verband

Verbandstag: „Es muss cool sein, bei Ihnen im Verein zu sein“

Rege diskutiert wurde beim VerbandstagNeudietendorf, 20. Oktober 2017. Christoph Seifert macht die ehrenamtliche Arbeit Spaß. Der 27-jährige Lehrer engagiert sich auf vielfältige Art und Weise beim ASB Sömmerda, von der Jugendarbeit bis hin zur Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Er ist auch im Vorstand des ASB aktiv. 50 Prozent seiner Freizeit investiert er in dieses ehrenamtliche Engagement, erzählt er beim ersten Verbandstag des Paritätischen Thüringen. Und wie würde er jungen Leuten Mitarbeit in einem Vorstand schmackhaft machen? „Sie müssen spüren, dass sie ihre Herzensangelegenheiten durch diese Arbeit voranbringen können“, sagt er. Diese Sinnhaftigkeit des Tuns ist neben vielem anderen ein zentraler Baustein, wenn man allen Interessierten - nicht nur jungen Leuten - Mitarbeit in einem Vereinsvorstand schmackhaft machen will, sagte Landesgeschäftsführer Stefan Werner.


Ist Christoph Seifert mit seinem Engagement eine Ausnahme? Brigitte Schramm, die schon viele Vereine im Paritätischen bei Vorstandsfragen beraten hat, schüttelt den Kopf. Es gibt viele junge Menschen wie ihn, die sich engagieren. Aber es könnten auch mehr sein, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen stimmen würden. Immerhin sprechen die Zahlen dafür, sich verstärkt um die Gewinnung junger Leute zu kümmern: 37 Prozent der Vereine, die bei einer Studie befragt wurden, haben keine jungen Menschen im Alter zwischen 14 und 30 Jahren in einer ehrenamtlichen Leitungsfunktion.

Worauf es ankommt, um einen Verein zukunftsfähig zu machen und auch immer wieder neue Menschen für Vorstandsarbeit begeistern zu können, umriss Landesgeschäftsführer Stefan Werner: Sie müssten einen Sinn in ihrem Engagement finden, ihnen müssten Beteiligungsmöglichkeiten angeboten werden, sie müssten den Freiraum haben, ihre eigenen Ideen zu realisieren. „Es muss cool sein, bei Ihnen im Verein zu sein.“

Abschlussrunde mit Stefan Werner und Rolf HöfertDazu gehört nach Einschätzung von Werner aber auch, dass ein Verein sich immer wieder selbst hinterfragt, seine Satzung und seine Aufgaben überprüft, eine große Innovationsfreude an den Tag legt und auch digitale Strategien für die Vereinsarbeit entwickelt. Vereine müssten sich als politische Akteure verstehen und so ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden. Auch eine Gesamtstrategie zur Personalentwicklung sei nötig. Werner verwies in diesem Zusammenhang auf das angelaufene Projekt „Personalentwicklung mit Wirkung“ des Paritätischen.

Viele Vereine tun sich sehr schwer damit, geeignete Nachfolger für ausscheidende Vorstandsmitglieder zu finden. Das wurde in der sehr intensiven Diskussion mit den Teilnehmenden an dem Verbandstag deutlich. Verschiedene Faktoren spielen dabei eine Rolle: Die Angst, Verantwortung zu übernehmen, zählt dazu. Die Sorge, in vereinsinterne Machtkämpfe verwickelt zu werden und auch die berechtigten Fragen nach einer Haftung von Vorstandsmitgliedern sind weitere Hürden für viele.

„Nachfolger zu finden braucht Zeit und lässt sich nicht erzwingen“, sagte Vorstandsreferent Andreas Kotter in seinem Input Dazu gehört eine ehrliche Standortbestimmung des Vereins und die Definition von Zielen. „Nur wer weiß, wo er hin will, kann auch ankommen“, so Kotter. Und: Vorstandsnachfolge sollte langfristig vorbereitet werden. Die praktischen Erfahrungen aus Vereinen zeigen, dass ausscheidende Vorstandsmitglieder nicht loslassen können, weil sie eine hohe Bindung an ihr Werk und ihren Verein haben. Die Suche nach Nachfolgern wird, so Kotter, oft zu spät gestartet. Und das sind dann denkbar ungünstige Voraussetzungen für ein geordnetes Übergangsmanagement.

Das unterstrich auch der Vorstandsvorsitzende des Paritätischen, Rolf Höfert. Immer wieder erreichten den Verband Hilferufe von Mitgliedsorganisationen, die vor dem Problem der Vorstandsnachfolge stünden. „Hier ist es uns wichtig, langfristig schon über derartige Szenarien nachzudenken und ein Übergangsmanagement geordnet einzuleiten“, so Höfert. Mit dem Verbandstag hat der Paritätische jetzt ein neues Format geschaffen, bei dem aktuelle Herausforderungen der Mitgliedsorganisationen vorgestellt und diskutiert werden sollen. Der nächste Verbandstag im Jahr 2018 soll sich mit dem Thema Haftungsrecht beschäftigen.


Danny Stolle und Michael Melzig stellten das Forschungsprojekt vorBei dem Verbandstag fiel auch der Startschuss für die zweite Stufe des Forschungsprojekts, das der Paritätische gemeinsam mit der Ernst-Abbe-Hochschule Jena auf den Weg gebracht hat und bei dem die Vorstandsnachfolge im Zentrum steht. Martin Melzig und Danny Stolle, Masterstudierende der EAH Jena, stellten das Projekt vor (unser Bild).  Gemeinsam mit drei weiteren Kommilitonen und unter Leitung von Professor Michael Opielka untersuchen sie die aktuelle Situation in den Mitgliedsverbänden des Paritätischen hinsichtlich der Vorstandsbesetzung und nachfolge.

Mit dem Verbandstag startete auch eine Online-Befragung innerhalb der Paritätischen Mitgliedsorganisationen. Einen Monat haben die Mitglieder jetzt die Möglichkeit, die von den Studierenden gestellten Fragen zu beantworten. Die beiden Studenten appellierten ebenso wie Rolf Höfert an die Mitgliedsorganisationen, sich möglichst umfangreich zu beteiligen und die Fragebogen auch vielen Mitarbeitenden zugänglich zu machen. Einen Monat steht der Fragebogen online. Anschließend werden die Antworten ausgewertet, erste Ergebnisse sollen im Frühjahr 2018 präsentiert werden. Die Zugangsdaten zum Fragebogen sind den Mitgliedsorganisationen bekannt bzw. finden sich in den Fachinformationen.

Das Thema Vorstandsnachfolge wird den Paritätischen weiter beschäftigen. Nachdem Verbandstag folgen jetzt drei Regionalworkshops, bei denen weiter an der Thematik gearbeitet wird. Die Termine:

Regionalworkshop 1: 27.10. 14 bis 18 Uhr, Nordhausen, MGH, LIFT gGmbH, Freiherr-vom-Stein-Straße 60 (Anmeldefrist 20.10.)

Regionalworkshop 2: 10.11. 14 bis 18 Uhr, Jena, Aktion Wandlungswelten, Schenkstraße 21 Jena (Anmeldefrist 27.10.)

Regionalworkshop 3: 24.11., 14 bis 18 Uhr, Suhl, Suhler Werkstätten, Weidbergstr. 2, (Anmeldefrist 10.11.)

Christoph Seifert, das junge Vorstandsmitglied des ASB Sömmerda,  jedenfalls fühlt sich nach dem Verbandstag in seinem ehrenamtlichen Engagement bestätigt. Er geht, ebenso wie alle anderen, mit vielen neuen Anregungen und vielen Ideen nach Hause.

Tags: Ehrenamtliches Engagement, Verbandstag, Vorstandsnachfolge

Drucken