita, in der auch Kinder mit einem hohen Förderbedarf betreut werden. Für sie sind die internationalen Erfahrungen im Umgang mit dem Thema Tod und Sterben wichtig, sie helfen ihr auch in ihrer täglichen Arbeit, sagte sie. Und Anastasia Sabatkouskaya, Flüchtlingskoordinatorin beim Paritätischen, hat aus ihrer täglichen Arbeit mit Geflüchteten viele Fragen zu dem Thema. Denn, so hat sie aus ihren zahlreichen Gesprächen mit Geflüchteten mitgenommen, die Einstellungen zu Leben und Tod, zu Ärzten und Pflegern unterscheiden sich in anderen Kulturkreisen von den unsrigen. Bei allen positiven Eindrücken sieht Sabatkouskaya aber die fortschreitende Digitalisierung in Litauen kritisch. „Dadurch gibt es deutlich weniger Kontakt zu den Menschen.“

Die Workshop-Arbeit wurde bei herrlichem Wetter ins Freie verlegtEine der wichtigsten Erkenntnisse dieses internationalen Erfahrungsaustauschs, über die man bei schönem Wetter im Krügerpark diskutierte (unser Foto): Sterben und Tod sind wichtige Teile eines erfüllten Lebens, werden aber in unserer Gesellschaft immer öfter an den Rand gedrängt und tabuisiert. Das Sterben gehört nicht mehr zum integrierten Leben. Es wird immer mehr zu einem angstmachenden Thema – und ist doch mitten unter uns. Andererseits wird ein großes Bedürfnis bei Menschen wahrnehmbar, das Thema wieder zu integrieren – als Teil eines gelingenden Lebens.

Genau hier setzte auch die Wiesbadener Professorin für Erziehungswissenschaften, Marianne Gronemeyer an. Sie verwahrte sich in ihrem Vortrag gegen die Idee, dass die Menschen prinzipiell außerstand seien, ihr Leben zu meistern oder leiden zu können. Sie verwies auf die Redewendung „Ich kann Dich gut leiden“, was nicht nur heißt, dass man jemanden mag, sondern was auch bedeuten kann „Ich leide an Dir, kann es aber gut ertragen“. Diese Kunst des Leidenkönnens sei in der Gesellschaft verloren gegangen. Gronemeyer spricht von einem „verwalteten Tod“, um den sich ganze „Dienstleistungsgeschwader“ kümmern. Sie plädiert dagegen dafür, sich wieder daran zu erinnern, dass die Menschen tätige Wesen sind, die auch ihr Leben meistern können. Das gelingt aber nur in der Begegnung mit anderen Menschen. „Dienstleistern kann man nicht begegnen“, sagt sie. Als Beispiel führt die Wissenschaftlerin und bekannte Buchautorin gerne die in der Bibel erzählte Fußwaschung Jesus an seinen Jüngern an. „Das ist das Gegenteil einer Dienstleistung.“ Das sei Zuwendung in der Begegnung miteinander.

Und nur in diesem Miteinander sei auch ein Umdenken möglich, was das Thema Tod und Sterben anbelangt. Sie warnt aber eindringlich davor, dieses Umdenken zu organisieren, es an Modellprojekten festzumachen. „Wir können so etwas nicht organisieren. Das geht nur im mitmenschlichen Begegnen.“ Aber sie ist zuversichtlich, „dass auch mitten in Absurdistan Änderungen möglich sind.“ Kinder müssen in dieses Lernen einbezogen werden. „Wir brauchen keinen Unterricht über die Welt, sondern Lernen in der Welt und von der Welt.“ Ein solches Umdenken sei nur in kleinen sozialen Einheiten möglich. „Wir müssen auch über neue Sozialformen nachdenken“, sagt sie, warnt aber davor, Modelle zu entwerfen, an denen man sich orientieren könne. Überhaupt, dieses „man“ hinterfragt sie immer wieder äußerst kritisch, weil es suggeriert, dass es allgemeingültige Lösungen geben könne. Sie plädiert stattdessen dafür, immer wieder Neues auszuprobieren. „Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Das gelingt aber nur im Angesicht eines Gegenüber“.

Am Nachmittag wurde den Tagungsteilnehmenden der didaktische Museumskoffer „Vergissmeinnicht“ vorgestellt, in dem das Thema Sterben und Tod, Bestatten, Trauern und Erinnern in kindgerechter Form aufgearbeitet wird. Auf spielerische Art und Weise werden die Kinder mit den im Koffer enthaltenen Materialien an das schwierige Thema herangeführt. So sollen Ängste abgebaut, Hilfen zur Krisenbewältigung angeboten und wichtige soziale Fähigkeiten erlernt werden. Kinder, so die Erfahrung von Petra Wesser, gehen viel unverkrampfter mit dem Thema um als Erwachsene. Der Koffer enthält beispielsweise CDs und Filme zum Thema, die Kinder können selbst Trauerkarten basteln oder Beerdigung spielen. Dafür gibt es die notwendigen Utensilien wie schwarze Damenhüte oder aber schwarze Krawatten. Und die Erfahrung von Petra Wesser ist, dass die Kinder anschließend fragen: „Und was spielen wir morgen?“

Der Museumskoffer kann demnächst bei parisat für die Arbeit in Kitas oder Grundschulen ausgeliehen werden. Ansprechpartner sind entweder Frau Janson oder Herr Schröter, Telefonnummer 036202/260.

Tags: parisat, BELIEF, Erasmus

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