Fachkräftemangel: Thüringen braucht Zuwanderung und muss mit seinen positiven Standortfaktoren werben

Stefan Werner im Gespräch mit Prof. Michael BehrNeudietendorf, 12. Januar 2018. Thüringen braucht zur Bewältigung des künftigen Fachkräftemangels massive Zuwanderung. Außerdem muss es mit den zahlreichen positiven Standortfaktoren, die das Land hat, kräftig um neue Arbeitskräfte werben. Das machte der Abteilungsleiter „Arbeit und Qualifizierung“ des Thüringer Arbeitsministeriums, Prof. Michael Behr, am zweiten Tag der Denkwerkstatt des  Projektes „Personalentwicklung mit Wirkung“ im Gespräch mit dem Landesgeschäftsführer des Paritätischen, Stefan Werner, deutlich (unser Bild). Die eigenen Potenziale des Thüringer Arbeitsmarktes sind weitgehend ausgeschöpft, unterstrich Behr. Das Projekt "Personalentwicklung mit Wirkung" wird durch den ESF gefördert.


In den vergangenen Jahren ist es in Thüringen in großem Umfang gelungen, die Ressourcen auf dem Arbeitsmarkt, auszuschöpfen. „Wir haben die vergangenen zehn Jahre gut genutzt“, so Behr. Jetzt aber stehe der Arbeitsmarkt kurz vor der Erschöpfung bei der Erschließung zusätzlicher Arbeitskräfte. Behr unterstrich das mit einigen eindrucksvollen Zahlen, vor allem, was den Bereich der Beschäftigung von älteren Arbeitnehmern und die Position von Frauen auf dem Thüringer Arbeitsmarkt anbelangt.

„Die Einstellung auch der Geschäftsführungen gegenüber älteren Arbeitslosen hat sich positiv verändert“, so Behr. Das macht sich auch in den Arbeitsmarktzahlen bemerkbar. So kamen im Jahr 2000 auf 100 ältere sozialversicherungspflichtig Beschäftigte 40 ältere Arbeitslose, heute beträgt die Relation 1:10. Behr sprach von einer „Erfolgsgeschichte“, was die Situation älterer Menschen auf dem Arbeitsmarkt anbelangt. Und bei einem Vergleich der Lage von Frauen auf dem Arbeitsmarkt komme Thüringen bundesweit auf einen Spitzenplatz.

Allerdings, das räumte Behr ein, gibt es noch immer ein deutliches Gehaltsgefälle zwischen Ost und West. Das beträgt derzeit aktuell bei Frauen 15 Prozent, bei Männern 30 Prozent. Deshalb verließen derzeit auch mehr junge Männer als junge Frauen die östlichen Bundesländer in Richtung Westen.
Behr sprach von einer XXL-Arbeitsgesellschaft in Thüringen mit derzeit 810.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. 62.000 Thüringerinnen und Thüringer sind derzeit ohne Beschäftigung. Und auch bei den Langzeitarbeitslosen gibt es eine positive Entwicklung. Deren Zahl betrug im Jahr 2007 noch 70.000, aktuell sind es 22.000.

Einem fast ausgereizten Potenzial an Arbeitskräften steht aber eine Besorgnis erregende demografische Entwicklung in Thüringen gegenüber. Die Zahl der 20- bis 65-Jährigen in Thüringen wird bis zum Jahr 2035 von derzeit 1,3 Millionen auf dann 900.000 schrumpfen, die Zahl der über 65-Jährigen um ein Drittel wachsen.
Der Fachkräftemangel macht sich ebenfalls stark in der Sozialwirtschaft bemerkbar machen. Auch das untermauerte Behr mit eindrucksvollen Zahlen: Um den Fachkräftebedarf der Branche zu decken, müssten in den kommenden Jahren 12 Prozent der gesamten Neueinstellungen in Thüringen nur in der Sozialbranche erfolgen – und das bei stetig wachsender Konkurrenz aus den anderen Bereichen.

Angesichts dieser Prognosen muss nach Behrs Meinung die Politik alles tun, um Wanderungsverluste zu verhindern. Thüringen habe einiges, mit dem man werben könne. Beispielsweise biete der Freistaat mit die besten Chancen für Auszubildende, ebenso sei die Infrastruktur beispielsweise mit Kitas hervorragend ausgebaut. „Thüringen könnte so etwas wie das deutsche Schweden werden“, sagte Behr auch im Hinblick auf die gesamte Gesellschaft. All diese Faktoren könnten mit in die Waagschale geworfen werden, wenn es darum gehe, das Lohngefälle zwischen Ost und West auszugleichen. Selbstverständlich müsse auch bei den Löhnen noch nachgelegt werden.

Vor dem Hintergrund all dieser Entwicklungen findet auch das Projekt „Personalentwicklung mit Wirkung“ statt, dessen Ziel es ist, die beteiligten Unternehmen bei den Personalentwicklungsprozessen zu unterstützen. Eine Online-Umfrage unter den teilnehmenden Unternehmen hatte ergeben, dass das Bewusstsein für das Themenfeld sehr ausgeprägt ist, ebenso das Interesse an Kooperationen und der Bildung von Netzwerken. Mut macht auch, dass die Ausbildungsquote in den befragten Unternehmen deutlich angestiegen ist – um 40 Prozent. Das Heranziehen von eigenen Fachkräften scheint für immer mehr Unternehmen einer der Auswege zu sein, neues Fachpersonal zu gewinnen.

Mit der Auftaktveranstaltung zu dem Projekt zeigten sich die Teilnehmenden durchweg sehr zufrieden. Jürgen Rauschenbach (FAU Sondershausen): „Ein wichtiges Thema, zu dem man auch immer neue Impulse braucht.“ Und Rosi Burgdorf vom Lebenshilfewerk Leinefelde-Worbis fügt hinzu: „Dieses Projekt hilft uns bei dem Thema Personalentwicklung deutlich weiter.“

Tags: Arbeitsmarkt, Fachkräfte, Stefan Werner, PersonalentwicklungMitWirkung, PMW, Prof.Michael Behr

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