Drei Millionen Kinder in Deutschland kommen aus suchtbelasteten Familien – Experten: Sie werden um ihre Kindheit betrogen

Therapiezentrum WolfersdorfNeudietendorf/Erfurt/Wolfersdorf, 16. Februar 2018. Es sind aufrüttelnde Zahlen: Etwa jedes sechste Kind in Deutschland kommt aus einer Familie, in der Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit herrschen. Das sind etwa drei Millionen Mädchen und Jungen. Und: Etwa sechs Millionen Erwachsene in Deutschland sind als Kinder in Suchtfamilien aufgewachsen. Kinder von Suchtkranken Children of Alcoholics/ Children of Addicts = COA) sind Risikokandidaten, selber eine stoffliche Sucht oder eine psychische oder soziale Störung zu entwickeln. Die jetzt zu Ende gehende Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Personengruppe, die ansonsten wenig im Fokus steht. In Thüringen hat jetzt die CDU-Fraktion eine Landesinitiative für ein flächendeckendes Netzwerk an Hilfsangeboten für diese Kinder gefordert. Das „Suchthilfezentrum für Mutter und Kind“ desVereins Wendepunkt in Wolfersdorf soll nach dem Willen der CDU-Fraktion zu einem Modellprojekt ausgebaut werden. (Unser Bild zeigt einen Blick in die Einrichtung in Wolfersdorf, Foto: Suchthilfezentrum Wolfersdorf).


Katharina, heute erwachsen, hat als Kind erlebt, was es bedeutet, wenn die Eltern suchtabhängig sind. Über ihr Schicksal berichtet der Nachrichtensender n-tv. Sie erinnert sich noch gut an eine Situation in den Ferien: Ihre Eltern radelten nach einem Abend bei Freunden sturzbetrunken zu ihrer Ferienhütte, die Mutter landete im Graben, keiner wusste mehr den Weg. "Da fühlte ich mich hochgradig verantwortlich für meine Eltern und meine kleine Schwester und hatte wahnsinnige Angst."

Das Gefühl, die Verantwortung für ihre Eltern übernehmen zu müssen, ist bei Kindern aus Suchtfamilien weit verbreitet. "Die Kinder werden häufig zu den Eltern ihrer Eltern", sagen Experten. Sind Vater oder Mutter betrunken und der Arbeitgeber ruft an, dann erzählen sie etwas von einer Krankheit. Oder sie versorgen ihre Eltern selbst mit dem Suchtmittel, wenn der Pegel absackt und diese aggressiv werden.
Viele Kinder bekommen das lange erstaunlich gut hin. Doch der Preis ist hoch. Sie werden, wie es die amerikanische Psychologin Janet G. Woititz einst ausdrückte, „um die Kindheit betrogen". Die Eltern sind so von ihrer Sucht absorbiert, dass sich alles nur um ihre Bedürfnisse dreht. Selbst wenn sie nicht gewalttätig sind und im Leben einigermaßen funktionieren, bleibt doch ein gewaltiges Defizit: „Die sind hinter einem Vorhang", so ein Psychologe, "physisch anwesend, aber nicht emotional".

Die Hilfe für diese Kinder ist für den Leiter des Deutschen Instituts für Sucht- und Präventionsforschung an der Katholischen Fachhochschule NRW, Prof. Dr. Michael Klein, eine Zukunftsfrage. „Diese Kinder sind ein unversorgte oder bestenfalls unterversorgte Gruppe der Gesundheits- und Sozialpolitik. Wenn Deutschland die schätzungsweise drei Millionen betroffenen Kinder ohne Hilfen belässt, verspielt es als führende Industrienation seine Zukunft.“

Kinder suchtkranker Eltern sind die größte Risikogruppe zur Entwicklung von Suchtstörungen bei Alkohol, Drogen und Verhaltenssüchten. Auch entwickeln sie sich häufiger zu Schul- und Bildungsversagern.

Die Interessenvertretung NACOA fordert ein flächendeckendes, regelfinanziertes Hilfesystem für diese Kinder. Nach Einschätzung der Organisation kommen lediglich 15.000 Kinder in den Genuss eines spezialisierten Hilfsangebots. Das Hilfesystem hat in Deutschland weite Maschen. Eine Verbesserung der Situation zeichnet sich ab. Denn im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD die Beseitigung von Schnittstellenproblemen vorgenommen. Diese verhindern bislang oft die Kooperation verschiedener Hilfesysteme wie Suchthilfe, Jugendhilfe und Gesundheitssystem zugunsten der Kinder.

In Thüringen hat sich anlässlich der Aktionswoche die CDU-Fraktion dieses Themas angenommen. Die sozialpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag, Beate Meißner, hat eine Landesinitiative für ein flächendeckendes Netzwerk an niedrigschwelligen Hilfsangeboten für Kinder aus suchtbelasteten Familien gefordert. „Kinder aus solchen Familien sind gesundheitlichen und sozialen Risikofaktoren ausgesetzt und brauchen deshalb unsere besondere Fürsorge“, erklärte die CDU-Politikerin. Kritik übte Meißner in diesem Zusammenhang an dem von der Landesregierung geplanten Landesprogramm solidarisches Zusammenleben. Dieses sieht vor, den Kommunen die Entscheidung selbst zu überlassen, ob ein entsprechendes Beratungsangebot finanziert wird. „Die wichtige Aufgabe dürfen wir nicht von der Finanzkraft der Kommunen abhängig machen“, zeigte sich Meißner überzeugt.

Aus Sicht der CDU-Politikerin muss eine solche Landesinitiative deshalb Weiterbildungsangebote und Unterstützung von Familienhebammen, Schulsozialarbeitern sowie den Mitarbeitern des Allgemeinen Sozialen Dienstes in den Kommunen beinhalten. „Ein wichtiger Baustein hierfür ist die Weiterentwicklung und der Ausbau der Eltern-Kind-Zentren, um auch im Kindergartenalter betroffene Familien zu erreichen“, erläuterte Meißner ihren Vorstoß. Die Initiative könne einen möglichen neuen Schwerpunkt der Stiftung FamilienSinn bilden.
Gleichzeitig erneuerte Meißner die Forderung der CDU-Fraktion, als Modellprojekt im Freistaat Thüringen eine stationäre Einrichtung für betroffene Familien zu schaffen. In einem Antrag der CDU-Fraktion von Anfang 2017 (Drucksache 6/3413), der noch im Sozialausschuss beraten wird, wurde dafür das „Suchthilfezentrum für Mutter und Kind Wendepunkt Wolfersdorf“ des Vereins Wendepunkt vorgeschlagen.

Die Aktionswoche findet nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA und in Großbritannien statt.

Mehr zum Thema: www.nacoa.de

http://coa-aktionswoche.de/

 

Mehr über das Schicksal Katharinas: https://www.n-tv.de/panorama/Jedes-sechste-Kind-hat-suchtkranke-Eltern-article14475031.html

 

 

Tags: Wendepunkt, Wolfersdorf, Beate Meißner, Nacoa

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