„Soziale Arbeit im Risiko!“ – Paritätischer Thüringen veröffentlicht alarmierende Ergebnisse zur Bewilligungspraxis
Neudietendorf, 23.02.2026 | Die Umsetzung sozialer Beratungs- und Unterstützungsangebote in Thüringen steht jährlich auf wackligen Beinen. Das zeigt die aktuelle Auswertung des Paritätischen Thüringen zur Bewilligungspraxis von Fördermitteln. Die Umfrage hat der Paritätische im Jahr 2025 – rückwirkend für 2024 durchgeführt. 153 Rückmeldungen zuwendungsfinanzierter Angebote erreichten den Wohlfahrtsverband und wurden ausgewertet – mit einem alarmierenden Befund: Die Rahmenbedingungen für soziale Angebote bspw. für Familie, Frauen und Ratsuchende gefährden die Stabilität der sozialen Infrastruktur im Land und bringen die Träger dieser Angebote zunehmend in prekäre finanzielle Situationen. Landesgeschäftsführer Stephan Panhans findet klare Worte: „Wir haben es nicht mit bedauerlichen Einzelfällen zu tun, sondern mit einem strukturellen Problem, welches Träger seit Jahren belastet.“
Die Analyse zeigt ein klares Muster: 99 Prozent der Angebote starten ohne Bewilligung der Finanzierung ins Jahr und somit ohne jede Planungssicherheit. Die meisten Bescheide erreichen die Träger erst zwischen Februar und Juni, viele sogar erst in der zweiten Jahreshälfte. Mehr als die Hälfte der Angebote erhält keinerlei Abschlagszahlungen, obwohl die Angebote vorgehalten werden. Nur eine Minderheit bekommt formelle Abschlagsbescheide, sodass viele Organisationen gezwungen sind, monatelang in Vorleistung zu gehen und sogar Zinsen zu tragen, ohne diese erstattet zu bekommen. Durch späte Bewilligungen verschiebt sich die Auszahlung der Mittel zudem häufig in den Jahresendbereich, was zu einem regelrechten Ausnahmezustand in den zumeist ehrenamtlich geleiteten Vereinen führt.
Diese Probleme sind nicht neu. Bereits 2022 zeigte eine Befragung der Mitglieder des Paritätischen Thüringen ein ähnliches Bild. Die aktuelle Situation verdeutlicht: Die strukturellen Herausforderungen werden nicht kleiner. Dem Paritätischen Thüringen ist es daher ein wichtiges Anliegen, diese Schieflage sichtbar zu machen. Befragungen wie diese sind notwendig, um realistische Einblicke in die Situation der Träger zu geben und politisches Handeln einzufordern. Betriebsmittelrücklagen, die eigentlich zur Absicherung gegen unvorhersehbare Ausgaben dienen sollen, werden inzwischen selbstverständlich genutzt, um die Monate bis zur Bewilligung zu überbrücken. Für echte Notfälle reichen diese Rücklagen jedoch längst nicht mehr.
Bereits im Frühjahr 2025 hat der Paritätische Thüringen im Impulspapier „Rahmenbedingungen für zuwendungsfinanzierte Einrichtungen auf den Prüfstand“ konkrete Vorschläge für Verwaltungsvereinfachungen und Bürokratieabbau vorgelegt. Die Lösungen liegen auf dem Tisch – sie müssen nur umgesetzt werden. Die Bewilligungspraxis ist dabei nur eine von vielen Baustellen, wenn es um die Förderung von notwendigen Angeboten der sozialen Infrastruktur geht. Das Problem zu erkennen, ist ein erster wichtiger Schritt. Umso dringlicher ist es jetzt, ins Handeln zu kommen, Engagement in der sozialen Arbeit zu stärken und die Vereine nicht länger sich selbst zu überlassen.
Panhans richtet deshalb einen klaren Appell an die Landespolitik: „Wer über soziale Infrastruktur entscheidet, muss wissen: Die geschilderten Probleme sind keine Einzelfälle, sie prägen den gesamten sozialen Bereich. Dabei sollte es unser gemeinsames Ziel sein, Menschen zu ermutigen, sich zu engagieren, mutig Neues auszuprobieren und soziale Innovationen voranzubringen. Die aktuelle Bewilligungspraxis erzeugt jedoch Frustration statt Rückenwind und trägt nicht zur Attraktivität der sozialen Arbeit bei. Deshalb brauchen wir eine zuverlässige öffentliche Hand, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und zugleich die Voraussetzungen erhält, diese Verantwortung verlässlich wahrzunehmen. Nur dann bleibt soziale Arbeit in Thüringen stark“.

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