Helfen 4.0 – alles auf einer Plattform: Projekt „sociallook“ bringt Digitalisierung in die Sozialwirtschaft

Thomas Rzepus stellte das Projekt vorNeudietendorf, 12. April 2018. Für Thomas Rzepus sieht „Helfen 4.0“ so aus: Ein junger Mensch, arbeitssuchend, greift zu seinem Handy. Sein Fallbearbeiter beim Jobcenter hat ihm gerade eine Nachricht geschickt und ein Dokument hochgeladen. Der junge Mann antwortet, gleichzeitig wird auch die Betreuerin beim Jugendamt über die neue Sachlage unterrichtet. Der Klient hat einer Vernetzung dieser beiden Einrichtungen zuvor natürlich zugestimmt. „Helfen 4.0“ geht schnell, effektiv, wird digital abgewickelt. In Nordhausen hat mit dem Projekt „sociallook“ die digitale Zukunft der Sozialwirtschaft Fahrt aufgenommen. Thomas Rzepus vom „HORIZONT e.V.“ ist mit den Ergebnissen des Projektes äußerst zufrieden. „Sociallook“ ist auch unter Mitarbeit der Fachhochschule Nordhausen entstanden – eines der Beispiele für gelungene Kooperation zwischen Sozialwirtschaft und Hochschulen in Thüringen. Vorgestellt wurde es beim Verbandstag des Paritätischen, der sich mit der Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis in Thüringen befasste.


Schon seit langem ist der Verein „Horizont“ in enger Verbindung mit der örtlichen Hochschule – zum gegenseitigen Nutzen, wie Rzepus bei dem Verbandstag unterstrich. Forschungsprojekte werden vergeben, Studierende können im Rahmen von Praktika in den Alltag von sozialwirtschaftlichen Unternehmen hineinschnuppern. Und auch so können die Unternehmen die Fachkräfte der Zukunft rekrutieren, unterstrich Rzepus beim Verbandstag.

Das von ihm entwickelte Projekt „sociallook“ vernetzt hilfebedürftige Menschen digital mit dem gesamten Spektrum von Behörden, Einrichtungen, Trägern oder Institutionen. Es ist kein Austausch von Akten mehr nötig, „sociallook“ erspart aufwändige Dienstreisen, vernetzt die beteiligten Einrichtungen schnell und effektiv. Denn eine Erfahrung machen Helferinnen und Helfer in zahlreichen Einrichtungen immer wieder: Hilfebedürftige Menschen sind oft überfordert bei der Suche nach Rat und Hilfe. Es gibt viele Ansprechpartner und Institutionen, Dienstleistungen sind kaum aufeinander abgestimmt und von einer ausreichenden Partizipation kann häufig auch keine Rede sein.

Eins ist bei dem Projekt entscheidend: Es liegt in den Händen des Ratsuchenden, welche Institution Zugriff auf vertrauliche Daten hat. Und er selbst kann auch festlegen, was der Ansprechpartner oder die Ansprechpartnerin in den Behörden darf: Ob Dokumente nur gelesen werden dürfen, ob Termine vereinbart werden können oder auch gemeinsame Ziele festgelegt und überprüft werden können. Mit den Ratsuchenden kann direkt kommuniziert werden das quasi in die Hosentasche per App auf dem Smartphone.

„Damit gehen wir gemeinsam mit allen beteiligten Institutionen, Behörden und Unternehmen neue und zukunftsweisende Wege, hin zur Sozialarbeit 4.0“, sagt Thomas Rzepus, der die Plattform entwickelt hat. „sociallook“ soll eine entscheidende Lücke in der Sozialwirtschaft schließen, soll ihr Anschluss an die digitale Entwicklung in Deutschland verschaffen. Denn Rzepus sieht hier großen Handlungsbedarf: „Die Sozialwirtschaft hat die Digitalisierung verschlafen und steht jetzt vor ganz neuen Herausforderungen.“

Nach Einschätzung von renommierten Experten hinkt die Sozialbranche der Entwicklung in anderen Teilen der Wirtschaft um 15 Jahre hinterher. Der Anschluss muss jetzt wieder mühsam geschafft werden.
Aber Rzepus ist nach seinen in den vergangenen Jahren gesammelten Erfahrungen optimistisch, dass die Lücke auch wieder geschlossen werden kann. Seiner Einschätzung nach wächst in der sozialen Arbeit, einer ansonsten eher technikfernen Branche, das Verständnis für die Notwendigkeit einer digitalisierten Arbeitsweise. Dadurch wird die Zentrierung der Arbeit auf die Belange und Erfordernisse des Klienten vorangetrieben, es wird der Dienstleistungscharakter der gesamten Branche unterstrichen und die Technologien sind da, müssten allerdings genutzt und zugänglich gemacht werden!

Mehrere Jahre hat Rzepus am Konzept der „sociallook“-Plattform gearbeitet. Jetzt läuft sie. 45 Mitarbeitende von zehn unterschiedlichen Institutionen sind beteiligt, über 80 Klienten nehmen an dem Feldversuch teil, dessen erste Ergebnisse sich sehen lassen können.

Deutschland verfügt zwar über ein durchdachtes Sozialsystem, das Hilfebedürftige in einem starken Netz auffängt, wenn Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Pflegebedürftigkeit die Lebensplanung über den Haufen werfen. Für diejenigen, die „sociallook“ in einem solchen Fall nutzen, bietet das System viele Vorteile. Einfach und schnell kann die benötigte Hilfe erlangt werden. Alle wichtigen Dokumente können auf der Plattform hochgeladen werden. Das erspart zum einen Zeit und Behördengänge, denn mit den Partnern kann digital kommuniziert werden. Termine können besser koordiniert und persönliche Zielstellungen können optimal und zielführend verfolgt werden. Aber die Entscheidungsbefugnis über das, was die einzelnen Einrichtungen zu sehen bekommen und was sie dürfen, verbleibt bei dem Klienten. Vernetzt werden können auf diese Art und Weise beispielsweise soziale Träger, Bildungsträger, Schulen, Ausbildungsbetriebe, Behörden und Ämter. Bearbeitungszeiten können so vereinfacht und verkürzt werden. Durch die Zusammenarbeit der Institutionen ist schnellere und effektivere Hilfe möglich, ist Rzepus überzeugt. „Dank digitaler Mehrwerte lassen sich auch im Sozialwesen Wertschöpfungspotenziale erhöhen“ fügt er an.

Natürlich kennt Rzepus auch die Bedenken, die gegen diese Art der sozialen Arbeit ins Feld geführt werden. Der Kontakt mit den Menschen gehe verloren, befürchten manche. Und natürlich werden auch Argumente der Datensicherheit ins Feld geführt. Außerdem die Frage, wie ältere Menschen eingebunden werden, für die digitale Kontakte oft noch immer eine hohe Hürde bedeuten. Ein Ethikgutachten, das „sociallook“ bei DiTeS (Digitale Technologien und Soziale Dienste) der TH Köln in Auftrag gegeben hat, soll diese und andere Fragen klären.

Und noch eins ist für Rzepus ganz entscheidend: Die „sociallook“-Plattform kann niemals als Grundlage für Sanktionen gegen die Klienten verwendet werden und ersetzt auch nicht den so wichtigen persönlichen Kontakt. „Der Schutz der Daten hat für uns höchste Priorität“, versichert Rzepus. Modernste Verschlüsselungssysteme schützen die hochsensiblen Daten vor Missbrauch Dritter. Außerdem richtet „sociallook“ sein Handeln nach den Grundsätzen der Digitalcharta der Europäischen Union aus.

Rzepus hat für seine Entwicklung schon viel Anerkennung erfahren: Der HORIZONT Verein gewann beispielsweise mit „sociallook“ den Wettbewerb „Modellhafte Projekte im Bereich Digitaler Innovationen und Digitaler Plattformen“ des Thüringer Wirtschaftsministeriums. Und der engagierte Nordthüringer möchte den Aktionsradius gerne weiter ausdehnen. Der im Augenblick im Norden des Freistaates laufende Feldversuch soll geöffnet werden. „Wer Interesse hat, kann sich gerne bei mir melden“. Und für Mitgliedsorganisationen des Paritätischen ist die Teilnahme kostenfrei, inklusive der Vor Ort Beratung und Einführung der Mitarbeiter/innen.

Zur Sache
Mehr Partizipation und Transparenz
Das Ziel von Sociallook ist es, soziale Interventionsdienstleistungen in ihrer Effizienz zu steigern, Wirkungen zu messen und Daten zur sozialpolitischen Steuerung anonymisiert zu sammeln. Weiterhin soll Sociallook als Diensteplattform den Anwenderinnen und Anwendern mehr Partizipation und Planungsverantwortung für ihre eigenen Interventionsprozesse ermöglichen. Des Weiteren soll sie mehr Transparenz in komplexen Interventionsverläufen und eine niedrigschwellige Kommunikation zwischen Anbietern sozialer Dienstleistungen und Kundinnen und Kunden ermöglichen (Applikationen). Die dadurch erhöhte Transparenz aller am Interventionsprozess beteiligten Institutionen führt zu einer Verbesserung und Optimierung in der Fallabstimmung - im Interesse der hilfebedürftigen Menschen.
• Kontakt:
• Web: http://sociallook.chayns.net/ und www.sociallook.net
• Facebook: www.facebook.com/sociallook.net
Telefon: 015228923483

Tags: Sociallook, Thomas Rzepus

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