„Diskriminierungen in der sozialen Arbeit paritätisch entgegentreten“ – Neue Broschüre erschienen

Symbolbild FlüchtlingeNeudietendorf, 1. März 2018. Drei junge Syrer mit guten Deutschkenntnissen möchten sich ehrenamtlich in einer Altenpflegeeinrichtung engagieren. Die örtliche Freiwilligenagenturvermittelt sie an eine Einrichtung, die zuvor Interesse an ehrenamtlicher Mitarbeit bekundet hat. Als sie sich dort vorstellen möchten, werden sie schon an der Pforte vom Hausmeister ohne Begründung abgewiesen. Darüber hinaus müssen sie sich noch einige rassistische Kommentare anhören. Es sind Fälle wie diese, die in einer neuen Broschüre dargestellt werden und in der selbstverständlich auch Tipps gegeben werden, wie mit derartigen Vorkommnissen umzugehen ist. Die Broschüre „Diskriminierung in der sozialen Arbeit paritätisch entgegentreten! Eine Orientierungs- und Arbeitshilfe“ ist vom Projekt „Schau HIN vor Ort“ des Paritätischen Thüringen gemeinsam mit den „Zusammenhalt durch Teilhabe“ Projekten des Paritätischen Brandenburg und Schleswig-Holstein entwickelt worden.


Die Broschüre, die mit Unterstützung des Bundesprogramms "Zusammenhalt durch Teilhabe" entstanden ist, soll dazu anregen, das eigene Verhalten zu reflektieren und sich gegen Diskriminierung zu wehren. In thematischen Blöcken werden unterschiedliche Aspekte der Diskriminierung erläutert und umfassende Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Wie geht man beispielsweise mit dem oben geschilderten Verhalten des Hausmeisters um?

Es wird empfohlen, dass die Einrichtungsleitung den Hausmeister zur Rede stellt. Auch ein disziplinarisches Vorgehen gegen den Hausmeister wäre selbstverständlich möglich. Denn das rassistische Verhalten des Hausmeisters ist nicht nur diskriminierend, sondern schadet dem Ruf der Einrichtung. Darüber hinaus würde es sich anbieten, in geeigneter Form Diskussionen mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zum Thema Migration
und Flucht anzuregen. Es zeigt sich an diesem Beispiel sehr deutlich, dass es wichtig ist, die gesamte Mitarbeiterschaft in Wertediskussionen miteinzubeziehen.

„Eine Sprache der Ausgrenzung und Vorverurteilung darf in sozialen Einrichtungen und Organisationen keinen Raum bekommen. Wir haben in unserer Geschichte erfahren, wozu eine solche Haltung führen kann“, schreibt der Landesgeschäftsführer des Paritätischen Thüringen, Stefan Werner, im Vorwort zu der Broschüre. „Konflikte, unterschiedliche Meinungen und auch kritische Fragen gehören zur demokratischen Kultur, sie müssen jedoch friedlich, konstruktiv und respektvoll zu einem Ausgleich gebracht werden. Das ist unsere Verantwortung als Teil der Zivilgesellschaft, als Demokraten“, so Werner weiter. Er teilt die Sorge vieler Menschen, dass Ressentiments und eine Sprache um sich greifen, von denen wir feststellen: Das ist nicht der Umgang mit Mitmenschen, den wir pflegen, das ist nicht die Sprache, die wir benutzen. „Genau hinhören und hinschauen ist dabei besonders wichtig“, so Werner. „Die jetzt neu erschienene Broschüre soll dabei unterstützen, soziale Organisationen demokratiestark aufzustellen, und aufzeigen, wie wertvoll und schützenswert eine bunte, vielfältige und tolerante Gesellschaft ist – das Credo und Wertegerüst des Paritätischen“, so der Landesgeschäftsführer.

Im Fokus der Broschüre stehen gesetzliche Grundlagen, die Schaffung einer benachteiligungsfreien Arbeitsatmosphäre und Strategien, mit denen gegen Diskriminierung in Alltagszusammenhängen entgegengewirkt werden kann.

Ein weiterer Fall, der in der Broschüre geschildert wird: Eine asylsuchende Frau mit Erfahrungen in den Bereichen Kochen und Gastronomie bewirbt sich in einem Pflegeheim für ein zweiwöchiges Praktikum als
Küchenaushilfe. Sie erhält eine Absage mit der Begründung, dass in der Küche aus hygienerechtlichen Gründen grundsätzlich nicht mit einem Kopftuch gearbeitet werden dürfe. In diesem Fall ist klar: Es handelt sich offensichtlich um eine Benachteiligung. Dabei ist dieses Kochtuchverbot eine vorgeschobene Begründung. Denn Kopfbedeckungen sind gerade aus hygienischen Gründen in Küchenbetrieben vorgeschrieben. Da die Frau
nicht im Unternehmen beschäftigt ist, gibt es keine Möglichkeiten, den Konflikt intern – etwa durch Beschwerde – zu lösen. Sie kann sich aber an eine einschlägige Beratungsstelle wenden.

Diskriminierung trifft aber nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund. Es gibt vielfältige andere Formen der Diskriminierung, wie dieses Beispiel zeigt: In einer Kita steht für alle Beschäftigten die Teilnahme an einem großen Fachkongress an. Alle Fachkräfte wurden angemeldet, nur die 56 Jahre alte Frau K. nicht. Die Begründung: „Du gehst doch sowieso bald in Rente.“ Hier handelt es sich ganz offensichtlich um eine unmittelbare Benachteiligung aus Gründen des Alters, die nach Arbeitsrecht verboten ist. Frau K. könnte sich an den Betriebsrat oder die Beschwerdestelle wenden oder Unterstützung bei einer Antidiskriminierungsberatung suchen, die ihr dabei helfen können, ihre Rechte durchzusetzen. Auch aus fachlichen Gründen ist die Ausgrenzung von Frau K. nicht zielführend: Frau K. hat noch 10 Jahre Berufstätigkeit vor sich. Auf sie werden in dieser Zeit ebenso wie auf ihre Kolleginnen und Kollegen viele neue Herausforderungen zukommen, auf die sie sich, wie alle anderen auch, vorbereiten muss. Die Empfehlung: Das Thema sollte daher auf jeden Fall in Teamgesprächen und mit der Leitung kommuniziert werden.

Die Broschüre will für das Thema Diskriminierung sensibilisieren und auch Mut machen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Denn, so heißt es am Schluss: „Es gibt immer Möglichkeiten, sich gegen diskriminierendes Verhalten zu positionieren und Betroffene zu stärken und zu unterstützen.“ Die Broschüre ist eine große Hilfe dabei, entsprechende Wege zu suchen und zu finden.

Die Broschüre finden Sie als pdf-Datei im Anhang

Tags: Schau HIN, Diskriminierung,

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