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Wahl-lokal-sozial 2017

Leiharbeiter Sebastian: „Wie soll ich mit dem geringen Verdienst mal eine Familie gründen?“ – Arbeitsmarkt und Bildung bei Diskussion in Gotha im Fokus

Gotha, 7. September. Die Geschichte, die Sebastian erzählt, berührt: Der junge Mann aus Gotha ist derzeit als Leiharbeiter tätig, er hat alle Nachteile dieser Branche am eigenen Leib erfahren: Geringerer Verdienst als die Festangestellten, verschiedene Firmen, Einsätze jenseits der Bereiche, für die er sich eigentlich interessiert. Denn Sebastian würde gerne irgendetwas im Bereich Kunst oder Medien machen. „Aber hier werden die Abiturienten eindeutig bevorzugt“, sagt er. Und er fragt sich, wie er mit dem wenigen, was er als Leiharbeiter verdient, irgendwann einmal eine Familie gründen soll. Leiharbeit, die Situation auf dem Arbeitsmarkt und die Chancengerechtigkeit des deutschen Bildungssystems – das waren die Themen, die die fünfte Runde von „Wahl-lokal-sozial“ in Gotha dominierten.

Sebastian beispielsweise fordert gleiche Bezahlung mit den festangestellten Kolleginnen und Kollegen von Anfang an – und nicht erst nach neun Monaten. Er bezweifelt die Durchlässigkeit des Bildungssystems, die Chancengerechtigkeit, die allen geboten werden soll. Tankred Schipanski, der CDU-Bundestagsabgeordnete, hört wie die anderen Kandidatinnen und Kandidaten in der Runde aufmerksam zu, verweist dann auf die deutlichen Verbesserungen, die die Bundesregierung in den vergangenen Jahren für Leih- und Zeitarbeiter erreicht habe, macht aber auch deutlich, dass Leih- und Zeitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt benötigt würden, damit Unternehmen Personalengpässe und Auftragsspitzen flexibel abfangen könnten. Für ein Ende der befristeten Arbeitsverhältnisse und gleiche Bezahlung von Anfang an plädierten die Kandidatinnen und Kandidaten von SPD, Linken und Grünen, Petra Heß, Anke Hofmann-Domke und Matthias Schlegel.

Deutliche Differenzen gab es bei der Frage, ob es in Deutschland gerecht zugehe. Anke Hofmann-Domke kam an diesem Tag gerade vom Thüringer Arbeitslosenparlament. „Dort ist auch in einer Resolution deutlich gemacht worden, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergeht.“ Petra Heß (SPD) stimmte zu: „Es geht nicht gerecht zu in Deutschland.“ Und Matthias Schlegel von den Grünen beklagte, dass das deutsche Bildungssystem nicht durchlässig genug sei, um auch Kindern aus benachteiligten Familien gleiche Aufstiegs- und Teilhabechancen zu bieten. Tankred Schipanski (CDU) ist demgegenüber der Meinung, dass Einkommen und Vermögen in Deutschland gerecht verteilt seien, er verwies auf die hohen Sozialausgaben, die mittlerweile 41 Prozent des Bundesetats ausmachten.

Dass Deutschland eine gute Bildungspolitik brauche – darüber waren sich alle einig. Aber wie die Bildungslandschaft in Deutschland künftig aussehen soll – darüber gingen die Meinungen auseinander. Während die Vertreterinnen und Vertreter von Linkspartei, SPD und Grünen für bundeseinheitliche Bildungsstandards plädierten und dem Bund mehr Rechte in der Bildungspolitik einräumen wollten (Stichwort Aufhebung des Kooperationsverbots zwischen Bund und Ländern im Bildungsbereich), machte sich Schipanski für einen Staatsvertrag zwischen den Bundesländern stark, der eben diese Standards festschreiben sollte. Allerdings verwies er auch auf die Schwierigkeit, dass ein solches Vorhaben bisher an den Bundesländern gescheitert sei.

Auch das Thema besserer Rahmenbedingungen für die Arbeit an den Kitas kam auf den Tisch. Hier verwies Steffen Richter vom Paritätischen auf die Aktion „Qualität hat Vorfahrt“, mit der ein dringend notwendiger günstigerer Personalschlüssel und andere wichtige Nachbesserungen bei der Landesregierung eingefordert würden. Er appellierte an die Abgeordneten, im nächsten Bundesetat die notwendigen Mittel für die vom Bund angekündigte Qualitätsoffensive an den Kitas einzustellen. Nach den bisherigen Berechnungen könnten dann 28 Millionen Euro nach Thüringen fließen. Der Bundeshaushalt wird von der neuen Bundesregierung – in welcher Konstellation auch immer – neu ausgehandelt. Gleichzeitig wies Richter ebenso wie mehrere Kita-Erzieherinnen auf notwendige Änderungen bei der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern. Die bis jetzt fünfjährige Ausbildung gehöre dringend auf den Prüfstand. Die Kandidatinnen und Kandidaten aller Parteien sicherten zu, dieses Anliegen aus der Runde mitzunehmen und in die entsprechenden Gremien zu tragen.

Tags: Wahl-lokal-sozial 2017

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