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"Am Paritätischen geht kein Weg vorbei" - Interview mit Rolf Höfert

Rolf HöfertNeudietendorf, 10. November 2015. Rolf Höfert stellt sich bei der Mitgliederversammlung des Paritätischen an diesem Mittwoch erneut als Vorsitzender zur Wahl. Der hauptberuflich als Geschäftsführer beim Deutschen Pflegeverband tätige Höfert ist seit 1991 Vorstandsmitglied und seit 2007 Vorsitzender des Paritätischen. Im Interview zieht er eine Bilanz der vergangenen Wahlperiode und blickt voraus auf neue sozialpolitische Herausforderungen der nächsten vier Jahre.

Wenn Sie die vergangenen vier Jahre als Vorsitzender Revue passieren lassen. Was war der Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit?

Die Zusammenführung und Koordination der Paritätischen Unternehmen war sicher einer der Schwerpunkte.

Ihre Bilanz?

Es ist eine Erfolgsstory geworden. Wir haben eine sehr konstruktive und zielorientierte Struktur gefunden. Trotz der nach außen unterschiedlichen Firmierungen ist es gelungen, PARITÄTISC HE Identität in der Zusammenarbeit nach innen zu schaffen. Die Holding-Funktion der Paritätischen BuntSitftung hat sich bewährt. Gemeinsame Klausuren von BuntStiftung-Stiftungsrat und Landesverbandsvorstand haben die Effizienz der Arbeit gesteigert und gremienbedingte Reibungsverluste vermieden. Dazu trägt auch die Arbeit des Wirtschaftsausschusses bei.

Weitere wichtige Themen?

Natürlich hat sich in den vergangenen Monaten die Integration der Flüchtlinge als eine neue zentrale Aufgabe herausgestellt. Der Paritätische nimmt diese Herausforderung gerne an. Wir haben umfangreiche Fort- und Weiterbildungsprogramme aufgelegt. Ich erinnere nur an die Ausbildung von Flüchtlingspaten, die landesweit große Resonanz gefunden hat. Aber auch die Arbeit im Kinder- und Jugendbereich, das Engagement für Frauen und Familien ebenso wie in der Pflege sind zu Markenzeichen des Paritätischen geworden. Unser ständiges Werben für eine inklusive Gesellschaft hat zu deutlichen Erfolgen und einem Bewusstseinswandel in der Gesellschaft geführt.

Warum treten Sie erneut an?

Mir sind die positive Entwicklung der BuntStiftung in ihrer Holdingfunktion und die integrative Zusammenarbeit aller Paritätischen Unternehmen sowie der Mitgliedsorganisationen eine Herzensangelegenheit. Als wir vor acht Jahren diese Neustrukturierung beschlossen haben, war das eine mutige Entscheidung, die wir den Mitgliedern angetragen haben. Ich bin dankbar dafür, dass sie diesen Weg mitgegangen sind. Ich sehe meine Kandidatur im Sinne eines Überleitungsmanagements. Ich möchte den Wechsel in den Positionen des Geschäftsführers und des Direktors der BuntStiftung die nächsten vier Jahre konstruktiv-koordinierend begleiten.

Wo sehen Sie den Paritätischen derzeit in der Thüringer Gesellschaft verankert?

Am Paritätischen geht kein Weg vorbei. Er ist nicht als Bollwerk, sondern als selbstverständlicher Ideengeber in der Sozialpolitik aktiv. Mit seinen Mitgliedsorganisationen ist der Paritätische der größte Player im Bereich der Sozialwirtschaft. Die Zahlen sind beeindruckend: Etwa 28.000 hauptamtliche Mitarbeiter und mehr als 10.00 ehrenamtlich Tätige. Der Paritätische lebt vor Ort.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, der Paritätische ist nicht nur Bollwerk, sondern auch Ideengeber?

Unsere Philosophie ist es nicht zu opponieren, sondern zu kooperieren und gemeinsam mit der jeweiligen Landesregierung nach gemeinsamen Wegen zu suchen. Regierungen mögen wechseln, der Paritätische bleibt als Konstante in der sozialpolitischen Diskussion in Thüringen.

Ist das Motto „Wir verändern Thüringen“ nicht doch etwas zu forsch?

Nein, keineswegs. Wir sorgen für Veränderungen, wenn wir uns manchmal auch mehr wünschen würden. Nehmen Sie das Thema Freie Schulen. Hier hat der Paritätische an entscheidender Stelle an einer besseren Finanzausstattung gegenüber den ursprünglichen Regierungsplänen mitgewirkt, konnte sich aber noch nicht mit seinen Forderungen nach Nachbesserung auch für die sozialen Ausbildungsberufe durchsetzen. Daran arbeiten wir weiter. Ein anderes Beispiel: Wir haben beharrlich auf einen Ausbau der inklusiven Gesellschaft in Thüringen gedrängt und deutliche Fortschritte erzielt. Nehmen Sie den Pflegepakt: Hier haben wir uns als PARITÄTERINNEN und PARITÄTER sehr engagiert eingesetzt. Die Fachkräfteoffensive, die wir in Zusammenarbeit mit den anderen Partnerverbänden in der LIGA und der Landesregierung gestartet haben, trägt erste Früchte.

Bereitschaft zum Kompromiss gehört auch dazu?

Natürlich. Aber wenn wir mit einem Kompromiss unzufrieden sind, bohren wir weiter. Sie wissen doch: In der Politik muss man dicke Bretter bohren, aber der Bohrstaub trübt nicht unseren Blick auf das, was wir im Sinne unserer Mitgliedsorganisationen erreichen wollen.

Welches sind die wichtigsten sozialpolitischen Herausforderungen für Thüringen?

Wie Sie wissen, komme ich aus dem Pflegebereich. Deshalb ist mir wichtig, dass wir im Rahmen des Pflegepaktes konkrete Ansätze zur Stabilisierung und Verbesserung der pflegerischen Situation in Thüringen entwickeln. Der demografische Wandel lässt uns keine andere Wahl. Dabei sollte der Fokus auf einer lebensraumorientierten Versorgungs- und Begleitstruktur liegen. Hier müssen wir vor allem nach Lösungen für die ländlichen Regionen Thüringens suchen. Deshalb gilt: Der Pflegepakt muss weiterentwickelt und belebt werden. Mein Appell: Nicht reden, sondern machen.

Das Thema Flüchtlinge drängt derzeit alle anderen Themen in den Hintergrund...

Der Paritätische steht für eine Willkommenskultur. Viele PARITÄTERINNEN und PARITÄTER engagieren sich in der Flüchtlingshilfe – im Hauptamt, aber auch im Ehrenamt. Dafür herzlichen Dank. Die Hilfe für die Flüchtlinge ist richtig und wichtig. Aber genauso umfänglich muss die Hilfe für andere sozial Benachteiligte in Thüringen und Deutschland weitergehen. Es darf nicht sein, dass in der öffentlichen Auseinandersetzung die eine gegen die andere Gruppe ausgespielt werden kann. Der Paritätische steht mit seinen vielen Mitgliedsorganisationen, die in den unterschiedlichsten Feldern sozialer Arbeit unterwegs sind, für genau diese Bandbreite. Das ist der Vorteil gegenüber anderen Spitzenverbänden, die oft nur ein Flaggschiff haben. Wir dagegen setzen auf die viele Ruderboote, die die nötige Bewegung ins soziale Meer bringen.

Weitere Schwerpunkte?

Der qualitative Ausbau der Kitas in Thüringen ist ein wichtiges Anliegen. Auch die jüngsten Bertelsmann-Studien zeigen, dass Thüringen trotz einer Spitzenposition im Osten beim Betreuungsschlüssel noch großen Nachholbedarf hat. Außerdem werden die Anforderungen an die Kitas durch die Integration der Kinder aus Flüchtlingsfamilien immer größer. Chancengleichheit beginnt für Kinder durch eine gute Bildung in den Kitas. Ein anderes großes Thema ist für mich die Barrierefreiheit. Ich bin dankbar für die Arbeit, die der Verein „Barrierefrei in Thüringen“ (bith e.V.) unter seiner engagierten Vorsitzenden, meiner Vorstandskollegin, Petra Michels leistet. Hier ist in den vergangenen Jahren viel geleistet worden, aber es ist auch noch viel zu tun.

Wie sieht es mit der Barrierefreiheit gegenüber sozialen Randgruppen in den Köpfen aus?

Hier haben wir auch noch viel zu leisten. Barrierefrei heißt ja nicht nur schwellenarm und rollstuhlfreundlich. Denken Sie an diejenigen, die jetzt lauthals gegen Flüchtlinge und deren Integration auf die Straße gehen. Das sind oft die gleichen Menschen, die auch gegen Menschen mit Behinderungen auftreten. Hier sind wir als PARITÄTERINNEN und PARITÄTER Anwälte dieser Menschen, die isoliert und nicht gefragt sind, darüber hinaus noch oft diffamiert werden. Es sind diejenigen, die fernab der öffentlichen Wahrnehmung leiden. Deshalb sage ich auch: Kümmert Euch um diese Schweigenden, denn wer schreit, ist schon seine eigene Selbsthilfegruppe.

Tags: Rolf Höfert, Mitgliederversammlung, Vorstandswahl

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