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Ehrenamtliches Engagement

Ehrenamtler benötigen mehr Freiraum - „Symbiose von Ehren- und Hauptamt“

In den Workshops wurde intensiv diskutiertNeudietendorf, 15. September 2016. „Der Bürger ist zur Stelle – aber nicht auf Befehl.“ Für Winfried Theißen vom Paritätischen Nordrhein-Westfalen steht die Bereitschaft zum Engagement außer Frage. Allerdings warnte er in seinem Beitrag beim „Zukunftsforum: Ehrenamt in Thüringen“ eindringlich vor einer Überforderung der Bürger. Man sollte den freiwillig Engagierten viel mehr Spielraum lassen, um sich zu entfalten, so das einhellige Credo aller Referierenden bei diesem von der Glücksspirale unterstützten Fachtag, der sich um die Zukunft ehrenamtlichen Engagements in Thüringen drehte (siehe Bild).


Mit einem neuen Positionspapier will der Paritätische die Diskussion um das Ehrenamt in Thüringen neu beleben. Ehrenamt ist gesellschaftlicher Kitt vor Ort und gleichzeitig Motor für Veränderungen, heißt es in dem Papier, das anlässlich der Fachtagung vorgestellt wurde. Der stellvertretende Direktor der Paritätischen BuntStiftung, Stefan Werner, rief in seinem Impulsvortrag eindringlich zu einem Paradigmenwechsel auf: Ehrenamt dürfe nicht als Annex zum Hauptamt verstanden werden. Nötig sei eine Symbiose aus Ehren- und Hauptamt. „Professionalisierung auf beiden Seiten ist angesagt. Ehrenamt braucht professionelle Anleitung, gleichzeitig müssen Ehrenamtler aber auch als Experten in eigener Sache anerkannt werden“, heißt es in dem Positionspapier. „Ehrenamt darf Hauptamt nicht verdrängen. Ehrenamt kann aber hauptamtliche Strukturen – vor allem im ländlichen Bereich – ermöglichen und erhalten“, so die Position. Allerdings, und da knüpfte Werner an das von Theißen Gesagte an: „Ehrenamtler dürfen keine Ausfallbürgen für Fehlsteuerungen gesellschaftlicher Art sein.“ Notwendig seien andere Formen des solidarischen Zusammenlebens vor Ort. Und: Ehrenamtliche Tätigkeit müsse ganz oben angesiedelt werden. „Ehrenamt muss Chefsache sein.“
In Thüringen sind mehr als 40 Prozent der Bevölkerung ehrenamtlich tätig, das sind mehr als 800.000 Menschen. Diese Zahlen aus dem neuen Freiwilligen-Survey machen allen Beteiligten Mut, lassen sie aber gleichzeitig auch darauf achten, wo es noch große Stolpersteine für ehrenamtliches Engagement gibt. Da ist zum einen ein großer bürokratischer Aufwand, beklagte etwa Brigitte Manke, die Geschäftsführerin der Thüringer Ehrenamtsstiftung in der Diskussionsrunde. Auch das Thema ausreichender Aufwandsentschädigungen für ehrenamtliche Tätigkeit sei noch nicht hinreichend geregelt. „Man darf doch bei ehrenamtlicher Tätigkeit nicht draufzahlen“, sagte eine Teilnehmerin des Fachtages. Auch andere Probleme brennen den Ehrenamtlern in Thüringen auf den Nägeln, wie eine kurze Umfrage zu Beginn des Fachtages zeigte: Da wurde mehr Anerkennung politsicher und gesellschaftlicher Art verlangt, da wurde der Ruf nach besseren Rahmenbedingungen für Ehrenamtliche laut und es wurde auch mehr Qualifizierung, auch vor Ort, angeregt. Andreas Kotter, Referent beim Paritätischen, verwies in diesem Zusammenhang auf die umfangreichen Angebote, die die Paritätische Akademie bereithält.
Wie stark Ehrenamt das Gesicht der Vereine und Verbände prägt, zeigt eine Studie, deren Ergebnisse Kotter noch einmal kurz vorstellte. Danach sind 71 Prozent der befragten Paritätischen Organisationen stark oder sehr stark abhängig vom ehrenamtlichen Engagement. Allerdings gibt es auch eine Unwucht in der Altersstruktur: Nur 19 Prozent der Ehrenamtler in den befragten Verbänden sind unter 30, dafür aber 38 Prozent in der Altersgruppe der 46- bis 65-Jährigen und 22 Prozent älter als 6.
Die große Frage, die an diesem Tag im Raum stand: Wie kann man ehrenamtlichen Nachwuchs gewinnen und halten. „Wer nur mit Geld motiviert, hat kein besseres Argument“, sagte Theißen und er mahnte: „Wir müssen weg von den ausschließlich finanziellen Überlegungen“. Natürlich solle keiner beim Ehrenamt draufzahlen, aber die Hauptmotivation sei immer noch die Frage, was man durch sein ehrenamtliches Engagement bewirken und mitgestalten könne. „Manchmal ist keine Förderung nötig, sondern man muss die Menschen nur lassen“, setzte sich Professor Stephan Beetz von der Hochschule Mittweida engagiert für mehr Freiräume ein. Die Zivilgesellschaft müsse selbst definieren können, in welcher Gesellschaft man leben wolle und was man dafür auch tun wolle. Ehrenamt ist für ihn die „Bereitstellung privater Ressourcen für öffentliche Dienstleistungen.“
Netzwerkbildung vor Ort ist eine der wichtigsten Aktivitäten, um ehrenamtliches Engagement voranzutreiben. Das wurde von allen in der Runde unterstrichen. Hier sei der Paritätische in einem besonderen Vorteil, so Stefan Werner. Das Paritätische Netzwerk bestehe aus Kleinen und Großen und dadurch könne man auch sehr viel flexibler agieren als die „großen Tanker.“ Ehrenamt muss in den Vereinen und Verbänden ein Topthema sein, um bestmögliche Bedingungen für das Engagement zu schaffen. Ehrenamt und Hauptamt müssen sich sinnvoll ergänzen.
„Der Motor Ehrenamt läuft nicht mehr ganz rund. Damit er nicht ins Stottern gerät, muss man an vielen Stellschrauben drehen“, heißt es in dem Positionspapier. „Einen Masterplan dafür gibt es nicht“, unterstrich Stefan Werner. Aber viele gute Ansätze, damit das Ehrenamt in Thüringen auch weiter einer der Motoren gesellschaftlicher Entwicklung bleibt.

Das Positionspapier des Paritätischen finden Sie im Anhang.

Tags: Ehrenamtler, Ehrennamt, Vision Engagement

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